1. Sport
  2. Fußball
  3. Bundesliga

Mönchengladbach: Der Wurm steckt nicht nur im Sturm

Mönchengladbach : Der Wurm steckt nicht nur im Sturm

Man möchte vorausschicken, dass Stillstand Rückschritt bedeutet oder Haare auch in einer sehr schmackhaften Suppe zu finden sind.

Kritische Ansätze bei einem Fußball-Bundesligisten, der in der letzten Saison dem Erstliga-Tod erst in der Verlängerung von der Schippe gesprungen und nur fünf Monate später Tabellenzweiter in der höchsten deutschen Spielklasse ist, wirken fast unmoralisch.

Also könnte man Überlegungen zur Offensive von Borussia Mönchengladbach einstellen und die Worte von Lucien Favre als Balsam in leicht irritierte Nervenbahnen träufeln: „Wichtig ist, dass wir mehr Torchancen haben. Es wird kommen.”

Womöglich aber sagt der Trainer gar nicht die Wahrheit, weil er es in seiner Situation gar nicht sagen darf, oder nur einen Teil? Der „Kicker” weist Mönchengladbach als Tabellenletzten auf: In der Rubrik Chancenverwertung (Zahl der erzielten Tore geteilt durch Anzahl der Torchancen) belegt der derzeitige „Aufsteiger” der Saison den letzten Rang (19,3 Prozent).

Dieses Manko hat bereits mindestens fünf Punkte gekostet: drei in Freiburg, zwei zu Hause gegen Bayer Leverkusen. Die fünf dazugerechnet, läge Borussia - immer noch auf Platz 2, aber immerhin punktgleich mit den Bayern. Aber um Tabellenstände geht es nur vordergründig. Mönchengladbachs Kader besitzt eine Schwachstelle, die allerdings zu erklären ist.

Nur ein Stoßstürmer

Es gibt nur einen Stoßstürmer. Der heißt Raul Bobadilla - und ist derzeit verletzt. Dafür kann weder der Argentinier noch Borussia etwas. Problematisch aber wird es dadurch, dass Bobadilla eh keine verlässliche Größe ist, noch nicht. Und auch die Möglichkeit, dass er nie eine wird, ist nicht auszuschließen.

Der heißblütige Kraftprotz muss erst noch den Beweis antreten, langfristig erstklassige Leistungen bringen zu können. Sein jüngster Auftritt gegen Leverkusen hat Zweifel daran genährt. Ohne ihm also Böses zu wollen: Raul Bobadilla ist immer noch ein wandelndes Fragezeichen.

Das ist Igor de Camargo auch. Er ist ebenfalls kein Stoß-, sondern ein Schattenstürmer, aber als solcher beim Toreschießen sehr effektiv, was Gladbach auch die Klasse gesichert hat. Seine Verletzungsanfälligkeit (wie derzeit) bleibt aber ein Riesen-Problem.
So gut, so schlecht: Ein Mann, der ebenfalls als Sturmspitze geholt wurde, hat sich eigenständig zu einer anderen Position entwickelt.

„Ich bin eher ein Neuneinhalber”, beschreibt Mike Hanke seine neue Wirkungsstätte. Spielbeschleuniger, Ballhalter, (Steck-)Passspieler, Anspielstation - wichtig und gut, aber alles in zurückgezogener Linie. Da hat er etwa gegen Leverkusen brilliert.

Dass er aber in den (momentanen) „Notzeiten” zurückentwickelt werden kann zu einer Sturmspitze, scheint zumindest fraglich.

Auf vielen Positionen kann Favre Spieler ohne nennenswerten Substanzverlust ersetzen. Im Tor Marc-André ter Stegen und in der Offensive de Camargo und Marco Reus allerdings nicht. Auf den schmalen Schultern des Letzteren ruhen derzeit überwiegend die Treffer- und Chancen-Qualitäten der Gladbacher. Nicht von ungefähr freute sich Favre explizit über den 2:2-Treffer von Patrick Herrmann.

Wehe, Reus würde einmal verletzungsbedingt ausfallen. Die Abhängigkeit vom frischgebackenen Nationalspieler ist groß, beängstigend groß. Sogar, wenn er spielt, aber wie zuletzt häufiger seine Chancen nur unzureichend verwertet.

Ein aktueller Ansatz kann deshalb nur sein, einmal diese Abhängigkeit zu lindern, zum anderen die momentane Tordürre abzustellen. Fast monothematisch sind Gladbachs Möglichkeiten Chancen in einer Eins-gegen-Eins-Situation gegen den gegnerischen Torhüter. Wo bleiben Distanzschüsse?

Roman Neustädter, Leistungsträger und überzeugend auf der Sechser-Position, kennt seinen Entwicklungsauftrag: „Ich muss torgefährlicher werden.” Der 23-Jährige hat eine gute Schusstechnik und ist kopfballstark. Sein Partner Harvard Nordtveit besitzt einen Schuss wie ein Pferd - zeigt es aber nicht. Auch eine ehemalige Stärke, die Torgefährlichkeit bei Standards, ist verdorrt.

Spätestens, wenn ein Gegner weniger naiv ist als Leverkusen und nicht so inflationär viele Durchbrüche gestattet, wird diese Schieflage noch offensichtlicher werden. In Hoffenheim könnte das schon passieren: Das Innenverteidiger-Gespann Vorsah/Compper ist schneller als das Bayer-Duo.

Torjäger kostet viel Geld

Soweit der aktuelle Ansatz. Ein übergreifender aber, um dieses Problem zu lösen, ist ein teurer und so nicht nur die Aufgabe von Sportdirektor Max Eberl: Gladbach braucht einen Torjäger - und dafür muss Geld zur Verfügung gestellt werden. Zukunftsmusik, mit einer süßen Melodie obendrein: Die Überlegungen finden auf einer gesunden Basis statt und nicht im Überlebenskampf. Frei nach dem Motto: lieber ein Haar in der Suppe als nur einen Strohhalm im Tabellenkeller.

Voraussichtliche Aufstellung: ter Stegen - Jantschke, Stranzl, Dante, Daems - Nordtveit, Neustädter - Herrmann, Arango - Reus, Hanke