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Hans Meyers Kolumne: Es gibt nur noch Schwarz oder Weiß

Hans Meyers Kolumne: Es gibt nur noch Schwarz oder Weiß

Für mich war das Spiel gegen Island ganz normal. Gegen eine solche Elf, die so tief steht, die Räume geschickt eng macht, hat es jede Mannschaft schwer.

Auch Argentinien schießt dort keine drei Tore. Aber sie gewinnen 1:0 , weil sie individuelle Klasse besitzen - wir nicht. Wir haben zu wenig Chancen kreiert. Wenn du gegen eine solche Wand anrennst, müssen sich die Spitzen bewegen und du musst den Stechpass spielen. Der kam in den gesamten 90 Minuten zweimal.

Aber ein 0:0 in Reykjavik - wieso ist das eine Katastrophe? Nach jedem Spiel wird nur schwarz-weiß gemalt. Wir kommen von der WM als Zweiter zurück - und sind die Besten. Schulter-Klopferei, ein Kehl wird so verherrlicht, dass er wirklich denkt, er sei ein Weltmeister. Dabei hat er sich in den letzten zwei Jahren nicht weiter entwickelt.

Ich verstehe, wenn ein Trainer zur Aufstellung gefragt oder nachgehakt wird, warum er bestimmte Sachen taktisch so oder so gelöst hat. Aber das passiert doch gar nicht. Im deutschen Journalismus wird nicht mehr fachlich gefragt. Nur noch pauschal geurteilt.

Der deutsche Fußball läuft in einer unglaublichen Bandbreite ab: Nichtskönner werden zu Königen gemacht, um die Jungs dann an ihren Worten, die nicht von ihnen stammen, zu messen und sie in die Gosse zu stoßen. Dabei wird noch möglichst viel Sozialneid geschürt.

Klar lief früher einiges besser. Weil Netzer & Co. einfach besser Fußball spielen konnten. Nicht weil sie den stärkeren Willen besaßen. Heute fehlt uns das Kreative. Wenn Beckenbauer sagt, dass wir immer hinterher gehinkt seien, stimmt das nicht. Wir hatten immer vier bis fünf richtig Gute. Heute sehe ich keine überragenden Spieler. Die Mannschaft, die 2006 auflaufen wird, wird nicht die von Erich Rutemöller sein. Es wird die aktuelle sein, wobei Bobic und Wörns aus Altersgründen wohl nicht mehr dabei sein werden. Lasst sie in Ruhe arbeiten, anstatt Erwartungshaltungen zu erzeugen, die nicht zu realisieren sind.

Die Kreativität fehlt auch in der U21, die mit Einstellung und Kraft imponiert. Dieses Manko ist nicht naturgegeben: In der Trainer- und der Grundausbildung der Spieler läuft was falsch. Klar wird der DFB sich auf den Schlips getreten fühlen, weil dort organisatorisch viel gearbeitet wird. Aber unsere Jungs werden im Fußball spielen nicht gut ausgebildet. Technisch sind sie nicht schlecht. Aber im individuell-taktischen Bereich gibt es Riesen-Defizite. Um das abzustellen, muss viel mehr Fußball spezifisch trainiert werden. Das ist nicht per Knopfdruck zu ändern. Nicht für 2006.