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Aachen: Das kleine Wunder vom Tivoli: „Dieser Verein bietet Phantasie”

Aachen : Das kleine Wunder vom Tivoli: „Dieser Verein bietet Phantasie”

Hätte jeder, der an diesem freudetrunkenen Abend das Wort „Wunder” in den sternklaren Abendhimmel gerufen hat, der Alemannia nur zehn Euro zur Verfügung gestellt, dann wäre Aachens Stadion-Umbau zum Greifen nahe.

Solche kleinen „Wunder” gibt es in der Sparte Fußball nicht allzu oft, dass todgeweihte Patienten strahlend aus dem Krankenbett springen.

Vermutlich ist es auch diesmal nur eine Art „Zwischen-Wunder”, der Briefkopf kann nach dem verdienten Heimsieg über die Borussen vorerst noch nicht geändert werden.

Die Pokalfinalisten jedenfalls sprangen quietschfidel über den Rasen. Willi Landgraf sauste nach Spielende über den Platz und wusste gar nicht mehr wohin. Direkt nach Berlin? Vor irgendeine Tribüne? Zur Familie?

Schließlich bremste im Mittelkreis der Kollege Erik Meijer seinen Sturmlauf. „Dat ist dat größte überhaupt”, sagt Alemannias bestgebautester Rasenpflug. „In meinem Alter noch Berlin.” Und natürlich sprach auch der Publikumsliebling von einem „Wunder”.

Kein Wunder. Männer wie Landgraf, Lanzaat, Pflipsen, Grlic, Klitzpera, Straub haben den alten festgefahrenen Karren am Tivoli innerhalb von zwei Jahren wieder flott gemacht.

„Dankbarkeit” ist durchaus ein Motiv bei den anstehenden Vertragsverhandlungen, „aber wir können jetzt keine Rentenverträge verteilen und uns verzetteln”, hält Manager Jörg Schmadtke den Sozialromantikern entgegen.

Für Landgraf, dessen Kontrakt ausläuft, gilt aber das Gütesiegel: „Wir wissen, dass der kleine Kerl nicht nur für die Fußball-Abteilung wichtig ist, sondern auch eine Identifikationsfigur für den Verein ist.”

Die Aufgabe der sportlichen Leitung ist seit dem 17. März, 22.22 Uhr, dennoch leichter, auch wenn der Verein immer noch keine großen Sprünge machen kann. „Der Pokal hat uns bei der Entschuldung geholfen.”

Mehr noch. Nicht länger muss der Klub ausschließlich seine Altlasten begleichen. Investiert wird verstärkt auch in Beine. Der Anreiz für Spieler, beim wahrscheinlichen UEFA-Cup-Teilnehmer anzuheuern, ist jedenfalls deutlich erhöht.

Neben den harten pekuniären locken auch die weichen Faktoren. „Dieser Verein bietet Phantasie”, sagt der Manager.

„Bisher haben wir Spieler nur durch die Hintertür gelockt. Jetzt haben wir gute Chancen, auch an die Mannschaft zu denken”, vermutete Trainer Jörg Berger.

Der „Wundermann” jedenfalls, seit Jahren immer beim Pokalfinale dabei, ist am 29. Mai mittendrin. Die bereits ergatterten Eintrittskarten werden verkauft, das Geld komme in den „Sparstrumpf”, feixt Berger.

Insgesamt fiel der Jubel an diesem Tag, den sich der Verein sicher einrahmen lässt, gedämpfter aus als nach dem Bayern-Coup eine Runde vorher.

„Das Spiel war komplizierter, weil wir mehr zu verlieren hatten”, fasste der souveräne Abwehrchef Alexander Klitzpera zusammen. „Auf uns lastete mehr Druck.” Immerhin ging es gegen eine Mannschaft, die nur ein paar Plätze (und eine Liga) vor den ambitionierten Berlin-Fahrern rangiert.

Auch die Spieler profitieren von den millionenschweren Einnahmen, die so unverhofft über den Klub ausgeschüttet wurden. Bereits vor der Saison wurde eine fünfstellige Summe für den Pokalsieg ausgehandelt.

Der Alltag holte die „Wunderknaben” am Donnerstag schnell wieder ein. Bereits am Morgen danach wurde die Arbeitskleidung wieder aus dem Spind geholt. „Nach den emotionalen Spielen gegen Nürnberg und Bayern haben wir unseren Rhythmus nicht gefunden”, erklärt Schmadtke.

Für die Spieler gilt so bis auf weiteres folgende Warnung: „Sollte sich jemand nach Europa oder UEFA-Cup erkundigen, bekommt er Ärger”, so Jörg Berger.

Gleich drei Hochzeiten müssen im Kreis der Alemannen wegen des Pokalendspiels am Pfingstsamstag verschoben werden.

Fall 1: Dennis Brinkmann hatte das Aufgebot für den 28. Mai bestellt, ein Tag vor dem Finale in Berlin. Der Allrounder muss nun zum zweiten Mal ausweichen. Bereits Ende des vergangenen Jahres hatte er vorsorglich den Termin abgesagt wegen des seinerzeit noch nicht festgelegten Geisterspiels.

Fall 2: Bereits zwei Mal hat Ivo Grlics Schwester Katja ihrem Bruder zuliebe ihre Hochzeit vertagt. Dritter und aktueller Termin ist nun der 29. Mai. Und der bleibt auch bestehen. „Meine Schwester heiratet in Zagreb nun ohne mich. Das ist zwar schade, aber das Pokalspiel geht halt vor”, sagt der Mittelfeldspieler.

Fall 3: Schon vor der Pokalpartie gegen Bayern München hatte sich Karlheinz Pflipsen den Pfingstsamstag für den Gang zum Standesamt frei gehalten. „Nach dem Sieg gegen die Bayern dachte ich schon, das kann eng werden”, lächelt der Kapitän und sagte die Feier nun ab - die Hochzeitsfeier wohlgemerkt.

Gladbach war gestern, wichtiger ist Unterhaching am Sonntag. Und richtige Wunder dauern ja bekanntlich noch etwas länger.

Die Bilder vom Tivoli und aus der Stadt