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Mönchengladbach: Hans Meyer: „Mit einigen Dingen habe ich zu lange gewartet”

Mönchengladbach : Hans Meyer: „Mit einigen Dingen habe ich zu lange gewartet”

Schalke heißt der Gegner. Von Borussia Mönchengladbach - am Samstag in der Fußball-Bundesliga. Doch das spielt eigentlich keine Rolle. Ob Cottbus, Bayern München oder eben die Königsblauen - ab 15.30 läuft für den Bökelberg-Klub das Unternehmen: zurück zur Mannschaft.

Nur wenn die Elf wieder ihre ehemalige Geschlossenheit findet, habe sie eine Chance von 60, 70 Prozent, die Klasse zu halten, „ob unter mir oder meinem Nachfolger”, sagt Hans Meyer. Mit dem Borussen-Trainer sprach AZ-Redakteur Bernd Schneiders.

Für viele neutrale Beobachter ist Borussia nach der Leistung in Stuttgart Abstiegskandidat Nr. 1.

Meyer: Das kann ich nach dem 0:4, bei dem wir in der Endphase auseinandergefallen sind, absolut nachvollziehen.

Wie schlimm war es für Sie?

Meyer: Es war die erste Leistung in dieser Saison, wo sich das auf diese Art gezeigt hat. Wenn das dann in einer Phase passiert, in der die Konkurrenten alle punkten, herrscht die höchste Alarmstufe.

Was macht Sie optimistisch, dass sich etwas bessert?

Meyer: Wir sind nicht so schlecht, wie wir uns beim VfB präsentiert haben. Ein Erfolgserlebnis gegen Schalke - und wir sind wieder da.

Die Mannschaft schien geistig nicht da gewesen zu sein.

Meyer: Es war nicht so, dass sie nicht von Haus aus wollte. Abe die beiden frühen Tore waren fürs Seelenheil eine Katastrophe.

Aber warum immer diese Fehler?

Meyer: Das kann Ihnen auch Klaus Toppmöller erklären. Man kann nicht in die Köpfe hineinschauen. In Gedankengängen werden, wenn man in der Öffentlichkeit steht, positive Erlebnisse gerne mitverwertet. Nach negativen Leistungen sucht der Fußball-Profi gerne die Schuld beim Nachbarn, in der Taktik, beim Klub, Schuld, Schuld, Schuld - nur nicht bei sich selbst.

Wie wichtig ist die mannschaftliche Geschlossenheit?

Meyer: Sie ist als Basis für den Glauben an sich selbst ganz wesentlich. Bei uns ist sie aus dem Gleichgewicht. Intern und extern. Die Gemeinsamkeit bleibt auf der Strecke, das, was man Team nennt. Und dann trägt es nicht gerade dazu bei, wenn nach internen Besprechungen zwei Tage später alles als wörtliche Rede in der Zeitung steht.

Früher galt gerade das Binnen-Verhältnis der Borussia als hervorragend. Wie kann es sich so verschlechtern?

Meyer: Das ist ganz einfach: Fragen Sie mal Toppmöller, wie toll die Kameradschaft in der letzten Saison in Leverkusen war. Die kriegst du aber nicht ohne Erfolg.

Was können Sie denn noch tun?

Meyer: Wir müssen die Köpfe der Spieler aufs Wesentliche konzentrieren. Das muss Hans Meyer schaffen oder aber sein Nachfolger - das ist der Knackpunkt.

Haben Sie Fehler gemacht?

Meyer: Ja. Im Gegensatz zu meiner sonstigen Art habe ich mit einigen Dingen zu lange gewartet.

Etwa in Sachen Markus Münch?

Meyer: Dazu muss ich sagen: Einige wichtige Spieler waren langfristig verletzt. Und dann geht man Kompromisse ein, die sich im Nachhinein als faul erweisen.

Das wars?

