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Mönchengladbach: Ein Formations-Tanz in den Erstliga-Himmel

Mönchengladbach : Ein Formations-Tanz in den Erstliga-Himmel

Souveräner Zeitliga-Meister, torgefährlichster Sturm, zweitbeste Abwehr, auswärtsstärkstes Team, König der Erfolgsserien - da gibt es doch nicht viel zu meckern über den neuen Erstligisten Borussia Mönchengladbach. Oder doch?!

Unsere Redakteure Heribert Förster und Bernd Schneiders mit einer - kritischen - Würdigung des Aufsteigers.

Die Torhüter

Christofer Heimeroth: Seine erste Saison als Nummer eins gestaltete sich zum Entwicklungsprozess. Im Frühjahr wackelte er leicht wegen seiner „natürlichen” Zurückhaltung. Nach intensiven Gesprächen mit dem Trainer wurde aus dem Schweiger zwar kein Lautsprecher, aber ein Torhüter mit mehr Körpersprache und Präsenz. Damit machte der 26-Jährige den bereits angedachten Einkauf eines neuen Torhüters unnötig. Luhukay: „Er bleibt unsere Nummer1.”

Uwe Gospodarek: Ruhig, integer, verlässlich, erfahren. Der 34-Jährige ist die ideale Nr. 2.

Frederic Löhe: Ob der 19-Jährige mehr als ein Talent ist, muss der Riese mit dem Babyface erst noch beweisen.

Abwehr

Tobias Levels: Musik-Sachverständiger im Team, erkämpfte sich überraschend einen Stammplatz auf der rechten Seite. Vorbildlicher Kämpfer, allerdings ungestüm, verliert schon mal die Übersicht und ist auch nicht der Allerschnellste. Wird kaum erneut zu 26 Einsätzen kommen.

Roel Brouwers: Lieferte den Beweis, auch ohne viel zu reden, kann man Abwehrchef sein. Absolut verlässlich, kopfballstark auch bei offensiven Standards. Fehlende Schnelligkeit gleicht er durch Zweikampfgeschick aus. Probleme, wenn er aus der Abwehr rausgelockt wird und mehr im Raum spielen muss. Muss sich steigern.

Steve Gohouri: Einer der Publikumslieblinge, weil er mit vollem Einsatz seines Astralkörpers im Zweikampf keine Gefangenen macht. Tut dem Gegenspieler auch ohne Fouls weh. Bringt alles mit - eigentlich: Das Stellungsspiel und diverse Harakiri-Vorstöße des Ivorers bringen den Trainer schon mal zur Verzweiflung. Verlor auch deshalb in der zweiten Hälfte der Spielzeit seinen Stammplatz an Filip Daems. Absolut Erstliga-tauglich - wenn er sich konzentriert.

Filip Daems: Der belgische Musterprofi spielte sich so auf der Innenverteidiger-Position fest, dass er zuletzt sogar Schwierigkeiten bekam, als er auf seiner eigentlichen Schokoladenseite, links in der Viererkette, aushelfen musste. Sein Trümpfe: Schnelligkeit, Antizipation, Zweikampfgeschick, gutes Passspiel, knallharter Linksschuss. Lediglich sein Kopfballspiel ist nicht unbedingt erstklassig.

Alexander Voigt: Die Fleisch gewordene Sensation der Aufstiegssaison. Überzeugte hinten links durch seine Cleverness, erhielt erst am vorletzten Spieltag seine fünfte Gelbe Karte und überzeugte mitunter in der Vorwärtsbewegung. Ebenso wichtig sein stets gut gelauntes Auftreten in und außerhalb der Kabine. Einer der mentalen Führungsspieler. Der frisch gebackene Ehemann wird sich nicht davon abschrecken lassen, dass Borussia auf seiner Seite nachbessern will.

Kasper Bögelund: Vor der Saison als Kapitän gehandelt, verkraftete der Däne vorbildlich, dass er seinen Stammplatz am fußballerisch limitierten Nobody Levels verlor. Nur sieben Einsätze zeugen davon, dass Luhukay auf dieser Position mehr Zweikampfhärte oder Schnelligkeit verlangt, am liebsten beides. Deshalb wurde der Vertrag des 27-Jährigen auch nicht verlängert.

Thomas Kleine: Der eigentliche Pechvogel des Teams. Der Winter-Einkauf kam immer dann zum Einsatz, wenn Borussia jeweils zu Beginn der Hin- und Rückrunde ihre Mini-Krise nahm. Muss seine Wertigkeit noch beweisen.

Robert Fleßers: Spielte aus Verletzungs- und sportlichen Gründen keine Rolle. Verlässt den Verein.

