Kiew: Mönchengladbach: Eintopf statt Sechsgänge-Festtagsmenü

Kiew: Mönchengladbach: Eintopf statt Sechsgänge-Festtagsmenü

Nun gut, es ist nicht das Sechsgänge-Festtagsmenü der Champions League. Das wurde am Mittwoch in Kiew nach dem 2:1-Rückspiel-Sieg gegen Dynamo von der Borussen-Karte gestrichen. Das 1:3 aus dem Hinspiel wog zu schwer. Aber der deftige Eintopf der Gruppenphase in der Europa League, der zum ersten Mal am 20. September angerührt wird, macht sicherlich auch satt.

Speziell, wenn man wie Borussia Mönchengladbach 16 Jahre auf Europapokal-Diät war. Das pikante daran: Mit der Mannschaft vom Start in die vergangene Saison wäre der Bundesligist wohl eher an die Fleischtöpfe der Königsklasse gelangt.

Nicht, weil Reus & Co. unersetzbar sind, eher, weil Favre damals nach der sensationellen Rettung mit dem gleichen, also eingespielten Team weiterarbeiten konnte. Als Entwicklungsmannschaft aber hatte Borussia 2012/2013 keine Chance gegen einen erfahrenen und abgezockten Gegner wie Kiew.

Bonbon für Brouwers

Der Beinah-Vollmond über dem Olympiastadion bildete einen perfekten Rahmen für ein erwartetes und erwünschtes Wunder. Dabei machte weniger die Aufstellung neugierig, die Favre für diese Aufgabe parat hatte. Er schenkte Patrick Herrmann statt Alexander Ring das Vertrauen, obwohl der Flügelflitzer zuletzt wenig Hilfestellung für diesen Kredit geboten hatte.

Für Neuzugang Alvaro Dominguez, der zuletzt wegen einer Magen-Darm-Infektion fehlte, aber auf der Bank saß, spielte Roel Brouwers. Womöglich auch ein Bonbon mit Champions-League-Geschmack für den Niederländer für sein vorbildliches Auftreten, weil es es stets klaglos hinnimmt, wenn er mal wieder nicht spielt. Wirklich spannend aber war die Frage, wie der Schweizer Tüftler die Herausforderung „das organisierte Wunder” taktisch angehen würde.

Herrmanns Großchance

„Volle Pulle nach vorne”, hatte Mike Hanke vorgeschlagen. Doch wer nur Sturm sät, wird Gegentore ernten. Den unorganisierten Genickbruch suchte der Gladbacher Trainer also zu vermeiden. Die Uefa zumindest versuchte, ihren Beitrag zu einem torreichen Spiel, die Grundlage für eine Sensation, zu liefern: Vor dem Anpfiff wurde auf der Videoanzeige ein Zusammenschnitt der schönsten Tore der letzten Champions-League-Saison gezeigt.

Die Animation schien zu fruchten - beidseitig: Erst stupste Herrmann einen perfekten Chip-Pass von Juan Arango knapp neben den Pfosten (2.). Dann rettete Martin Stranzl im letzten Moment vor Ideye Brown, den Kapitän Oleg Gusev auf die Reise geschickt hatte (5.). Hanke (13.) und Herrmann (22.) versuchten sich weiter, aber vergeblich an der Vorgabe „frühes Tor”.

Kiew aber ließ vor fast 66.800 Dynamo-Fans Dauerdruck nicht zu und startete immer wieder zu Gegenattacken. Fast mit Erfolg, aber Torhüter Marc-André ter Stegen rettete vor Kiews nigerianischen Torjäger Brown (30.).

Die Halbzeit rückte unaufhaltsam näher, Gladbach hatte ansehnlich gespielt, 60 Prozent Ballbesitz, Torchancen herausgespielt - alles nutzlos angesichts des Hinrundenergebnisses. Drei Tore in nur mehr 45 Minuten: Wie heißt die Steigerung von Wunder?

Ein Eigentor

Arango, wer sonst, schaffte noch eine leichte Annäherung, doch seinen Distanzschuss parierte Dynamo-Keeper Maxim Kowal, den Abpraller konnte Herrmann nicht verwerten (55.). Hanke, dessen Leistung nicht so stark wie seine Sprüche war, wurde für den erst 19-jährigen Branimir Hrgota ausgewechselt (59.).

Ein Tausch, der das einläutete, was Stranzl den „nächsten Schritt machen” nannte. Das klappte vielversprechend, wenn auch zu spät für den Champions-League-Traum, so schien es: Luuk de Jong störte bei einer Arango-Flanke Dynamos Chatscheridi so sehr, dass dieser den Ball ins eigene Tor bugsierte (70.). Zumindest ein halbes Tor für den neuen Torjäger.

Doch Arango düpierte alle Pessimisten und machte es mit dem 2:0 wieder spannend (78.), als er nach einem Eckball per Kopf traf. Von Null auf Hundert war die Sensation plötzlich zum Greifen nahe. Doch das dritte Tor des Spiels erzielten die Gastgeber: Ideye Brown nutzt einen Konter (88.).

Mehr an der Champions League zu schnuppern geht nicht. Das sollte Hunger auf mehr machen - für die Zukunft.

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