Aachen: Nur der Schiedsrichter will den „Schneeball”

Aachen: Nur der Schiedsrichter will den „Schneeball”

Die Partie hatte noch nicht begonnen, da besuchte Schiedsrichter Markus Wingenbach bereits eine großen Delegation in seiner Kabine. Manager und Trainer von Alemannia Aachen und Hansa Rostock plädierten in seltener Eintracht für eine Spielabsage. Beim Warmspielen hatte der Ball ein störrisches Eigenleben gezeigt, die Kugel gehorchte den Profis nicht mehr, der Schneeball vergaß zu rollen.

„Es steht für beide Teams zu viel auf dem Spiel, lass uns die Partie verschieben”, regte Manager Erik Meijer an.

Der Anstoß wurde tatsächlich verschoben, Wingenbach sammelte Informationen ein. Er rief den Spielleiter der DFL an, vorsorglich unterrichte er die Polizei von der drohenden Absage, schließlich telefonierte er mit dem Wetterdienst. „Der Schneeschauer ist durch”, erfuhr er. Noch einmal trat er aufs Spielfeld, zwei Schritte aufs Restgrün reichten, um flugs die Entscheidung zu fällen. „Hier kann gespielt werden, es gibt kein erhöhtes Verletzungsrisiko und reguläre Bedingungen.”

Das Erstaunen war nicht gering. Bei den Berufssportlern erntete er wenig Beifall. „Das zeigt nur, dass er noch nie im Leben gegen einen Ball getreten hat”, urteilte am Ende des Tages Bas Sibum. Die Partie wurde schließlich mit 40-minütiger Verspätung freigegeben. Das Publikum wurde zuvor nur unterhalten mit dem putzigen Versuch von sechs „Kehrmännchen”, den rutschigen Platz vom Schnee zu befreien.

Am Ende des Spiels war nichts passiert, was die Anzeigetafel interessiert hätte. 0:0 endete die Partie, im Sinne des Sports war das vielleicht sogar eine gute Nachricht, dass die Partie weder rechts noch links durch ein Glückstor entschieden wurde.
Alemannias Ausgangslage im Abstiegskampf hat das triste Remis gegen den Tabellenletzten nicht verbessert. „Es wird bis zum letzten Spieltag nichts entschieden sein”, prognostizierte Friedhelm Funkel nicht zum ersten Mal.

Alemannias Trainer vertraute am Karnevalssonntag wieder exakt jenem „Elferrat”, der das letzte Heimspiel gegen St. Pauli gewonnen hatte. David Odonkor und Thomas Stehle schafften es nicht mal in den Kader.
So begann die Karrikatur eines Fußballspiels. Slapstickfreunde kamen auf ihre Kosten, Fußballfreunde weniger. Dass Passspiel ähnelte Griffen in die Lostrommel, das schnelle Umkehrspiel kam trotz etlicher Ballverluste zum Erliegen. Chancen Mangelware. Mal setzt Freddy Borg einen Querschläger übers eigene Tor (9.), dann bekam Feisthammel zu wenig Druck hinter seinen Kopfball (21.). Der zwangsläufige Spielaufbau der Marke „weit und hoch” stellte die Abwehrreihen vor keine großen Probleme.

Und dann bekam diese Partie doch noch ihren großen Aufreger (43.). Benny Auer stürmte alleine aufs Tor zu, als sein Gegenspieler weggerutscht war. Der Kapitän legte den Ball an Keeper Kevin Müller vorbei, ehe es zum Kontakt kam. Für Auer und seine aufgebrachten Trainer war das Urteil klar: Rote Karte für den Torwart und Elfmeter. „Wenn ich nicht etwas abgebremst hätte, wäre meine Karriere in dem Moment zu Ende gewesen, so ist er mir entgegengesprungen.”

Und auch Funkel analysierte eindeutig: „Wenn sich der Schiedsrichter in Ruhe noch einmal die Bilder ansieht, wird er seinen Irrtum eingestehen.” Funkel irrte nicht, Wingenbach begutachtete die Szene eingehend und korrigierte sich am späten Abend. „Es wäre besser gewesen, Elfmeter zu pfeifen”, räumte er ein. Im Spiel war der Mann aus Altendiez zu einem anderen Urteil gekommen, hatte Auer als Spieler gesehen, der dankbar das Kontaktangebot des Keepers angenommen hatte.

Nur 14.178 Zuschauer sahen die strittigste Szene des Nachmitags. Nie war der Zuspruch an einem Wettkampftag geringer, dabei wurden noch optimistisch die 10.000 Dauerkarteninhaber als „anwesend” verbucht.

Die kamen im zweiten Durchgang kaum noch auf ihre Kosten. Der Platz wurde besser, wenn der Begriff in dem Kontext erlaubt ist, das Spiel eher nicht. Ein Slalomlauf von Albert Streit wurde nicht gekrönt, weil er sich den Ball noch zu weit vorlegte (78.). Der Tabellenletzte selbst hätte durch Mintal sogar die Führung erzielen können (77.), das Phantom früherer Tage rutschte freistehend weg.

Mehr war nicht an diesem Tag. Hätte man den Ball unterwegs gefragt, er wäre vermutlich zurückgetreten. So endete die Partie tor- und trostlos. Auch eine Form der Bestätigung für die Absage-Initiative. „Auf einem vernünftigen Platz hätte sich die fußballerisch bessere Mannschaft durchgesetzt”, haderte Feisthammel nach dem Abpfiff.
Der Schiedsrichter sah dagegen seine Entscheidung am Ende bestätigt. „So sind die Plätze in dieser Jahreszeit, damit muss man umgehen.”

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