Mittelfeld

Patrick Paauwe: Ehrfürchtig „Iceman” von den Kollegen genannt. Bleibt in jeder Situation kühl bis ans Herz. Extrem niedrige Fehlpassquote, Meister des Steckpasses oder des punktgenauen Zuspiel aus der Distanz. Stratege und verlängerter Arm des Trainers. Gleicht fehlende Spritzigkeit durch Stellungsspiel und Antizipation aus. Stopfte als Solist im defensiven Mittelfeld alle Löcher so weit möglich - und ab und zu schon mal darüber hinaus. Auch menschlich als Führungsspieler anerkannt. Wird in der Ersten Liga der Kopf der Mannschaft bleiben.

Sascha Rösler: Das Herz der Mannschaft. Kämpfer, Antreiber, Vollstrecker. Gibt immer mehr als 100 Prozent, was dann schwer fiel, als er von den Feierlichkeiten geschwächt war. Denn auch dabei ging der Mann hinter den Spitzen immer voran. Wenn er allerdings seine defensiven Aufgaben vernachlässigte, bekamen sein „Hintermann” Paauwe und die komplette Abwehr Schwierigkeiten. Bleibt abzuwarten, ob diese kräfteraubende Position im Zusammenhang mit Paauwe auch in Liga 1 so zu stemmen ist. Wohl eher nicht.

Marcel Ndjeng: Bis zum Winter der König der Standards und bester Vorbereiter der Liga. Fiel zur Hälfte der Rückrunde kräftemäßig ab. Psychisch nicht sehr stabil. Einige wenige misslungene Dribblings zu Beginn der Partie - und man kann ihn eigentlich schon auswechseln.

Marko Marin: Gladbachs Wunderknabe brachte seine Gegner, aber auch schon mal seinen auf taktische Disziplin bedachten Trainer zur Verzweiflung. Marins Lehr-Monate fanden speziell in der Hinrunde statt, als seine Dribblings noch zu sehr Selbstzweck waren. Die Effektivität seiner Aktionen und die Arbeit auch nach hinten verbesserte er erst in Saison-Abschnitt 2. Und wurde auch mit Toren belohnt. Bleibt abzuwarten wie er die EM verkraftet, wenn der 19-Jährig denn endgültig nominiert wird. Frisch wird er auch zahlreiche Erstliga-Gegenspieler zum Brummkreisel degradieren.

Soumaila Coulibaly: Borussias Pfand auf der Bank. Verdient sich den Namen als „Edel-Joker”. Wenn er eingewechselt wurde, bestach er durch perfekte Ballabschirmung, Ruhe am Ball und der Fähigkeit, den tödlichen Pass zu spielen.

Eugen Polanski: Tja, fast tragisch seine Rolle. Seine Bissigkeit und vorbildliche Einstellung reichten nicht, sich gegen den Strategen Paauwe durchzusetzen. Das wäre ihm auch in der kommenden Saison nicht gelungen. Für eine offensivere Position im Mittelfeld aber fehlt ihm die Sprintstärke und Torgefährlichkeit. Er heuerte beim FC Getafe an. Ob das ein guter Rat seines Beraters Norbert Pflippen war, ist zumindest zweifelhaft.

Sebastian Svärd: Bringt alles mit für einen guten Mittelfeldspieler. Allein: Bekam seine Verletzungsanfälligkeit nie in den Griff. Damit aber kann ein Profi-Klub auf Dauer nicht leben.

Johannes van den Bergh: Die Entdeckung links im Mittelfeld, wo er durch Bissigkeit und Dynamik überzeugte. Zuletzt verletzt. Noch ist er ein (Jung-Mann für besondere taktische Konstellationen (Auswärtsspiele). Hat noch Entwicklungspotenzial.

Alexander Baumjohann: Ein weiteres abschreckendes Beispiel dafür, dass Talent allein nicht reicht. Wenn der (mentale) Biss fehlt, kann man nicht im Profi-Mannschaftssport reüssieren. Spielte keine Rolle, soll gehen.

Sebastian Schachten: Wieviel Verletzungen kann ein Fußball-Profi ertragen? Frag nach bei Schachten, Borussias Hiob.

