Danzig/Lwiw: Deutschland zahlt aufs Glückskonto ein

Danzig/Lwiw: Deutschland zahlt aufs Glückskonto ein

Am Tag danach stand die Belohnung in der Lobby des noblen Hotels Dwor Oliwski. Die deutschen Spielerfrauen durften den Tag mit ihren Siegern verbringen. Deutschlands Start in die Europameisterschaft ist gelungen, da war die vom DFB organisierte Ablenkung höchst willkommen.

Die Männer durften nach dem 1:0 gegen Portugal ausspannen und mit ihren Begleiterinnen neue Pläne schmieden. Schließlich steht schon am Mittwoch die nächste Partie gegen die Niederlande an, bei der der vorzeitige Einzug ins Viertelfinale möglich ist.

Der deutsche Stapellauf ins Turnier jedenfalls war noch ruckelig. Das Team hat nach der zähen Vorbereitung vorerst die Leichtigkeit und Raffinesse der Qualifikation verloren. Es war ein Sieg, wie er früher oft unter Rudi Völler errumpelt wurde. Mit einer einzigen wuchtigen Aktion wurde der Erfolg sichergestellt. Er wurde hart und seriös erarbeitet, aber nur das Ergebnis schmeckte nach mehr.

Die Mannschaft legte ihre Nervosität in diesem richtungsweisenden Spiel nicht ab. „Es hängt unheimlich viel ab von diesem ersten Spiel”, urteilte der vorzügliche Keeper Manuel Neuer. In den letzten Minuten verschanzte sich das Team ängstlich um seinen Kasten. „Es muss einiges optimiert werden gegen Holland. Aber es gibt ja immer eine Initialzündung, wenn man das erste Spiel gewinnt” atmete Joachim Löw durch.

Der Bundestrainer ist auf dem angestrebten Weg zu seinem ersten Titel durchaus konsequenter geworden. Historische Verdienste verlieren an Bedeutung. Schon nach dem Casting hatte er Cacau, einen seiner Lieblingsschüler, nach Hause geschickt. Dann rüffelte er öffentlich seinen Nachtschwärmer Jerome Boateng. Und gegen Portugal verweigerte er den anerkannten Turnierspielern Per Mertesacker und Miro Klose den Startplatz, obwohl sie als fit gelten. Spieler, deren Einsatz als grundgesetzlich verankert galt, kommen in die Warteschleife. „Wir wollten das ganz große Risiko nach ihren Verletzungspausen nicht eingehen”, urteilte der Bundestrainer. Er hat seine Lehren aus der Euro 2008 gezogen, als das Team den Ex-Patienten Christoph Metzelder mitziehen musste.

Auf dem Reißbrett

Personalleiter Löw wurde bestätigt in seinen Planungen. So wurde Mertesacker-Vertreter Mats Hummels zum besten deutschen Feldspieler, und Mario Gomez gelang der einzige Treffer an diesem Abend, als sein Konkurrent Miro Klose schon zur Einwechslung bereit stand.

Die Löw-Mannschaft startete nervös in das Turnier, in dem sie als (Mit-)Favorit gelistet ist. Die Kombinationen blieben auf dem Reißbrett, Sami Khedira und vor allem Bastian Schweinsteiger stapelten Fehlpass auf Fehlpass. Die Außenspieler Thomas Müller und mehr noch Lukas Podolski setzten sich nur selten durch. Und vorne wartete und wartete Mario Gomez anstatt mit energischen Antritten Räume zu schaffen. Es war eine müde, tempoarme Visitenkarte, die das Team zu Beginn der Euro abgab. Portugals Trainer Paulo Bento hatte einen zusätzlichen Dreierriegel (Moutinho/Veloso/Meireles) vor die Abwehr gestellt, der nur mühsam zu überwinden war.

Gut gewehrt

So war die Partie kein Vergnügen. Der Bundestrainer hat andere Vorstellungen, er will nicht nur Siege, sondern auch klingende Siege. „Ich finde es schon wichtig, dass der Fußball einer Mannschaft das Herz berührt.” An diesem Abend waren die Ansprüche reduziert. Löw tobte zwar ausdauernd fast 90 Minuten am Spielfeldrand, aber am Ende des Tages bilanzierte er zufrieden: „Die Mannschaft war aufsässig, sie hat sich gut gewehrt. Das ist mir das Allerwichtigste.”

Zumindest auf seine Abwehr war an diesem Saunaabend in Lwiw Verlass. Die Abteilung war als Sorgenkind angereist, nachdem sie gerade von der Schweiz arg zerzaust wurde. Die Defensive machte ihre Sache dann ausnehmend gut. Der angezählte Rechtsverteidiger Boateng nahm Weltstar Cristiano Ronaldo meist an die Kette. Am Ende zahlten die Deutschen noch gehörig auf ihr Glückskonto ein. Ein Schuss von Pepe klatschte von der Latte exakt auf die Torlinie (45.). Kein Treffer. Und am Ende retteten nacheinander die Latte (nach einer Flanke von Nani), der Rücken Badstubers (nach einem Schuss von Nani) und vor allem Torwart Manuel Neuer (gegen den frei stehenden Varela) den wichtigen Sieg.

Der „Blindgänger” . . .

Die fast einzig gelungene Aktion von Mario Gomez machte den Unterschied. Nach 72 Minuten schraubte er sich in den Nachthimmel von Lwiw und verwertete eine (abgefälschte) Flanke von Khedira. An seinem Jubel wird man ermessen können, welche Last von ihm abgefallen ist. „Es war ein langer Weg bis hierher.”

Gomez ist der einzige Stürmer, der nicht an seinen Chancen, sondern an einer vergebenen Chance gemessen wird, seitdem er bei der EM 2008 gegen Österreich eine unfassbare Gelegenheit ungeschickt verpasst hatte. Seitdem musste er Pfiffe des eigenen Publikums oder auch Filme im Videoportal Youtube mit Titeln wie „Gomez, der Blindgänger” ertragen. Seitdem hat der 26-Jährige zwei brillante Jahre in der Liga hinter sich mit 54 Treffern. 2011 war er auch in der Auswahlmannschaft der treffsicherste Angreifer. Und dieses Auftaktspiel in Lwiw wird festgehalten als der Abend, an dem er endlich sein Euro-Trauma überwand.

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