Meyer: Natürlich habe ich bei manchen Einwechslungen völlig daneben gelegen. Etwa mit der Einwechslung von Markus Münch in Kaiserslautern. Aber das ist auf der Bank dann immer eine Momentsache und hat nichts mit unseren Schwierigkeiten zu tun.

Was fällt Ihnen zum Thema faule Äpfel ein?

Meyer: Die gibt es in jedem Arbeitsteam. Die Stimmung in der Gruppe ist wichtig. Der Einzelne muss optimistisch und leistungswillig zur Arbeit gehen, um für den Arbeitgeber das Optimale rauszuholen. Wenn du dann Spieler dabei hast, bei denen du zu gähnen anfängst, wenn du sie beim Training siehst, ist es nur schlecht. Das sind keine schlechten Menschen, aber sie haben einen negativen Einfluss auf die Arbeitsatmosphäre. Auch, weil viele andere beeinflussbar sind. Deshalb kann es ein erster Schritt sein, den Kader zu reduzieren, um Wettkampf-Atmosphäre aufzubauen. Gerade, wenn man so viele Spieler der Mittelklasse besitzt wie wir. Mittelklasse nur in Bezug etwa zu Real Madrid.

Dazu zählt auch Markus Münch?

Meyer: Es sind nicht nur sportliche Gründe allein. Er ist nicht so teamfähig, wie ich es für nötig halte. Beim Bemühen, das Beste für den Klub zu erreichen, muss jeder volle Leistungsbereitschaft zeigen. Wenn nicht, muss ich reagieren.

Haben Sie schon mal daran gedacht, von sich aus aufzuhören?

Meyer: Tatsache ist: Die Zukunft des Klubs, ob ich aufhöre oder nicht, hängt mit der Leistung der Mannschaft zusammen. Wenn ich und das Präsidium das Gefühl haben, es ist besser für den Klub, wenn wir uns trennen, werden wir es tun. Unterm Strich aber wird es niemand von außen schaffen, das zu bestimmen.

Seit dreieinhalb Jahren versucht Sie eine Boulevard-Zeitung abzuschießen. Geht die Saat jetzt auf?

Meyer: Nee. Die gesäten Zweifel gehen auf in meinem Umfeld. Aber das drückt mich nicht so sehr. Mehr der Gedanke: Was ist das für eine Gesellschaft, in der die öffentliche Meinung geprägt wird von so einem Blatt? Das ist eher beängstigend. Aber ich gehe, wenn ich die nächsten zwei Spiele verliere, nicht wegen der Bildzeitung. Das ist dann meine Schuld, nicht die von Bild.

Wie ist der Klassenerhalt denn noch zu schaffen?

Meyer: Nur als verschworene Gemeinschaft, die notfalls bereit ist, sich die Rübe runterschießen zu lassen. Dann haben wir eine Chance von 60, 70 Prozent. Wobei ich hoffe, dass wir unser Quantum an Pech bereits ausgeschöpft haben.

Münch aus dem Kader, Witeczek ganz weg: Wie siehts mit Strasser aus?

Meyer: Im Spiel gegen Wolfsburg hatte ich keine Verwendung für ihn. Aber wie er nach dem Sieg alle beglückwünscht hat und nach dem Denkanstoß sich im Training reinhängt, imponiert mir. Wenn er wieder das zeigt, was ihn stark macht - einfach und solide zu spielen - , dann wird er uns noch sehr helfen.

Die Sehnsucht nach einem Anführer ist derzeit wieder groß.

Meyer: Den hat auch Bayer Leverkusen nicht. Aber das ist ein regelmäßig wiederkehrender Ruf. Wenns nicht läuft, hat man ihn nicht. Wenn es läuft, hat man zehn, die es von sich glauben. Es ist eine Frage der überragenden fußballerischen, athletischen und menschlichen Qualität. So einer bringt keine Allüren mit und ist auch noch fünf Minuten vor Schluss präsent. Wie Zinedine Zidane. Auch im Jammertal seine Klasse zeigen - das ist fabelhaft. Und solche Typen brauchen dafür auch nicht die Anerkennung von außen.