Aachen: Das Sorgentelefon bleibt noch unberührt

Aachen: Das Sorgentelefon bleibt noch unberührt

Zum „Sorgentelefon” hat Marco Stiepermann noch nicht gegriffen. Dabei könnte die Verlockung doch groß sein. Zum Lernen ist der Leihspieler von Borussia Dortmund im Sommer zum Tivoli gekommen, doch dann hat der 21-Jährige gleich im ersten Semester ein atemberaubendes Pensum aufgebrummt bekommen.

Kein Treffer, Mannschaft Tabellenletzter der 2. Liga, der vertraute Trainer entlassen. Eine Überdosis. Aber Stiepermann hat nicht die Jürgen-Klopp-Nummer gewählt, die ihm der BVB-Coach „für schwere Zeiten” zugesteckt hat beim Abschied.

Die „schweren Zeiten” sind zwar schnell herangeflogen, doch Stiepermann sagt: „Ich will mich da alleine durchkämpfen.” Abnabeln. Schließlich sieht er sich „nicht mehr als Jungspieler”, für den eine Extra-Portion Rücksichtnahme angezeigt wäre. Stiepermann lernt gerade im Schnelldurchlauf die Härten des Geschäfts kennen und will sich da nicht beklagen.

Tore hat er überall zuverlässig geschossen und mehr noch vorbereitet. In der DFB-Bilanz stehen in 52 Länderspielen (von der U 16 bis zur U 20) solide zehn Treffer, und auch beim Training sind Tore seine zuverlässigen Begleiter.

Für Alemannia hat der Stürmer von Meister Borussia Dortmund bislang nicht einmal im unwichtigsten Testspiel getroffen. Seinen letzten Treffer hat er für Dortmund II Mitte April erzielt. Tore gegen Schalke (II) sind für Dortmunder zwar die Sahne auf dem Kuchen, doch ewig zehren kann auch Stiepermann nicht von diesem Erfolgserlebnis.

Am Wochenende hat er sich die nächste Großchance erarbeitet, sein kerniger Schuss zischte am Tor vorbei. Wieder vorbei. Die Reaktion des Fehlschützen? Keine. Fatalistisch nahm er die Fahrkarte entgegen. Er kämpft gegen den aufsteigenden Frust. „Es geht weiter, dann nutze ich eben die nächste Chance.”

Plötzlich unter Druck

So richtig erklären kann niemand im Klub das groteske Phänomen, dass nicht ein einzelner Spieler, sondern eine komplette Mannschaft das Tor nicht trifft. Alemannias Spieler wie Yabo, Radjabali-Fardi, Erb oder auch Stiepermann sind unverhofft in eine komplizierte Situation gerauscht. Eben noch gehätschelt in ihren zweiten Mannschaften, jetzt plötzlich unter Druck: „Das ist schon ein anderes Kaliber”, sagt Stiepermann. Aber deswegen greift er nicht zu Klopps Nummer gegen den Kummer, viel „Mut” spricht die Freundin und die Familie zu.

Der Angreifer hat seinen „Entwicklungshelfer” verloren, Peter Hyballa ist nicht mehr da, auch weil die Mannschaft sich gegen ihn ausgesprochen hat. Der junge Coach hat schon mit Stiepermann zu Dortmunder Zeiten gearbeitet, hat ihn nach Aachen gelockt. Die Arbeitsweise, der Umgangston des Draufgängers waren Stiepermann vertraut.

„Ich hatte nie ein Problem mit seiner Art. Als Mensch muss man ihn akzeptieren wie er ist, aber das konnte nicht jeder”, sagt Stiepermann. Jetzt ist der Nachfolger da, „man spürt, dass das Selbstvertrauen bei einigen Spielern wächst. Für einige gibt es jetzt eine gewisse Freiheit.”

Für den talentierten Angreifer hat sich der Trainerwechsel erst einmal nicht ausgezahlt. Beim Trainingsspiel am Donnerstag war kein Platz für ihn, ebensowenig für Hartmann, Stehle und Engelbrecht. Am Freitag gegen den FSV Frankfurt ist der bisherige Stammspieler nicht einmal im Kader.

„Er ist von hundertprozentigem Einsatz und hundertprozentiger Konzentration etwas entfernt”, hat ihm sein neuer Trainer vorgehalten. „Er hat gute Voraussetzungen, aber es muss mehr kommen.” Für Stiepermann ist das der nächste Rückschlag. Zur Telefonnummer greift er deswegen dennoch nicht.

Bei Funkels Heimpremiere sitzt er nur auf der Tribüne. Neben ihm wird Anouar Hadouir Platz nehmen, dessen Knieverletzung einen Einsatz verhindert.

Uludag und Auer könnten in die Startformation für Stiepermann und Odonkor rutschen.

Alemannia hat Freitag die nächste Gelegenheit, den schlechten Ruf zu bekämpfen. Das Runde soll endlich in das Eckige.

Der Satz der Woche: „Wir wollen den gordischen Knoten zerschlagen”, sagt der Trainer, sagen die Spieler. Der berühmte Knoten lag 333 vor Christus im Jupitertempel der Stadt Gordium. Wer ihn zu lösen verstünde, sollte dem Orakel nach Herrscher in Asien werden. Alexander der Große löste das Problem eher rustikal mit dem Schwert. Freitagabend ist der Knoten ab 18 Uhr im Tivoli-Tempel zu besichtigen.