Aachen: Kevin Kratz: Ein Punkt, „das wäre für den Anfang okay”

Aachen: Kevin Kratz: Ein Punkt, „das wäre für den Anfang okay”

Der Fußballlehrer Peter Hyballa hat zuletzt festgestellt, dass er Fußballlehrer sei und kein Zauberer. Hyballa ist auch kein Zirkus-Direktor, wahrscheinlich wären in diesen Wochen, in denen ergebnismäßig alles schiefgeht, sogar die Zwerge gewachsen.

Nun sollte man nicht despektierlich sein und Kevin Kratz mit seinen 173 Zentimetern Körperlänge dieser Spezies zurechnen, doch in die Höhe zu schießen, hätte den Fußballer von Alemannia Aachen einer seiner Stärken beraubt - der rasanten Schrittfrequenz.

Kratz steht in seiner dritten Profi-Saison, seine Vertragsverlängerung im Frühjahr galt als eine Schlüssel-Personalie am Tivoli. Mit Druck umzugehen, „das habe ich ja seit der Jugendzeit in Leverkusen gelernt”. Damals war es der Druck des ständigen Favoriten, nun erlebt Kratz den Druck eines Tabellenletzten.Am Freitagabend, 18 Uhr, bei Hansa Rostock: „Natürlich wollen wir immer gewinnen”, sagt der 24-Jährige. „Aber wenn wir nur einen Punkt holen, wäre das für den Anfang okay.”

Bei der Ursachenforschung für den miserablen Saisonstart ist Kevin Kratz darauf gestoßen: „Vielleicht fehlt der allerletzte Wille, der letzte Schritt und die Konsequenz, bei einem 50:50-Ball als Gewinner aus dem Duell hervorzugehen.” Eine Sache des Kopfes: „Wenn du dir tagtäglich die derzeitige Situation vor Augen halten würdest, wäre das nicht förderlich für die Leistung. Wir müssen einfach zu der Überzeugung kommen: Was im Training klappt, das klappt auch im Spiel.”

Kratz, der zu Beginn seiner Alemannia-Karriere von Cristian Fiel und Szilard Nemeth geführt wurde, führt nun selber. Reinhold Yabo zum Beispiel, „im Moment noch mehr, als das bei einer Erfolgsserie der Fall wäre”. Gut möglich, dass Kratz aus der „Doppel-Sechs” im 4-3-3 auf die halbrechte Position der Mittelfeld-Raute (4-4-2) rückt - ein Gedankenspiel von Peter Hyballa.

Das ahnt der Trainer schon: „Viele werden auf mich gucken”, eigene Kamera-Einstellung inklusive. Hopp-oder-Top-Spiel für den Trainer? „Dafür habe ich keine Anzeichen gefunden. Mein Ansprechpartner ist der Sportdirektor, und Erik Meijer hat nicht einmal eine Andeutung gemacht nach dem Motto ,Halt mal die Reisetasche bereit. Es gibt kein Ultimatum - das würde ich mir auch nicht bieten lassen.”

Eine bemerkenswerte Ruhe, die auch Kapitän Benny Auer erstaunte, lag in der zu Ende gehenden Woche über dem Tivoli. „Klar sind wir angespannt”, sagt Kevin Kratz. „Aber ich habe nicht das Gefühl, dass wir nervös sind. Das Gefährliche ist, zu denken: Wir sind ja eigentlich nicht so schlecht.” Doch spätestens seit dem 0:2 gegen Cottbus hätten „alle endlich verstanden, worum es geht”.

Mit U 23-Torjäger Daniel Engelbrecht statt Fabian Bäcker reiste der 18-er-Kader nach Rostock. Als letzter „Wackelkandidat” galt Timo Achenbach, doch auch der Linksverteidiger war nach der Geburt von Tochter Leni in der Nacht zuvor mit an Bord. Peter Hyballa hätte seinen Profi ansonsten freigestellt, „es gibt Wichtigeres als Fußball”.

Auch in Aachen - was nichts am beruflichen Tagesbefehl ändert. „In Rostock”, sagt Hyballa, „da müssen wir punkten.”

Es war die wohl abenteuerlichste Personalrekrutierung in der Klubgeschichte: Nach dem Motto „Alemannia sucht den Supertrainer” hatte der damalige Sportdirektor Andreas Bornemann vor zwei Jahren 100 Kandidaten gescoutet - zwei blieben übrig als potenzielle Erben von Jürgen Seeberger. Das Vorstellungsgespräch bei den Vereinsgremien geriet für Peter Vollmann zum Desaster - der Job ging an Michael Krüger.

Im Sommer 2010 fand Vollmann dann doch noch sein Glück - bei Hansa Rostock. Auf Anhieb führte er den Klub zurück in die 2. Liga. Wie Alemannia ist auch der letzte DDR-Meister noch sieglos in dieser Saison, es gab aber auch nur eine Niederlage (1:2 am ersten Spieltag gegen Paderborn).

Von einem Pflichterfolg möchte Vollmann nicht reden. „Selbst wenn wir das Spiel nicht gewinnen sollten, geht die Welt nicht unter. Wir bürden der Mannschaft keinen Druck auf, dadurch entsteht nur unnötiger Stress. Das wollen wir vermeiden.”

Prominenteste Hansa-Profis sind zwei, die nicht spielen: Verteidiger Matthias Holst wartet nach 13 Monaten Verletzungspause immer noch auf seinen ersten Einsatz - dann will er sich von seinem Rauschebart trennen.

Marek Mintal befindet sich nach einer Adduktorenverletzung in der Reha. Der ehemalige Nürnberger Torjäger stand in der letzten Winterpause auf dem Wunschzettel von Aachens Manager Erik Meijer - und sagte ab.

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