Mönchengladbach: Königliche Kleider für Borussia zu groß

Mönchengladbach: Königliche Kleider für Borussia zu groß

„Wir haben unser Rückgrat verloren”, trauert Lucien Favre nach wie vor den Abgängen Reus, Dante und Neustädter nach. Und auch wenn Borussia Mönchengladbach gegen Dynamo Kiew nicht völlig haltlos spielte: Beim 1:3 im Hinspiel zur Qualifikation der Champions-League-Gruppenphase zwickte und zwackte das neue Stützkorsett mit de Jong, Xhaka und Dominguez noch an vielen Stellen.

Die königlichen Kleider scheinen für die noch nicht eingespielte Mannschaft des Fußball-Bundesligisten noch eine Nummer zu groß zusein. Nur schwer vorstellbar, dass „Couturieur” Favre sich bis zum Rückspiel nächste Woche in Kiew als erfolgreicher Änderungschneider beweisen kann.

Der zweite Feldversuch, das Tiki-Taka vom Niederrhein wieder herzustellen. Und das gleich in einem Spiel, wo es um alles oder nur ein bisschen geht, Hauptgewinn Champions League oder Trostpreis Europa League. Beim ersten Versuch, im Pokalspiel bei Alemannia Aachen, war das Tiki oft ohne Taka geblieben. Wenn der Ball fünf Meter weit wegspringt, ist der Kombinations-Schnellfluss unmöglich. Opfer dieser Einsicht war Patrick Herrmann, der statt mit Geschwindigkeit eher mit Stockfehlern auf dem Tivoli auffiel. Dort wurde er durch Alexander Ring ersetzt, gegen Kiew durfte der Finne von Anfang an ran. Und es dauerte keine zwei Minuten, da hätte der 21-Jährige seinen Einsatz fast schon gerechtfertigt, doch sein Schuss zischte knapp am Tor vorbei. „Es können auch andere ein Tor schießen”, hatte Lucien Favre zuvor betont - oder gewünscht?

Das war auf Juan Arango gemünzt, der in Aachen fast eine Mono-Kultur in Sachen Torgefahr verkörperte. Ring war der Wunsch seines Trainers Befehl: Seinen zweiten Versuch schloss Ring ebenso gekonnt wie technisch anspruchsvoll ab: Eine Zucker-Diagonalflanke vom auf die rechte Seite gewechselten Arango nahm der Finne mit links an, zog an seinem Gegenspieler vorbei und schoss ins kurze Eck zum 1:0 ein (13.).

Traumstart für die Favre-Elf

Ein Traumstart, den Granit Xhaka noch fast veredelt hätte. Doch der Fernschuss des Schweizer Sechsers strich am Tor vorbei (25,). „Nicht nur das erste, auch das zweite Spiel ist wichtig”, wollte Favre nichts von einer defensiveren Haltung im Hinspiel wissen. „Wir können nicht auf ein zu Null spielen.” Das hatte zuletzt im Pokal und den Tests geklappt - aber der russische Vizemeister ist eben eine andere Hausnummer. Ein von Filip Daems abgefälschter Distanzschuss von Taras Michalik senkte sich hinter Borussen-Keeper Marc-André ter Stegen ins Netz. Und noch nicht Unglück genug mit dieser ungewollten Kapitäns-Kooperation: Mit Luuk de Jong und Xhaka unterlief ausgerechnet den in der Champions League erfahrenen Neuzugängen ein verhängnisvoller Doppelfehler: schlechtes Anspiel und Fehlpass im Mittelfeld. Kiews „neuer” Schewtschenko, Andrej Jarmolenko, war der Nutznießer, der ukrainische Nationalstürmer ließ Alvaro Dominguez gekonnt stehen und schoss zur 2:1-Führung ein (36.).

Der Zauber-Auftakt durch Pech und Unvermögen wie ausgelöscht. Der Schock saß tief. Nach vorne lief erst mal nichts mehr. Der Verdauungsprozess hielt bis zur 52. Minute an. Dann konnten die Gladbacher die abgezockten Gäste mal wieder piesacken. Doch de Jongs Kopfball trudelte knapp am langen Pfosten vorbei ins Toraus. Borussia versuchte, wieder ins Spiel zu kommen, mehr schlecht als recht. Wie auch Favre meinte, als er nach einem vorschnellen und kläglichen Abschluss fast auf den Platz gestürmt wäre, um Granit Xhaka zu rüffeln (58.). Tiki-Taka nicht nur ohne Marco Reus, sondern auch noch ohne Selbstbewusstsein, ist unmöglich. Bezeichnenderweise war es Arango, der als Einziger für die Gäste ein permanenter Unruheherd blieb. Zu wenig an diesem Abend, spätestens als Luuk de Jong sein erstes Pflichtspieltor für Gladbach erzielte - ins eigene Netz (81.).

Mönchengladbach: ter Stegen - Jantschke, Stranzl, Alvaro Dominguez, Daems - Nordtveit (74. Cigerci), G. Xhaka - Ring (69. P. Herrmann), Arango - de Camargo (70. Hanke), L. de Jong

Kiew: Kowal - Danilo Silva, Betao, Michalik, Taiwo - Miguel Veloso - Ninkovic (78. Raffael), Kranjcar (65. Vukojevic), Garmasch, Jarmolenko - Ideye (90.+2 Mehmedi)

Schiedsrichter: Pedro Proenca (Portugal) Zuschauer: 46 279 Tore: 1:0 Ring (13.), 1:1 Michalik (28.), 1:2 Jarmolenko (36.), 1:3 L. de Jong (81./Eigentor) Gelbe Karten: Herrmann/Taiwo