Mönchengladbach: Mit aufrechter Haltung zum „Erfolgs-Roman”

Mönchengladbach: Mit aufrechter Haltung zum „Erfolgs-Roman”

Sie sind auffällig: großgewachsene Spieler, mit aufrechter Haltung, den Kopf hoch und den Blick nicht scheu und unsicher runter auf den Ball geheftet. Mit diesen Komponenten stechen sie ins Auge, auch durch den Laufstil, der zwangsläufig ein spezieller ist.

Franz Beckenbauer war so ein Typ, Michael Ballack ist immer noch so einer - und Roman Neustädter wirkt wie dessen jüngere Ausgabe. Das ist verlockend für Vergleiche, speziell wenn Neustädter am Samstag mit Borussia auf Ballack und seinen Leverkusener Kollegen trifft. „Ich kenne diese Vergleiche”, sagt der Gladbacher. Und akzeptiert sie allenfalls, was das Erscheinungsbild angeht. „Ich bin ein ganz anderer Spielertyp. Ballack geht viel mehr in die Spitze.”

Und auch an den augenscheinlichen Parallelen hat Neustädter gearbeitet. Etwa etwas gebeugter zu laufen. Doch die Natur kann man nicht überlisten, und warum auch? Der 23-Jährige hat sich innerhalb von zwei Jahren zu einem Stammspieler auf der wohl diffizilsten Position in einer Fußball-Mannschaft entwickelt: zum zentralen Mittelfeldspieler.

Dort ist er „das Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff”, beschreibt er. Und diese Arbeit weist ihn fast durchgängig als Borussias Kilometerfresser Nummer 1 aus. 12 bis 13 Kilometer pro Spiel legt er zurück, bei einer Aufgabe, die in erster Linie mannschaftsdienlich ist. „Du machst viel Defensivarbeit, kommst nur selten in die Situation, einen tödlichen Pass zu spielen - es ist eher unauffällig.”

Doch damit hat sich Neustädter bestens arrangiert. „Argentinien, Portugal und Frankreich überzeugen derzeit nicht, weil sie als Mannschaft nicht zusammenpassen. Es reicht nicht, mit elf Weltklassespielern aufzulaufen. Fußball ist immer noch ein Mannschaftssport, bei dem es nicht funktioniert, wenn sich jeder in den Vordergrund spielen will.”

Diese Einstellung will so gar nicht passen zu der Wesensart, die man gerne und vorschnell Spielern anheftet, die nicht nur den aufrechten Gang, sondern auch den aufrechten Lauf beherrschen. Und Besucher des VIP-Bereiches im Borussia-Park finden sich spätestens nach dem Abpfiff bekehrt, wenn sie der Aufwand, den der 23-Jährige zuvor betrieben hat, nicht vollends überzeugt hat. Kein Gladbach-Profi grüßt derartig alle Menschen, klopft auf jeden Tisch und zeigt sich durch und durch höflich.

Das wird dem jungen Mann umso leichter fallen, da er durchs Fegefeuer musste, um zu sich und seiner sportlichen Stärke zu finden. Die dornenreiche Zeit hat ihn womöglich davor bewahrt, das zu entwickeln, was viele Spieler zeigen, denen alles zu leicht zugefallen ist: Arroganz. Dabei besitzt er mit seiner Spielweise und seinem Aussehen alle Zutaten, die ihn für den Markt der Idolisierung attraktiv machten. Aber was fangen Vermarkter mit einem Spieler an, der Erklärungen für schlechte Spiele oder Phasen nicht bei Gott und dem Trainer sucht, sondern bei sich selbst?

Roman Neustädter hat das gelernt. Es war eine harte Lehrzeit, die obendrein zwölf Monate dauerte. 2009 war er von Mainz 05 zur Borussia gewechselt. Ein Jahr irrte er nicht nur auf dem Platz, sondern auch in seinem Gefühlsleben und der neuen Fußballwelt herum. „Ich habe im Training geschlampt, aber nur mit dem Trainer, nicht mit mir gehadert.” Das Talent dümpelte in der Regionalliga.

Die Leiden des jungen N. beendete er selbst mit etlichen Eingriffen. Seine Prämisse wurde: „Ich wollte den Trainer von mir überzeugen, das schlechte Bild, was er von mit hatte, zerstören.” Gas geben in jedem Training, um das schier unauflösbare Mittelfeld-Duo Michael Bradley/Thorben Marx zu knacken. Michael Fontzeck goutierte das - doch die Chaos-Hinrunde war ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, in einer vogelwilden Spiel-Schar zu reüssieren.

Der Wendepunkt bot sich in der Winterpause: Neustädter cancelte den gebuchten Winterurlaub, bestätigte Frontzeck in dessen Vertrauen, überzeugte auch dessen Nachfolger Lucien Favre und wurde zu einem wesentlichen Bestandteil des Mönchengladbacher Wunders. Wesentlich, aber nicht unverzichtbar, wie das Beispiel seines Partners Havard Nordtveit zeigt, der seinen Stammplatz an Thorben Marx verlor. „Einmal Larifari im Training wird vielleicht noch akzeptiert. Aber kein zweites Mal. Dann kommt der nächste rein, fügt sich nahtlos ein, und es läuft einfach weiter - ohne dich.”

Konzentration pur: Der Trainer machts möglich und nötig. Lucien Favre will polyvalente Spieler - verwendbar auch für die Bank.

Roman Neustädter ist nicht abgeneigt, für die Ukraine zu spielen

Bei der Frage, spielt Roman Neustädter eher international mit Borussia oder der Ukraine, muss der 23-Jährige grinsen. Der Mittelfeldspieler ist in Dnjepropetrowsk geboren, aber er ist Deutscher. Ein Weg zurück in die Heimat, fußballerisch ins Nationalteam, ist aber nicht ausgeschlossen. „Vor vier Wochen habe ich einen Anruf bekommen”, sagt Neustädter. Mit dem Trainer Oleg Blochin habe er allerdings noch nicht gesprochen.

Er wisse allerdings nicht, ob er einen ukrainischen Pass bekommen kann. „Damit habe ich mich noch gar nicht befasst. Und solange das nicht akut ist, mache ich mir auch keine Gedanken darüber.” Grundsätzlich aber steht Neustädter, der ein U21-Spiel zwei Einsätze in der U 20 des DFB hatte, für sein Geburtsland bereit: „Ich wäre nicht abgeneigt.”

Mit einem Tag Verspätung ist am Freitag Juan Arango angekommen, rechtzeitig zum Abschlusstraining. Auf ihn wird Lucien Favre wohl setzen. Für den verletzten Igor de Camargo könnte Raul Bobadilla in den Sturm rücken. Variante: Marco Reus zentral und Patrick Herrmann auf Rechts.

Voraussichtliche Aufstellung: Ter Stegen - Jantschke, Stranzl, Dante, Daems - Marx, Neustädter - Reus, Arango - Bobadilla, Hanke

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