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Happerschoß: Keine Proteste der Eltern und schweigende Trainer

Happerschoß : Keine Proteste der Eltern und schweigende Trainer

Bei der Einführung der Fairplay-Liga gab es weit vor dem ersten Spielanpfiff hitzige Diskussionen. Von „da haben die Oberen sich mal wieder einen Blödsinn ausgedacht“ bis hin zu „das klappt nie und nimmer“ lauteten die Vorurteile bei der schon etwas arg in die Jahre gekommen Trainergilde der F- und E-Junioren.

Drei Jahre später schwillt bei denselben Protagonisten gleich die Brust an, wenn sie auf die FairPlayLiga angesprochen werden. In „prima!“ oder „meine Jungs setzen dies ohne Ausnahme um!“ wandelten sich die Statements nach nur wenigen Saisons um.

20 Zentimeter im Aus

Szenenwechsel — am Sonntag trat die erste Seniorenmannschaft des SSV Happerschoß in der Kreisliga C, Staffel 8, gegen IKV Eitorf an. Im Gegensatz zu den Juniorenspielen waren hier die knapp 50 angereisten Fans zu frühen Nachmittagsstunden mit Bier bewaffnet am Platz und kommentierten brüllend jede Spielszene. Die Spieler taten ihr Übriges: So klärte der Eitorfer Schlussmann einen Rückpass fast 20 Zentimeter hinter der Torauslinie und schlug das Leder von dort aus im hohen Bogen ins Seitenaus, hob sofort die Hand, signalisierte und verkündete lautstark: „Linie!“

Da Kreisliga-C-Spiele ohne Schiedsrichter-Assistenten stattfinden, hatte der Mann in Schwarz nur seinen verzerrten Blick und sein Gefühl — er entschied unter heftigen Protesten der Happerschoßer auf Einwurf.

Gleiche Szene, nur einen Tag zuvor und viele Jahrgänge tiefer bei den E-Junioren, Staffel 12 der Frühjahrsrunde. Die E-Junioren U11/II Mannschaften des SSV Happerschoß und Wahlscheider SV kicken beherzt in ihrem zweiten Saisonspiel beim Stande von 1:1 mit der gleichen Leidenschaft wie Profis. Auch die Zuschauer, diesmal die eigenen Eltern, schauen dem Spektakel mit etwas Abstand zum Spielfeld begeistert zu und sehen, wie ein Happerschoßer Torschuss neben dem Pfosten im Toraus landet. Die SSV-Spieler drehen ab und wollen gerade auf Verteidigung umschalten, als ein Wahlscheider Spieler die Hand hebt und sagt: „Ich war dran — Ecke für euch.“

Keine Proteste von den Eltern. Stille bei den Trainern. Die Kids auf dem Platz im Alter zwischen neun und zehn Jahren entscheiden selbst — und dies ehrlich. Vergessen scheint die Zeit, in dem schon früh in der Ausbildung die Übungsleiter ihren Kindern beibrachten, dass „jeder Ball, Einwurf oder Ecke mir gehört“.

Diese Mentalität ist nach drei Jahren FairPlayLiga manifestiert. Die Ehrlichkeit der Kinder braucht nur aktiviert zu werden — dazu gehört ganz einfach kein Reinbrüllen oder Kommentieren von der Außenlinie. Das funktioniert von ganz alleine.

Natürlich geschehen Foulspiele, dies gehört ganz dazu. Nur wissen die Nachwuchskicker genau, was sie falsch gemacht haben, und bleiben stehen, entschuldigen sich, kurzes Händeschütteln und weiter geht es.

Die Trainer stehen beobachtend am Spielfeldrand und schütteln manchmal den Kopf, wenn Kinder sechs Meter vor dem Tor auf Freistoß entscheiden, anstatt Strafstoß. Aber sie regeln diese Streitsituationen ohne große Diskussion und es kommt auf Freistoß oder Elfmeter nicht an — die Geste der Ehrlichkeit ist es, die diesen neuen Jugendsport neuerdings wieder so ansehnlich macht.

Weiterleben lassen

Was tragen Eltern und Trainer dazu bei? Nicht wirklich viel, außer Ruhe und Akzeptanz. Die eigentlichen Helden des Alltags sind die Stars von morgen in ihren teilweise viel zu großen Trikots.

Bleibt zu hoffen, dass die FairPlayLiga weiterlebt, über die U11 hinaus. In den Köpfen der Kinder und hoffentlich den der Eltern und Trainer. Damit dieses unehrliche Spiel wie am Sonntag bei den Senioren in der Kreisliga C vielleicht irgendwann mal der Vergangenheit angehört.

Der Autor ist Vater eines E-Jugendlichen und Trainer der Nachwuchsmannschaft des SSV Happerschoß im Rhein-Sieg-Kreis