Angriff

Rob Friend: Rob Friend ist Borussias Mehrwert-Spieler: Statt der für ihn ausgerechneten einstelligen Torquote verblüffte der Kanadier in seiner ersten Saison nicht nur seinen Trainer gleich mit 18 Treffern. Vier mehr als Aufstiegsheld Arie van Lent 2001. Abgesehen von diesem Torhunger erwies sich der 27-Jährige als fliegendes Bollwerk in der Sturm-Zentrale. Friend scheut im Zweikampf keine Verluste, auch nicht die eigenen. Kein Wunder, dass gerade auch englische Vereine auf den Ex-Profi von Heerenveen aufmerksam wurden. Mehr Mühe als mit den Gegenspielern hat der Mittelstürmer mit den Schiedsrichtern, die seine robuste aber nie dreckige Spielart immer wieder mit Pfiffen kommentierten. (Fast) Unbezahlbar trotz neuen und aufgebesserten Vertrags: sein Vermögen, den Ball aufzulegen oder abzuschirmen, zu halten, bis die Kollegen aufrücken. Auch in Liga 1 wird Friend der Feind jeder Abwehr sein.

Oliver Neuville: Der ruhigste Kapitän der Liga legte nicht nur seine Verletzungsanfälligkeit ab (war in jedem Spiel dabei), sondern zuletzt auch seine Neigung, sich bei engen Spielen zu verstecken. Immer noch blitzschnell, mit dem Gespür, den Steilpass zu fordern und vor allem torgefährlich. „Er schießt nicht das 5:0 oder 6:0, er ist unser Mann für die wichtigen Tore”, lobt Luhukay den Oldie (35) zurecht. Damit wird er auch in den kommenden Monaten noch helfen.

Sharbel Touma: Zeigte erst zum Abschluss der Spielzeit, was er drauf hat. Pfeilschnell, perfekte Schusstechnik, lediglich defensiv ein Legastheniker. Rechts und links einsetzbar. Wird in einer Liga, in der Wert auf Technik gelegt wird, noch besser zur Geltung kommen. Eigentlich ein Neuzugang, eine Verstärkung im buchstäblichen Sinne.

Roberto Colautti: Ein weiterer Trumpf für die anstehenden Aufgaben. Stürmer mit vielseitigen Fähigkeiten und vor allem Torriecher. Großes Verletzungspech, ansonsten hätte Friend einen extrem starken Konkurrenten gehabt.

Nando Rafael: Menschlich integer, auch auf Bank oder Tribüne immer mannschaftsdienlich Der Spaßvogel im Team, doch ein anderer Spaß wird ihm wohl vergangen sein - eine sportliche Zukunft besitzt der Stürmer aus der Ajax-Schule nicht. Auch wenn Luhukay vor der Saison tapfer darauf beharrte: „Er kann das Fußball spielen nicht verlernt haben.” Soll gehen.

Moses Lamidi: Der wieselflinke Stürmer spielte keine Rolle, sondern überwiegend in der U23.

Der Trainer

Jos Luhukay ist der Vater des Aufstiegs, auch wenn er sofort auf sein Team verweisen würde. Der Niederländer ist ebenso uneitel wie ehrgeizig, höflich, aber konsequent. Seine Detailkenntnisse in Sachen Spieler-Qualitäten (auch menschliche) führten zu einer sensationell guten Trefferquote bei den 13 Zugängen. Punktgenaue Vorbereitung auf den Gegner, Ehrlichkeit den Spielern und Medien gegenüber. Fand, auch gegen den Druck von außen, genau die richtige Mischung aus Schonzeit und Belastung, um das Ausnahme-Talent Marin weiter nach vorn zu bringen. Luhukay wird nun endgültig beweisen, dass er ein erstklassiger Trainer ist.

Der Sportdirektor

Christian Ziege ist längst zum Anti-Schnösel geworden und heimst auch bei Auswärtsauftritten allenthalben Lob für seine sympathische Art ein. Ansonsten profitiert der ehemalige Bayern-Profi gerade auch bei den Gesprächen mit potenziellen Neu-Borussen von seinen Erfahrungen. Ist noch extrem nah am Fußball dran und hat sich auf der harten Abstiegstour in die schwierigen Seiten des Manager-Lebens reingearbeitet.

Kommentiert von Bernd Schneiders: Schwielige Zeiten

Jos Luhukay hat schon Schwielen auf den Schultern. Von den vielen Zeitgenossen, die schon immer gewusst haben, dass er der Richtige ist - für den Aufstieg. Der niederländische Trainer weiß, dass die gleichen Personen bereit sind, ihm nach wenigen Wochen, wenn´s in der Ersten Liga naturgemäß hakt, einen Tritt in den Hintern zu geben.

Dann werden die Verweise auf die Abstiegssaison kommen. Luhukay wird das nicht kirre machen. Er wird zusammen mit Sportdirektor Christian Ziege den Spagat zwischen Qualitätsverbesserung und bereits verankertem Mannschaftsgeist hinbekommen. Wenn man ihm Zeit lässt, die er sich mehr als verdient hat.