Mönchengladbach: Nordtveit: „Wir verlieren nur drei, nicht elf Spieler”

Mönchengladbach: Nordtveit: „Wir verlieren nur drei, nicht elf Spieler”

Der vierte Mann - bleibt: Das ist nicht der Titel eines neuen Skandinavien-Krimis, es ist das Bekenntnis eines Norwegers. Der Autor heißt Havard Nordtveit und spielt für Borussia Mönchengladbach auch noch in der neuen Saison. Und der 21-jährige Mittelfeldspieler wird sich auch nicht einsam fühlen.

„Es gehen drei - und nicht elf.” Marco Reus, Dante und Roman Neustädter, sein bisheriger Nebenmann auf der Sechser-Position. Der vierte Mann, Havard Nordtveit, für den sich durch die Erfolgszeit am Niederrhein auch der FC Liverpool interessierte, verändert sich nicht - geografisch. „Wir werden Neue bekommen und alle besser werden”, lautet sein Credo.

Genau das ist sein Leitfaden: besser werden. Durch jedes Spiel, durch jedes Training, durch jede Extra-Schicht - und wahrscheinlich auch in der Freizeit. Die ist zur Zeit noch recht schmerzhaft. Immer wieder verzieht Nordtveit das Gesicht: Eine Schultereckgelenksprengung garantiert nicht nur eine wochenlange Pause vom Zweikampfsport Fußball, sondern auch Schmerzen bei fast jeder Bewegung. Also bis zum Trainingsauftakt am 2. Juli die Beine hoch und abhängen? Erschrocken reißt der 21-Jährige seine intensiv-braunen Augen auf. „Ich will am 26. Mai wieder fit sein, dann spielen wir mit der Nationalmannschaft gegen England.” Aber die Schulter... „Ich bin ein Wikinger”, grinst der Norweger.

Zauberwort Regeneration

Her mit den Schmerzen also, aber auch der Rest der verbleibenden Sommerpause ist nicht mit Strand und dem süßen Nichtstun gefüllt. Havard Nordtveit definiert diese Zwischenzeit zwischen den Spielzeiten nicht als Urlaub. „Regeneration” heißt das Zauberwort, nach der Saison ist vor der Saison. Und die Erklärung für diesen Denk- und Handlungsansatz kommt aus tiefstem 21-jährigen Herzen: „Ich bin professionell.”

Die neue Kraft für eine Fortsetzung des Abenteuers 2011/2012 tankt er in der Heimat. Der Mann aus Vats hat sich ein Haus am See gekauft. Angeln, Wasserskifahren und Camping-Ausflüge in die Berge, die auf einem sechsrädrigen Quad in einer Stunde erreichbar sind, mit Freunden stehen auf dem Programm. „Ich kann nicht stillsitzen, ich muss raus.” Ausflüge gemeinsam mit Freundin Anna lockern das Outdoor-Programm auf. Ein London-Aufenthalt und eine Stippvisite nach Stockholm sind fest eingeplant. Dort heiratet Oscar Wendt, sein schwedischer Teamkollege. Dessen Verpflichtung vom FC Kopenhagen war für den Norweger wichtig - auch aus professionellen Gründen.

„Wir sind richtig gute Freunde geworden.” Der Klebstoff ist ein skandinavischer. „Wir haben einen anderen Humor, einen ganz speziellen Sarkasmus.” Den benötigte Wendt, der immerhin mit Champions-League-Erfahrung zur Borussia kam, auch dringend. Der 26-Jährige konnte sich anders als erwartet (noch) nicht gegen Linksverteidiger Filip Daems durchsetzen. Und so war sein wesentlicher Beitrag für die erste Saison in Mönchengladbach ein ideeller: die Freundschaft mit Havard Nordtveit. „Wenn du dich wohlfühlst, spielst du gut.”

