Mönchengladbach: „Das ist die Bilanz eines Absteigers”

Mönchengladbach: „Das ist die Bilanz eines Absteigers”

Die Illusion hielt sich bis zur 76. Minute: Borussia Mönchengladbach könnte auch einfach mal dreckig gewinnen. Doch ein Dutzend Minuten später war klar - dieses einmalige Erlebnis blieb den 45.472 Zuschauern im Borussia-Park verwehrt. Der eingewechselte Sami Allagui drehte das Spiel mit zwei Toren noch zu einem 3:2-Sieg für seine Mainzer.

Stoff genug für Heldengeschichten auf der Siegerseite. „Seher” Thomas Tuchel hatte schon die ganze Trainingswoche den „Spirit” in seiner Mannschaft gespürt. Was beweist, dass der junge Mann einmal der englischen Sprache mächtig, aber auch sehr phantasiebegabt ist. Die zwei Tore hatten wenig mit Mainz zu tun. Wenig mit seiner scheinbar torgewordenen Hoffnung, „wir haben unseren Stil total wiederbelebt. Deshalb fühle ich mich bestätigt, dass wir vorher nicht überlegt haben, was wir schlecht gemacht haben. Sondern was uns auszeichnet.”

In der Tat haben die Mainzer - immer noch - Stärken. Und die setzten den Mönchengladbachern in erschreckender Weise zu. Pressing, möglichst weit entfernt vom eigenen Strafraum stehen, hohe Laufbereitschaft, aktiver Fußball - all das, was die derzeitigen Erfolgsmannschaften der Liga wie besonders Borussia Dortmund, 1899 Hoffenheim aber auch eben Mainz auszeichnet. Und aber schon vor Jahren von Hans Meyer mit seiner Mannschaft demonstriert wurde - mit Borussia Mönchengladbach.

Wieder Aussetzer von Schachten

Diese Grundlage reichte der Tuchel-Elf, um Gladbach die fußballerisch schlechteste Halbzeit der Saison abzuzwingen. Obendrein noch gefährliche Torchancen zu kreieren, dazu reichte es aber (noch) nicht - abgesehen von einem erneuten Aussetzer von Sebastian Schachten, den aber Torwart Christofer Heimeroth gegen Andre Schürrle ausbügelte (45.).

Der Aushilfs-Linksverteidiger war auch bei den letalen Gegentreffern der Borussia beteiligt und in guter Gesellschaft: Sein Kapitän Filip Daems beteiligte sich an der vermeintlichen Wiederauferstehung der Mainzer, die eigentlich nur ein Deja-vu bekannter Mönchengladbacher Schwächen war. Zwei gefühlvolle Schläge des Weit- und Hartschießers Christian Fuchs fanden den schnellen Allagui, obwohl beide Verteidiger nebst Torhüter Heimeroth gefühlte zehn Minuten Zeit hatten, sich Richtung Ball oder zumindest Gegenspieler (Allagui) zu orientieren.

Borussia führte zwei Mal nach einem Direktschuss von Marco Reus (53.) und einem wunderschönen Konter, den Raul Bobadilla künstlerisch per Hacke vorbereitete und Reus erneut abschloss (69.). Nur unterbrochen vom Ausgleich durch Schürrle (64.). Aber dann dennoch 2:3 statt 2:1 innerhalb von 12 Minuten: „Mir fehlen die Worte”, knurrte Tobias Levels, Borussias Profi mit dem höchsten Fan-Faktor. Womöglich deshalb auch nimmt der gebürtige Mönchengladbacher auch am wenigsten ein Blatt vorm Mund, womöglich auch deshalb leidet der Rechtsverteidiger auch am meisten. „Innerlich koche ich. Das ist die Bilanz eines Absteigers.”

Damit meint Levels nicht nur die mickrigen zehn Punkte und 36 Gegentore nach 13 Spieltagen. Fast noch fataler: die Heimschwäche. Es gab in der laufenden Bundesliga-Spielzeit noch keinen Sieg. Das liegt neben weitgehend unbeeinflussbaren Dingen wie Verletzungs- und anderem Pech einmal an Aussetzern wie den beiden gegen Mainz. Trainer Michael Frontzeck schiebt weiterhin sein breites Kreuz vor alle - zahlreichen - Aspiranten. Denn beide Male verlor seine Mannschaft den Ball in der Vorwärtsbewegung, beide Male in Person von Michael Bradley. „Keiner macht das mit Absicht”, lautet die öffentliche Absolution des Fußballlehrers.

Heim- als Auswärtsspiel

Doch zu den so dankbar trainerentlastenden Dingen, die im Fußballjargon „individuelle Fehler” genannt werden, kommen womöglich kollektive hinzu. Mit einem Teilerfolg gegen die Bayern und einem grandiosen 4:0 im Derby beim 1. FC Köln ging die Frontzeck-Elf ins so wichtige Folge-Spiel - einem Heimspiel! „Wir spielen zuhause genauso wie auswärts”, lieferte Christofer Heimeroth ungewollt einen mögliche Erklärung. „Auch in der ersten Halbzeit haben wir abwartend gespielt, Chancen bekommen und sicher gestanden.” Aktiv-Fußball, Heim-Stärke sieht anders aus. Doch auch Frontzecks offensive Konter-Taktik kann funktionieren - wenn die Abwehr stabil ist. Wie letzte Saison.

Das ist sie durch den Ausfall von Dante und Roel Brouwers nicht, und wird sie bis Weihnachten auch nicht mehr werden. Gladbach steht tief, nicht nur in der Tabelle. Und die derzeit schier unvermeidbaren Fehler passieren dadurch zwangsläufig nahe am eigenen Tor - mit in der Tordifferenz erkennbaren Konsequenz. Ist Vorwärtsverteidigung eine Alternative? Wohl kaum. Mitten in der Saison das Taktik-Pferd zu wechseln, dürfte eine Höllenritt werden. Und so scheint fast unabwendbar, was Edel-Kämpfer Levels angeblich nicht schreckt: „Selbst wenn wir bis Weihnachten keine Punkte mehr holen, können wir es noch schaffen.”

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