Leeuwarden/Kerkrade: Roda Kerkrade: „Jetzt ist der Giftbecher leer”

Leeuwarden/Kerkrade: Roda Kerkrade: „Jetzt ist der Giftbecher leer”

Solche Serien lechzen nach Dramatik, sie schreien nach ihren Helden. Und manchmal wird es derart auf die Spitze getrieben, dass es nur glauben kann, wer dabei gewesen ist.

Das dritte, das entscheidende Spiel um einen Platz in der niederländischen Fußball-Ehrendivision zwischen Cambuur Leeuwarden und Roda JC Kerkrade war solch ein Match - 10.500 Zuschauern im ausverkauften Stadion stockte der Atem, bis eine halbe Stunde vor Mitternacht die Achterbahnfahrt am Rande des Kollaps beendet war.

„Wir haben in dieser Saison so unbeschreiblich viel durchgemacht”, sagte Bram Castro, Roda-Torhüter, „aber jetzt ist der Giftbecher leer”.

0:0 in der ersten Partie, 1:1 in der zweiten; am späten Mittwochabend dann 1:1 nach 90 Minuten, 2:2 nach Verlängerung und 3:1 im Elfmeterschießen für Kerkrade: Auf den allerletzten Drücker sprang der einstige Europacup-Starter dem Abstiegs-Teufel von der Schippe, und Trainer Harm van Veldhoven, im November als Retter verpflichtet, hatte seine Mission gegen einen hohen Preis erfüllt: „Ich bin im letzten halben Jahr 50 Jahre älter geworden.”

Der Showdown in Friesland ist ein Kapitel im Buch denkwürdiger Fußballspiele wert. Bis vier Minuten vor Ende der regulären Spielzeit war Roda durch ein Tor von Rachid El Khalifi (35.) zweitklassig, dann rettete Boldizsár Bodor die Verlängerung. Bis zwei Minuten vor Ende des „Nachsitzens” war Kerkrade durch einen Treffer von Anouar Hadouir (97.) wieder erstklassig, dann verwandelte Michael Jansen einen höchst fragwürdigen Handelfmeter. „In dieser Sekunde habe ich gedacht: Jetzt ist es wirklich gelaufen”, sagte Martin van Geel, Technischer Direktor. „So muss diese Saison ausgehen, das kann gar nicht anders.”

Doch in der Lotterie Elfmeterschießen zog Roda noch das große Los, und Bram Castro, der zwei Versuche parierte, überließ es den Beobachtern, den Titel „Held des Abends” auszuloben. „Ich bin einfach nur froh, dass wir den Klassenerhalt geschafft haben. Es war eine sehr schwierige Saison”, für den 26-jährigen belgischen Keeper im Speziellen. Seine Leistungen hatten oft Anlass zu Kritik gegeben, von sieben Elfmetern gegen die Gelb-Schwarzen hatte er keinen einzigen gehalten. Und dann war da noch die handfeste Auseinandersetzung mit dem Kollegen Anouar Hadouir vor ein paar Wochen im Training, Castro meldete sich mit einer Platzwunde am Auge bei der Polizei und erstattete gegen den gleichaltrigen Holland-Marokkaner Anzeige wegen Körperverletzung. Hadouir wurde suspendiert und erst vor dem 3:2 bei Feyenoord Rotterdam - das die Relegation überhaupt ermöglichte - begnadigt. Weil die Mannschaft ihr Okay gab und Castro seine Anzeige zurückzog.

Mit dem allerletzten Aufgebot, ohne acht gesperrte, verletzte oder zu Nationalteams abgereiste Profis, mit einem Fünf-Tore-Sturm und vier A-Junioren auf der Bank (Erfahrung: drei Erstliga-Minuten) verhinderte Roda das große Desaster. Nach dem Possenspiel der gescheiterten Fusion mit Fortuna Sittard wird die sportliche Zukunft jedoch nicht leichter, die Mannschaft droht - wegen finanzieller Zwänge - auseinander zu fallen. Marcel Meeuwis ist schon weg (für 1,5 Millionen Euro zu Borussia Mönchengladbach), Top-Torjäger Sekou Cissé steht angeblich bei Twente Enschede im Wort, will nun aber lieber doch zu Feyenoord wechseln, Kapitän Davy De Fauw wird aus der belgischen Heimat umworben (KRC Genk), und auch Anouar Hadouir könnte Geld für die Vereinskasse bringen. Ablösefrei und abwanderungswillig sind der Este Andres Oper (hat bereits mit Iraklis Saloniki verhandelt) und Boldizsár Bodor - der Belgo-Ungar hat ein Angebot zur Vertragsverlängerung abgelehnt.

Und auch der „Held von Leeuwarden”, noch ein Jahr an Roda JC gebunden, scheint keine Lust auf eine zweite Zitter-Saison zu verspüren. „Ich weiß nicht”, sagt Bram Castro, „ob ich bleiben möchte.”

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