Lüttich: Der Vizemeister steht vor einer Reise ins Ungewisse

Lüttich: Der Vizemeister steht vor einer Reise ins Ungewisse

Zwei magere Unentschieden in den ersten beiden Pflichtspielen der Saison, abwanderungswillige Leistungsträger und ein neuer Klubeigentümer: Der belgische Fußball-Erstdivisionär Standard Lüttich steht vor einer Meisterschaftsrunde mit vielen Fragezeichen.

In der vergangenen Saison noch knapp am Titel vorbeigeschrammt, weiß man nicht genau, wo die Reise der „Rouches” hingehen wird.
Der erste große Wechsel wurde an der Spitze des Vereins vollzogen: Nachdem die Witwe des Hauptaktionärs Robert-Louis Dreyfus erklärt hatte, dass sie ihr Aktienpaket verkaufen wolle, nahm der Vorstand Gespräche mit zig potenziellen Neu-Investoren auf.

Das niederländische „Value8” war im Rennen, der Name des österreichischen Getränkeherstellers Red Bull fiel auch. Die Fans bangten um die Identität des Vereins und gründeten eine Initiative, um mit eigener Kapitalbeteiligung ein Mitspracherecht zu erhalten. Sieger des Übernahmepokers wurde aber ein ganz anderer: Roland Duchâtelet, Gründer der politischen Bewegung Vivant, Präsident von Standard-Konkurrent Sint-Truiden und vor allem finanzkräftiger Geschäftsmann, kaufte nicht nur die Dreyfus-Anteile, sondern den kompletten Verein auf. 40 Millionen Euro legte Duchâtelet dafür auf den Tisch. Die Ära von Luciano D’Onofrio, der bis dahin „starke Mann” des Vereins, war endgültig beendet.

D’Onofrio, dessen Bruder Dominique die Lütticher in der vergangenen Saison als Coach zum Vizemeistertitel und zum Pokalsieg führte, verfügte über sehr gute Kontakte im internationalen Fußballgeschäft, was ihm allerdings auch eine Klage eingebracht hat: Die Lütticher Justiz will ihn wegen Geldwäsche bei Transfers vor Gericht zerren. Aufgrund des laufenden Verfahrens wurden die Aktien von D’Onofrio, die Duchâtelet im Gesamtpaket mit übernahm, vorläufig eingefroren.

Die Machtübernahme durch Duchâtelet, der zu den 20 reichsten Belgiern gehört (geschätztes Privatkapital: rund 500 Millionen Euro), ging mit sportlichen Änderungen einher. Da Dominique D’Onofrio schon vor dem Aktionariatswechsel seinen Rücktritt angekündigt hatte, musste ein neuer Trainer her. Die Wahl fiel auf José Riga, einen bekannten Namen im wallonischen Profifußball, der zuletzt Zweitligist Visé betreut hatte.

Riga ist um seine Aufgabe allerdings nicht zu beneiden: Mit Nationalspieler Axel Witsel (Foto/für acht Millionen Euro zu Benfica Lissabon) verlor er den wohl besten Spieler der 1. Division der vergangenen Saison. Zudem kündigten die Leistungsträger Eliaquim Mangala und Steven Defour an, dass sie den Verein verlassen wollen. Keeper Sinan Bolat und Stürmer Mohamed Tchité äußerten den Wunsch zwar nicht so explizit, doch bei einem guten Angebot könnten auch sie weg sein. Bis zum 31. August läuft die Transferperiode.

Da Mangala und Defour in ihrem neuen Verein (der FC Porto und der FC Valencia haben Interesse bekundet) im Europapokal spielen wollen, verzichteten die Lütticher im Hinspiel der dritten Qualifikationsrunde in der Champions League gegen den FC Zürich auf ihre Dienste. Bei einem Einsatz wären die beiden für alle weiteren Europapokalspiele bis Ende des Jahres nicht spielberechtigt.

Dass die „Rouches” aber nicht auf die beiden verzichten können, zeigte das magere 1:1 gegen die Schweizer. Ob sie nun für das Rückspiel heute Abend zum Mitwirken verpflichtet werden, ist aber eher unwahrscheinlich, weil sich ihr Marktwert dadurch verschlechtern würde.

In Zürich geht es für Standard um viel Geld, da das Erreichen der Play-offs in der Champions-League-Qualifikation gleichzeitig bedeutet, dass Lüttich dann bei einem Ausscheiden automatisch für die Gruppenphase der Europa League qualifiziert wäre. Scheitern die Riga-Schützlinge - die zum Liga-Auftakt am vergangenen Samstag bei Aufsteiger RAEC Mons 1:1 spielten - in Zürich, müssen sie in die Play-offs der Europa League. Im schlimmsten Fall würde Standard also ohne europäischen Fußball dastehen.

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