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Aachen: Spieler-Mobbing „ist ein Aachener Phänomen”

Aachen : Spieler-Mobbing „ist ein Aachener Phänomen”

Der Spieler saß weinend in der Kabine. „Bis heute habe ich gedacht, alle verlieren”, kommentierte er die Pfiffe gegen sich. „In Wahrheit war ich aber der einzige Verlierer. Es deprimiert mich, wenn ich von den eigenen Fans so behandelt werde.”

Der Spieler war Taifour Diane, der Vorgang ist exakt sieben Jahre her und geändert hat sich seitdem - nicht viel.

Die Galerie der Mobbing-Opfer einiger Schreihälse am Tivoli ist lang. Zu lang. In den 60er Jahren traf es Theodor Laumann, später Bernard Olck oder Theo Gries. In der ewigen Schuld-und-Sühne-Debatte waren später Diane, Ingo Menzel, Emil Noll, Kristian Nicht die Opfer. Die Liste wird immer dann aktualisiert, wenn die Mannschaft hinter den eigenen Erwartungen herhechelt.

Am Sonntag traf es Pekka Lagerblom. Der Finne näherte sich der Trainerbank, als die Volksseele auf Teilen der teureren Plätzen kochte. „Viele haben gedacht, jetzt wechselt der Trainer beim Stand von 1:0 den nächsten Verteidiger ein”, sagt Dirk Heinhuis. So sei der Finne vermutlich nur der Blitzableiter für den Frust über den Trainer gewesen.

Nachvollziehen kann der Sprecher der Interessengemeinschaft den geballten Unmut vieler Fans nicht. „Das ist ein Aachener Phänomen, sich immer jemanden herauszupicken. Widerlich. Es ist ein Armutszeugnis, dass das Team zu so einer Aktion quasi gezwungen wird.”

Manager Jörg Schmadtke hat den offenen Brief ebenfalls unterzeichnet, will die Freiheit bei Personalentscheidungen nicht irgendeinem Block opfern. „Wir haben immer ein besonderes Verhältnis zu unseren Fans gehabt. Da muss es zum jetzigen Zeitpunkt auch erlaubt sein, auf Fehlentwicklungen hinzuweisen.”

Ein „Prügelknabe” des Publikums sitzt inzwischen auf der Tribüne. Kristian Nicht wird den Verein im Winter verlassen, kündigt er an. Nach einer Erklärung für den Bannstrahl durch die Anhänger hat der Aufstiegstorwart oft gesucht. „Natürlich liegt es auch an einem selbst, aber eine schlüssige Erklärung für solche Ablehnung habe ich nicht.”

Selbst an der eigenen Haustür wurde er vor ein paar Wochen belästigt. Nicht hält die Grenzen der Toleranz in Aachen für überschritten. „Das hat mit Fußball nichts zu tun.” Pfiffe und Kritik seien erlaubt, sie seien Bestandteil des öffentlich ausgeübten Berufes, meint der Keeper. „Aber es kann nicht sein, dass hier jemand fertig gemacht wird.”

Fazit des Aufstiegskeepers, der privat eher ungern die Kaiserstadt verlassen wird: „Man kann sicherlich nicht alle über einen Kamm scheren. Aber das Publikum vor dreieinhalb Jahren war sensationell. Diese Qualität ist etwas abhanden gekommen.”

Als Nicht seinen Platz im Tor vor ein paar Monaten mit einem Tribünenplatz tauschen musste, begründete der Trainer das auch mit dem „murrenden Publikum”. Da habe Guido Buchwald einige Nachahmungstäter auf den Plan gerufen, kritisiert der IG-Sprecher. Stadionbesucher, die merken, dass sich ihr Protest sogar auf die Aufstellung auswirkt. So gehört Nicht wohl zu den wenigen Profis, die auch per Volksabstimmung ihren Arbeitsplatz verloren haben.

Wieso Lagerblom?

Buchwald wehrt sich, will „niemals” nach den Vorstellungen des Publikums, sondern orientiert an den Trainingseindrücken aufstellen. Ohnehin kann Buchwald nicht einmal nachvollziehen, wieso gerade Lagerblom zur Reizfigur wurde, auch wenn dessen Leistungen teilweise eher schlecht gewesen sind. „Er ist ein Spieler mit einer 100-prozentigen Einstellung, der alles für den Verein abruft.”

Der Trainer wundert sich ein wenig, welche Themen bei Alemannia aktuell werden. „So wie in Aachen habe ich das noch nicht erlebt”, sagt Buchwald. „Das ist problematisch und nicht nachvollziehbar, kann uns im Extremfall sogar Punkte kosten.” Mannschaft und Trainer haben viel Zustimmung in den letzten Stunden erfahren. Sie wollen für das üble Thema sensibilisieren. Die Mannschaft wehrt sich, auch wenn sie sportlich angreifbar ist. „Ich finde es sehr gut, wie die Gruppe reagiert hat.”

Pekka Lagerblom wollte am Dienstag nur wenig reden. „Ich habe mich über die Aktion der Mannschaft gefreut. Ich hoffe, dass ich mir durch gute Leistungen bald wieder das Vertrauen der Fans erarbeiten kann.”