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Mönchengladbach: Kampf gegen Papa und Hormone

Mönchengladbach : Kampf gegen Papa und Hormone

Mit Mainz hat er „abgeschlossen”, wie Borussia Mönchengladbachs Mittelfeldspieler vor dem Sonntagstreff mit dem FSV betont - aber in der Rückschau war es eben diese Abnabelung, die Roman Neustädter sich endgültig in der Fußball-Bundesliga ansiedeln ließ.

Es war nicht unbedingt die Problematik, dass der Prophet nichts gilt im eigenen Lande. Es ist mehr die Geschichte von Vater und Sohn, die es im Fußball so manchem Jugendlichen schwer machte, den Durchbruch zu schaffen.

Nun zählte Peter Neustädter nicht unbedingt zu den Top-Spielern Europas, kam nach seinem Wechsel in die Bundesrepublik lediglich zu 16 Erstligaspielen für Karlsruhe, aber immerhin neben 18 Zweitliga-Einsätzen für den Chemnitzer FC auf 239 Spiele für den FSV Mainz 05. Der Mann aus Karabalta (heute Kirgisistan) aber war damit eine Größe beim Karnevalsklub. Und wurde für seinen Filius, der seit seinem siebten Lebensjahr für die 05er kickte, zum Problem. Speziell, als Papa Neustädter (im Januar 2005) Trainer der Zweiten Mannschaft wurde. „Ich war immer der Sohn vom Trainer.” Nicht nur das: Zwangsläufig wurde seine Spielweise mit dem des ehemaligen Verteidigers verglichen. „Er hat das Passspiel seines Vaters”, hieß es. Der Schatten war auch noch spürbar, als Roman 2008 den „Aufstieg” in die Erste Mannschaft schaffte.

Der Vater war immer noch omnipräsent, inklusive Diskussionen über die Leistungen des damals 20-Jährigen. Und so wechselte Roman Neustädter nach einem Jahr zu Borussia Mönchengladbach, obwohl Mainz ebenfalls der Sprung in die Erstklassigkeit gelang. „Ich wollte aufhören, der Sohn von Peter Neustädter zu sein”, schildert er die Beweggründe. „Ich wollte nur noch als Roman Neustädter gesehen werden.”

Das wurde er in Mönchengladbach. Doch allein die Abnabelung reichte nicht. Am Niederrhein musste er durchs Fegefeuer der Regionalliga-Mannschaft, bis er sich nach einer mehr als einjährigen Durststrecke in der Ersten Mannschaft etablierte. Doch die Vaterfigur war nicht die einzige Klippe, die Roman Neustädter umschiffen musste. Und auch dieses Problem teilte er mit vielen jungen Fußballern. Wenn er in seine Heimat fährt und dort mit ehemaligen Kollegen in der Soccerhalle kickt, wird er daran erinnert: an all die Talente, die schon weiter schienen als er in jungen Jahren. „Mich hatte keiner auf dem Zettel.”

Aber viele seiner Freunde waren Auswahlspieler - und sind „heute weg vom Fenster”. Sie haben sich verheddert im Dickicht aus Hormonen, Abenteuerlust und Feierzwang. „Eine Sache des Kopfes und der Einstellung, sagt Neustädter. Der junge Roman war auch gefährdet. Auf den Erfolgsweg aber hat ihn seine Freundin Mona gestoßen, mit der er seit Schulzeiten zusammen ist und auch das Abitur gemeinsam gemacht hat. „Was willst du hier?”, fragte sie, wenn er seinen Kumpeln in die Klubs und Discos folgte. „Bleib lieber zu Hause!” Der Jung-Fußballer zeigte sich einsichtig, obwohl es eine harte Zeit war, wie er offenherzig bekennt.

„Klar hatte ich das Gefühl, ich verpasse etwas. Und natürlich war ich zu Anfang eifersüchtig.” Denn Mona teilte nur selten sein Los als professioneller Stubenhocker. „Aber das hat sich ausgezahlt. Ich bin ihr heute ungemein dankbar dafür. Es ist eine Sache des Kopfes. Sie hat mir geholfen, ein Leben mit einem Ziel vor Augen zu führen.”

