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Berlin: Oliver Bierhoff: „Wettbewerb ist unser Leben”

Berlin : Oliver Bierhoff: „Wettbewerb ist unser Leben”

Seit Juli 2004 ist Oliver Bierhoff der Teammanager der deutschen Nationalmannschaft. In jenem Sommer, als die Gruppe ihr Ansehen gründlich bei der Euro in Portugal ramponierte, musste sich der DFB neu erfinden: Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff fingen an.

Die Wege haben sich (vorerst) getrennt, das Ansehen der Nationalmannschaft ist repariert. Bierhoff erlebte auch 2008 einen turbulenten Sommer - mit regelmäßigem Krach in den eigenen Reihen. Vor dem Spiel am Mittwoch in Berlin gegen England traf sich unser Redakteur Christoph Pauli mit dem 40-Jährigen.

Wie oft hatten Sie als Spieler den Eindruck, Sie müssten sich gegen tatsächliche und vermeintliche Ungerechtigkeiten öffentlich wehren?

Bierhoff: Ich bin eher rational veranlagt. Deswegen habe ich immer akzeptiert, dass ein Verein oder ein Trainer Entscheidungen treffen muss. Mich hat vielmehr gestört, wenn mir das nicht erklärt wurde oder wenn ich angelogen wurde. Aber ich bin nie an die Öffentlichkeit gegangen. In Italien ist der Mister (Trainer; d. Red.) in einer stärken Position als in Deutschland.

Ist Joachim Löw nicht nach den Disputen mit Kevin Kuranyi, Torsten Frings und Michael Ballack in der veröffentlichten Meinung zum Sieger ausgerufen worden?

Bierhoff: Wenn man sich zurücklehnt und die Aussagen anschaut, muss man klar Stellung für Joachim Löw beziehen. Die erste Aufgabe eines Führungsspielers ist es, Kritik intern zu äußern. Eine andere Sache wäre es höchstens, wenn jemand nach außen geht, weil er intern nicht weiterkommt. Aber so war es ja nicht.

Über die falsche Vorgehensweise der Spieler ist viel gesprochen worden. Aber wo liegt das Motiv für zwei sehr erfahrene Spieler, so vorzupreschen?

Bierhoff: Mit der Begründung will ich mich nicht mehr befassen. Es kommt auch in Vereinen immer einmal wieder vor, dass gestandene Spieler ihr Gewicht in der Öffentlichkeit nutzen, wenn ihre Position in Frage gestellt wird. Sie versuchen einen gewissen Druck auf den Trainer auszuüben, und meistens finden sie Gehör in der Medienlandschaft.

Gab es nach der EM die grundsätzliche Erkenntnis, dass ein neuer Prozess eingeleitet werden musste?

Bierhoff: Die schwankenden Leistungen bei der EM haben uns zu denken gegeben. Joachim Löw hatte gut daran getan, an gewissen Spielern festzuhalten, aber nach der EM war die Möglichkeit da, einen Umbruch einzuleiten.

Sie skizzieren Löw als sehr loyalen, menschlichen Trainer. Dieser Trainer ruft nach einem mittelmäßigen Turnier den verschärften Konkurrenzkampf aus. Ist das nicht eine neue Ausgangslage für die Spieler?

Bierhoff: Wir reden über Selbstverständlichkeiten. Ich möchte einmal festhalten: Wir alle, Trainer, Manager und Spieler sind hochbezahltes Personal. Wettbewerb ist unser Leben, wir müssen uns täglich beweisen. Wenn Herr Ackermann von der Deutschen Bank seine Bilanzen vorlegt, kann er doch auch nicht sagen: „Aber ich habe doch die letzten fünf Jahre immer gute Zahlen gehabt.” Als Nationalspieler muss ich mich jeden Tag neu beweisen. Und der Umgang muss okay sein.

In den letzten Wochen waren Spieler beleidigt, weil sie auf der Bank oder der Tribüne saßen.

Bierhoff: Ich weiß, was junge Profis leisten. Aber wir müssen im deutschen Fußball aufpassen, dass wir den Spielern nicht zu viele Freiräume geben. In Italien und Frankreich gibt es das nicht. Bei uns schließen die Spieler heutzutage langfristige Verträge ab. Wenn sie dann aber weg wollen, gibt es zwei Monate Arbeitsverweigerung - und sie haben ihr Ziel erreicht.

Aus dem Umfeld von Michael Ballack verlautet, dass sich Oliver Bierhoff mehr aus sportlichen Belangen heraushalten müsse.

Bierhoff: Das Umfeld von Ballack sagt sehr viel. Der Vorwurf ist haltlos. Joachim Löw tauscht sich zwar mit mir aus in sportlichen Fragen - das ist doch auch ganz normal. Aber die Entscheidungen treffen alleine nur die Trainer. Und selbst wenn es anders wäre, hätte es das Umfeld von Michael Ballack nicht zu interessieren. Allein Joachim Löw muss wissen, mit wem er sich berät.

Sie sind als Teammanager auch Außenminister der Nationalmannschaft. Denken Sie, dass das Ansehen durch die Vorfälle der vergangenen Wochen großen Schaden genommen hat?

Bierhoff: Einen großen Schaden nicht, dazu müsste so etwas mehrmals passieren. Den gestiegenen Stellenwert der Nationalmannschaft erkennt man allerdings schon daran, wenn die Situation trotz der Finanzkrise in der Tagesschau aufgegriffen wird. Wir müssen zusehen, dass die Begeisterung und der Elan in unserem Team nicht durch öffentlich ausgetragene Differenzen gestört werden. Es ist ärgerlich, dass der Eindruck entstand, dass es auch bei der EM schon viele Streitigkeiten gegeben hätte.

Gab es die nicht?

Bierhoff: Ich habe das nicht miterlebt. Aber es muss und kann nicht immer heile Welt bei uns sein. Trotzdem bleibe ich auch gerade nach den jüngsten Auseinandersetzungen dabei: Wir sind ein gutes Team.

Es haben die Vasen in der DFB-Vitrine geklirrt, ohne dass es einen Porzellanschaden gab?

Bierhoff: Das Ganze ist vorbei, aber es hat uns schon beschäftigt. Man muss das Vertrauen jetzt wieder pflegen und aufbauen.

Das Vertrauen hat also gelitten?

Bierhoff: Ja, ein bisschen schon.

In Vereinen müssen Spieler für Fehlverhalten oft Geldstrafen zahlen.

Bierhoff: Dafür haben wir keine rechtliche Grundlage, wir haben keine Verträge mit den Spielern. Außerdem: Ob Geldstrafen sinnvoll sind, ist eine andere Frage. Die meiste Macht hat der Trainer durch die Aufstellung.

Sie haben als Manager nach der desaströsen EM 2004 begonnen. Es hieß, Sie sollten auch als Prellbock dienen und den Trainer entlasten. Wie definieren Sie Ihre Rolle heute?

Bierhoff: Meine Aufgabe ist, die Nationalmannschaft in vielen Bereichen weiterzubringen, auch die Außendarstellung ist dabei ein wichtiger Aspekt.