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Köln: Nur die Moral ist am Ende erstklassig

Köln : Nur die Moral ist am Ende erstklassig

Diese Stadt kennt alles und hat alles schon erlebt; nur nicht Maß und Mäßigung. Glanz und Gloria bleiben die Stiefschwestern von Tod und Teufel, hier, wo nur die Erwartungen die Kirchtürme überragen.

„Das kann nur ein Unfall gewesen sein”, hat Wolfgang Overath, Präsident des 1. FC Köln, den Abstieg eingeordnet. Der vierte „Unfall” in acht Jahren, der FC dürfte in der Unfallversicherung wieder den Anfänger-Tarif zahlen.

Der einstige Vorzeigeklub vom Rhein, der vor allem in den ersten Jahren der Bundesliga in dem vom FC-Präsidenten Franz Kremer verordneten königlichen Weiß der Madrilenen dominierte, ist zum Fahrstuhlverein geworden.

Und wäre selbst das nicht mehr, hätte nicht das Jahrhunderttalent Lukas Podolski - neben einem für Zweitliga-Verhältnisse imponierenden Etat - den Klub fast alleine wieder zurück in die Erste Liga geschossen.

24 Treffer gingen auf sein Konto, fünf davon wurden zum Tor des Monats geadelt. Und so klopfte der FC nach nur einer Saison in der Fußball-Bronx wieder an die Pforte des Hohen Hauses.

Dort, wo man nach eigenem Selbstverständnis eine Eigentumswohnung im Dachgeschoss besitzt. Schließlich hatte der Präsident eine Vision, einen Vierstufen-Plan: Aufstieg, Klasse sichern, konsolidieren, internationales Geschäft.

Nach nur 32 Spieltagen waren die Träume kläglich gescheitert. Annahme verweigert, zurück geschickt in Partien gegen Aue und Burghausen. In einer Saison, in der schon 36 Punkte gereicht hätten, um erstklassig zu bleiben.

Zwei Hälften

Dabei zerfällt diese Saison klar in zwei Hälften. Nicht nur, weil in der Hinrunde komplett anderes sportlich verantwortliches Personal bei den „Geißböcken” am Ruder war als in der Rückrunde; auch, weil nur in den ersten 17 Begegnungen auch die Fragestellung eine sportliche war.

Mit Uwe Rapolder war ein ganz großer Hoffnungsträger an den Rhein gekommen und gab dem Präsidium, bestückt mit alten Freunden und Weggenossen Wolfgang Overaths, das Gefühl, dass an den eigenen Versprechungen etwas dran sein könnte.

„Ich habe es sportlich nie bereut, nach Köln gegangen zu sein, weil ich Erfolge möchte”, ließ sich der von Arminia Bielefeld gekommene Übungsleiter noch Anfang Dezember ein; zwei Wochen später war er nur noch eine Randnotiz in der FC-Geschichte.

Vom Hof gejagt, lediglich zwölf Punkte auf dem Konto, sportlich gescheitert. Vom Präsidium gefeuert, erst als der glücklos agierende Manager Andreas Rettig von sich aus nach dem letzten Spiel der Hinrunde, ausgerechnet in Bielefeld, das Handtuch geworfen hatte.

Dabei hatte der stets etwas selbstverliebt wirkende Schwabe - ein Blick in seine geöffnete Trainingstasche ließ immer eine Friseuse auf Schwarzarbeit-Tour vermuten - zum einen großes Verletzungspech: Als Leistungsträger verpflichtete Spieler wie Peter Madsen, Markus Feulner oder Imre Szabics fielen über Monate aus. Der FC setzte im Saisonverlauf rekordverdächtige 31 Spieler ein.

Rückrunde, harter Schnitt, und fast alles läuft weiter wie zuvor. Die Spieler des FC sind wieder allzu oft nicht einsatzfähig. Allerdings zumeist, weil sie sich selbst dezimieren.

Und als König der dummen Platzverweise entpuppt sich Alpay, der in schöner Regelmäßigkeit große Teile seines Salärs in die Mannschaftskasse einzahlen muss.

Der neue Hoffnungsträger auf der Trainerbank, Hanspeter Latour (erst nach dreiwöchiger Suche ist die Stelle wieder neu besetzt), weckt wieder große Erwartungen rund um das Geißbockheim. Erwartungen, die nach dem ersten Rückrundenspiel in Mainz eigentlich schon wieder zu den Akten gelegt werden können.

Nicht wegen des Ergebnisses, eine 2:4-Niederlage, sondern wegen des Auftritts der Mannschaft. Vor dem vorerst letzten Erstliga-Spiel des FC hat auch Latour nur 15 Punkte sammeln können.

Aber so richtig scheint es niemanden zu (be-)kümmern: sportlich nur zweite Wahl, aber die Moral ist beim FC immerhin wieder erstklassig. Niemand, weder Trainer noch der neue Manager Michael Meier, erst recht nicht das Präsidium um Wolfgang Overath, hinterfragt öffentlich, was denn nun schief gelaufen ist, keiner übernimmt die Verantwortung für die sportliche Talfahrt.

„Wir brauchen Leute, die bereit sind, mit uns durch die unsichtbare Mauer des Misstrauens zu gehen”, fordert Meier. Vom Platzwart an sei dieses Misstrauen, dass „die es nicht schaffen”, zu spüren, so Meier.

Nur die knapp 50.000 Fans im Kölner Stadion halten weiterhin die Treue und erleben dort Spieltag für Spieltag die gleiche Inszenierung, die Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler stellvertretend so zusammen fasste: „Die halbe Stunde vor dem Anpfiff ist unnachahmlich.” Die 90 Minuten danach sind es wohl nicht.