Und das lieferte Wendt gleich im Doppelpack. Seine zukünftige Frau freundete sich eng mit Nordtveits Freundin Anna an, die dieser während seiner Schulzeit in Haugesund kennengelernt und die ihn auf seinen Stationen Arsenal London, Salamanca, Lilleström und Nürnberg begleitet hat. „Dieser Wohlfühlfaktor ist immens wichtig. Das beherzigt Arsenal vorbildlich, die kümmern sich enorm um ihre jungen Spieler”, erzählt der 21-Jährige, der den Sprung nach London als 17-Jähriger wagte. „Arsene Wenger entscheidet dort alles.” Internationaler Einfluss: In London durch Wenger, am Niederrhein durch dessen Landsmann Lucien Favre. „Von Wenger weiß ich: Talent ist nicht genug. Es kommt auf die Mentalität an und die Konzentration, dich zu verbessern.”

Die Entwicklungshilfe wurde durch Mönchengladbachs Trainer fortgesetzt und verfeinert. „Ich bin ein besserer Spieler geworden.” Dank Lucien Favre, der jedem Spieler und der gesamten Mannschaft seinen Stempel aufdrückte. „Er ist mehr ein Lehrer als ein Trainer für uns.” Und der Unterricht ist die Basis des Gladbacher Erfolgs. Inklusive der individuellen Extra-Schichten, die „mit 15 bis 20 Minuten kurz sind, aber enorm viel bringen”.

Havard Nordtveit hat die Philosophie des Schweizer Tüftlers verinnerlicht. „Es sind Kleinigkeiten, die das Spiel besser machen.” Und diese Kleinigkeiten summierten sich zu einer großartigen Saison. Das Selbstvertrauen aus den ersten sechs Monaten unter dem Schweizer und der Auftakterfolg bei den Bayern vereinigten sich zu einem Schub, der erst in den letzten Wochen der Spielzeit etwas an Kraft verlor. „Nach dem 1:0 wussten wir: Das wird eine gute Saison. Wenn wir verloren hätten, wäre sie ganz anders verlaufen.”

Der erst 21-Jährige ist angesteckt von seiner frühen Lehrzeit bei Wenger und Favres Drang zum Perfektionismus - „ich denke schon wie ein Trainer”. Und so ist er sich durchaus der Anfälligkeit der guten defensiven Struktur bewusst. Wenig Gegentore, viele knappe Siege auf der Habenseite stehen der Schwierigkeit gegenüber, nach einem Rückstand zurückzukommen.

„Das ist extrem schwer, weil du nach jedem Konter schachmatt sein kannst. Das ist auch eine Frage der Mentalität. Wir haben viele junge Spieler, die stetig besser werden. Und je länger wir zusammen sind, umso besser werden wir.”

Extra-Schichten

Seinen persönlichen Verbesserungssplan hat er bereits im Kopf: „in der Offensive - ein Tor reicht nicht - , beim ersten Ballkontakt und bei der Orientierung.” Dieser Unterrichtsstoff schmälert allerdings nicht das Zeugnis, das sich der gelernte Innenverteidiger selbst ausstellt. „Es war meine erste komplette Saison als Sechser. Aber ich bin ein besserer Sechser und Fußballer als vorher.”

Und da er gelernt hat, als Trainer und damit auch für die Mannschaft zu denken, gibt er gleich noch ein neues Klassenziel aus. Große Mannschaften zeichneten sich dadurch aus, dass sie vor allem gegen die kleinen, aus dem Mittelfeld bis in die untere Region der Tabelle, gewinnen. Damit hat Gladbach noch Probleme. Gegen einen erneuten Sieg gegen die großen Bayern zum Auftakt der neuen Saison aber hätte Havard Nordtveit sicherlich auch nichts.

Die Stationen des Havard Nordtveit:

2006 - 2007 FK Haugesund
2007 - 2011 FC Arsenal
2008 UD Salamanca (Leihe)
2009 Lilleström SK (Leihe)
2009 - 2010 1. FC Nürnberg (Leihe)
2011 Borussia Mönchengladbach