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Ordnung nur beim Zirkel vor dem Anpfiff

Ordnung nur beim Zirkel vor dem Anpfiff

Eine rührende Szene: Elf Mönchengladbacher fügen sich zusammen zu einem Kreis. Das soll branchenüblich demonstrieren: Wir sind eine Einheit. Es ist ein Wunsch- oder sogar ein Trugbild.

Der Männer-Zirkel ist die einzige Ordnungsform, die die Borussen beherrschen. Wenige Minuten nach dem Anpfiff ist diese Geste als Illusion oder Alibi enttarnt.

In Köln bereits nach gut fünf Minuten. Bis dahin konnte der gemeine Stadionbesucher glauben, oh - die können ja Fußball spielen! Können die auch, größtenteils - jeder für sich. Das Personal, das Trainer Horst Köppel zur Verfügung steht, ist das beste seit Jahren. Diese individuellen Qualitäten sind naturgemäß offensichtlich in der Anlauf-Phase eines Spiels. Das ist die Zeit, in der sich die Teams finden, in Tritt kommen müssen, sich in ihr System reinspielen.

Gladbach braucht diese Tast-Zeit nicht - die elf Auserwählten haben kein System. Da mag Horst Köppel von der Raute oder anderen Mittelfeld-Formen reden: Nach wenigen Minuten fliegen erste Stoßseufzer gen Fußball-Himmel: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!

Die Kölner wohl (nach einigen Minuten). Und so spielte in Hälfte 1 eine Mannschaft „ohne Trainer” gegen eine Mannschaft mit Trainer. Der Letztere heißt Uwe Rapolder. Und der FC-Coach, das ist der mit einem „Plan”, musste trotzdem leiden. Erst später, denn nach der Pause hätte die so hoffnungslos unterlegene Borussia dennoch gewinnen können. Kahé bekam die Möglichkeiten dazu und vergab sie. Was ihm hoch anzurechnen ist. Denn die Probleme wären dann nur vom Ergebnis, eben einem Sieg, übertüncht worden.

Es geht nicht um den neuen Stürmer, der seine Hundertprozentigen verdaddelte; es geht nicht um Thomas Helveg, der Lichtjahre davon entfernt ist, in der Innenverteidigung helfen oder gar den Abwehrchef spielen zu können. Es geht nicht um Krisztian Lisztes, der - nicht spielfit - erneut anfangen durfte und beim zweiten Treffer patzte. Es geht nicht um einen Mann namens Hassan El Fakiri, der - oder halt, stopp! Es geht einerseits nicht darum, dass der Norweger eine Fehlbesetzung als zweiter Mann vor der Abwehr neben Niels Oude Kamphuis ist.

Augenwischerei

All diese Fehler-Ansätze: Augenwischerei. Es geht um das, was Mönchengladbach im Training macht, oder offensichtlich nicht macht. Und für diese Analyse muss erneut Herr El Fakiri herhalten. Der lief und lief und lief und lief und lief am Samstag. Bewundernswert. Nun muss man aber wissen, dass es beim Fußball nicht um Miles & More geht, mehr um das richtige, effektive Laufen. Um die richtigen Laufwege, um Automatismen. Das kann der Borussen-Neuling nicht. Und steht damit nicht allein.

45 Minuten demonstrierten personell nicht gerade besser sortierte Kölner, dass man sich solche Dinge in der Alltagsarbeit aneignen kann. Dazu gehört auch, dass sich einer aus der Viererkette ins Mittelfeld schiebt, wenn Gegner wie die Kölner nur mit zwei Spitzen agieren. Es sei denn, man liebt die zahlenmäßige Unterlegenheit.

Aber Oliver Neuville wundert sich lieber: „Die haben mit zwei Mann vor der Abwehr gespielt. Und der Sinkala war immer frei.” Horst Köppel klammert sich daran, dass es in der zweiten Hälfte besser lief. „Unser taktisches Verhalten war in der zweiten Halbzeit besser. Für mich ist das komisch, dass es da plötzlich geklappt hat.” Und deutete die Rückkehr zur Rautenform als Grund an. Fehlinterpretation. Der FC ließ sich extrem zurückfallen, die Überlegenheit der Gäste war naturgegeben.

Doch der nach Jahren erfahrene Fußballlehrer strickt weiter an der Mär vom Halbzeit-Helfer. Vor der Pause „saß ich auf meinem Stuhl wie angewurzelt. Ich habe keine Worte gefunden.” Die rechte Antwort auf das Kölner 3-5-2-System war zudem ein reines Übermittlungsproblem. Horst Köppel fehlte nur die Stille, um seine Spieler auf den rechten taktischen Pfad zu lenken. „Im Stadion ist es zu laut, da hören mich die Spieler nicht. Ich habe den Halbzeitpfiff herbeigesehnt.”

Das wird nicht besser werden, es sei denn, der Borussen-Coach kehrt zur Idylle der Amateur-Mannschaft zurück. Ein Antrag auf Geisterspiele ist mit wenig Aussichten auf Erfolg behaftet. Und auch nicht gewünscht. Das wird ihm „Finanz-Minister” Stephan Schippers wohl verklickern. Wer aber bringt Horst Köppel bei, dass eine Mannschaft auch ohne einen „Fußball-Flüsterer” und bei Disco-Lautstärke Dinge abspulen können muss, die erarbeitet wurden? In aller Stille.