Freundin Mona als Ruhepunkt

Und Mona blieb weiterhin wichtig für seine sportliche Entwicklung. Die Psychologie-Studentin war sein erster Ansprechpartner in der Zeit, als in ihm Zweifel hochkamen, ob er den Sprung in Borussias Bundesligamannschaft endgültig schaffen würde. Es ist kaum ein Zufall, dass der sensible Fußballer sein Leistungspotenzial vollends ausschöpft, seit die 23-Jährige nicht mehr ein Doppelleben führt zwischen Studienort Brüssel (4 Tage) und Mönchengladbach (3 Tage).

Inzwischen führt sie ihre Ausbildung an der Fernuniversität Hagen fort. Und Roman Neustädter ist der einzige Borusse, der 2011 in allen 37 Pflichtspielen in der Startformation stand. Mittlerweile ist der „Sechser”, dessen Fußball-Intelligenz Trainer Lucien Favre ausgiebig lobt, selbst soweit, Ratschläge zu geben. Denn noch ein anderer aus der Familie Neustädter rieb sich an den „Altlasten”: Bruder Daniel verspürte im letzten Mainzer Sommer ebenfalls den Drang, sich zu verändern. Roman Neustädter aber hütete sich davor, dem sechs Jahre Jüngeren die Entscheidung abzunehmen. „Ich habe ihm gesagt, höre auf dein Bauchgefühl.” Und das führte Daniel auch weg vom Heimatverein und vom Vater, nicht in die Löwengrube, sondern in die Niederlande - in die Fußball-Akademie des FC Twente.

Roman Neustädters Fußball-Akademie heißt Borussia. Und die liefert ihm weiter Entwicklungsmöglichkeiten. „Ich muss torgefährlicher werden”, weiß der selbstkritische Jung-Profi. Und auch mehr aus sich rausgehen, nicht zu viel grübeln. Gegen seinen alten Klub wäre eine weitere gute Gelegenheit, beides zu beherzigen: seine gute Schusstechnik gewinnbringend einzusetzen und eine breite Brust zu zeigen. Für die Mainzer wäre er der Sohn des inzwischen Ex-Trainers, der sie abgeschossen hätte. Für Borussia ist er Roman Neustädter.

Favres Forderung: „Wie gegen Köln und Bremen” - und mit Marco Reus

Über die Niederlage in Augsburg möchte Lucien Favre eigentlich „gar nicht mehr sprechen”: Borussia Mönchengladbachs Trainer geht davon aus, dass dieses Erlebnis wie sein persönliches vom Donnerstagabend war: ein Ausrutscher. Der Schweizer trug einen Bruch des rechten Handgelenks davon. Seine Mannschaft soll am Sonntag gegen Mainz 05 zeigen, dass das überraschende 0:1 beim Aufsteiger auch ohne - negative - Wirkung bleibt. „Wir müssen spielen wie gegen Köln und Bremen.”

Favre meint qualitativ. Seine Forderung könnte aber auch den Wunsch ausdrücken, personell ebenfalls wie bei beiden überzeugenden Siegen (3:0/5:0) aufzulaufen - mit Marco Reus also. Borussias Torjäger ist wieder voll im Training. Und zwei Tage vor dem Match sagt sein Trainer: „Er ist bereit.”

Ein Spiel mit Marco Reus - und natürlich mit den altbekannten Warnungen vor dem Gegner: „Sie sind sehr gut organisiert, können mit drei, vier Systemen spielen. Das ist nicht einfach”, sagt Favre.

Die Statistik belegt in diesem Fall die Mahnung des Vorbereitungs-Weltmeisters: Mainz hat nur ein Auswärtspiel verloren.

Voraussichtliche Aufstellung: ter Stegen - Jantschke, Stranzl, Dante, Daems - Nordtveit, Neustädter - Hermann, Arango - Reus, Hanke