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Annecy: Der Mahner und der Euphorische: Islands ungleiches Trainer-Duo

Annecy : Der Mahner und der Euphorische: Islands ungleiches Trainer-Duo

Den verbalen Doppelpass beherrscht Islands ungleiches Trainer-Duo perfekt. Euphorisch blickt Heimir Hallgrímsson, dessen Story als praktizierender Zahnarzt inzwischen die ganze Fußball-Welt kennt, auf das anstehende Viertelfinale des EM-Sensationsteams gegen Frankreich voraus.

„Jede Hürde wird jetzt niedriger aussehen, das ändert ihre Mentalität, ihr Selbstbewusstsein wächst, das ist so wichtig für die Spieler”, schwärmt der 49-Jährige angesichts des unglaublichen Laufs.

Sofort beugt sich der knapp 19 Jahre ältere Lars Lagerbäck nach vorne und fügt mit einem großväterlichen Schmunzeln hinzu: „Solange sie mit ihren Füßen auf dem Boden bleiben.”

Die beiden sind das einzige gleichberechtigte Trainerteam bei dieser Europameisterschaft - und ergänzen sich vor der Partie am Sonntag (21.00 Uhr/ZDF) im Endspiel-Stadion in Saint-Denis bestens. Hier der schwedische Routinier, der sein Heimatland zu fünf großen Turnieren führte und mit dieser Erfahrung als „wirklich konservative” (Hallgrímsson) Respektsperson dem EM-Debütanten hilft. Dort der frühere Frauen-Trainer, der die DNA des isländischen Fußballs bestens kennt und progressiv eher auf Videoanalysen setzt.

„Weil wir so gut kommunizieren, spielt es keine Rolle, dass wir etwas unterschiedlich handeln und denken”, erklärt Hallgrímsson das Erfolgsmodell. „Am Ende einigen wir uns jedes Mal auf das Wichtige: So machen wir es heute. Ich denke, wir gleichen uns sehr gut an und ergeben zusammen einen guten Trainer.”

Aus zwei mach eins - die Idee für das Job-Sharing stammt von Lagerbäck selbst. Im Oktober 2011 übernahm er das Traineramt in Island und machte Hallgrímsson nach der perfekten EM-Qualifikation zu seinem ebenbürtigen Partner. Das im Profifußball ungewöhnliche Arrangement kennt Lagerbäck aus guter eigener Erfahrung - in Schweden war er selbst lange Partner von Tommy Söderberg.

Die unterschiedliche Mentalität und Herkunft zeigt sich auch, wie beide die anstehende Aufgabe gegen Frankreich betrachten. Das überraschend gewonnene EM-Achtelfinale gegen England habe dem Team wahrscheinlich mehr bedeutet, weil die Liebe zum Fußball auf der Insel so groß sei, erklärt Hallgrímsson und sagt forsch: „Aber Frankreich - nehmen wir auch.”

Für Lagerbäck ist das Duell mit dem Gastgeber „sogar noch größer, auch wenn ich damit in der Mannschaft wahrscheinlich alleine dastehe.” Und so kommt dem Schweden mal wieder die Rolle als mahnende Instanz zu. „Wir sollten zusehen, dass sie merken, dass uns dieses Spiel noch wichtiger ist und wir uns in Paris noch weiter verbessern.” Und so bemängelte Lagerbäck am Mittwoch öffentlich, dass einige Spieler 20 Minuten zu spät zum Abendessen gekommen seien. Der Job sei mit dem Sieg über England nicht erledigt.

Nach der Europameisterschaft wird Hallgrímsson alleinverantwortlich übernehmen. „Heimir hat so sehr die Nase voll von mir, es gibt keinen Weg zurück”, scherzt Lagerbäck vor dem Viertelfinale gegen den Gastgeber und fügt ernsthaft zu seinem lange vor dem Turnier geplanten Rückzug hinzu: „Ich weiß noch nicht, ob ich ganz vom Fußball zurücktrete. Aber meine Zeit mit Island ist zu Ende, ich werde auch nicht jünger.”

(dpa)