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Mönchengladbach / Aachen: Borussias Sechser mit Zehner-Geschmack

Mönchengladbach / Aachen : Borussias Sechser mit Zehner-Geschmack

Trainer sollten viele Talente haben: sportliche, pädagogische, psychologische. Künstlerische sind auch nicht verkehrt.

Nun muss Lucien Favre in seinem Mönchengladbacher Hotelzimmer nicht unbedingt Stunden vor der Staffelei verbringen und in Öl baden. Doch zeichnerische Fähigkeiten besitzt der Schweizer. Ein Expressionist in taktischen Dingen: Blitzschnell skizziert der 53-Jährige die Aufstellung und die Positionsvarianten des FC Barcelona.

Klar, dass mit zunehmenden Varianten das papierne Kunstwerk immer unüberschaubarer wird. Speziell in der Zentrale knubbeln sich die Namen und Pfeile. Kein Zufall: Hier pulsiert das Herz der besten Fußballmannschaft der Welt. „Und das werden sie nie aufgeben.”

Gemeint ist die Maxime, im Mittelfeld immer für Überzahl zu sorgen. Nun weiß Fravre nicht erst seit den wenige Wochen langen Erfahrungen am „Nieder”-Rhein, dass Borussia weit von der personellen und taktischen Qualität „Barcas” entfernt ist. Aber taktische Variabilität erwartet der Fußballlehrer auch von seinen Mönchengladbacher Schülern. Sowohl gegen Hoffenheim als auch in Bremen legte der Tabellenletzte während der ersten Halbzeit den System-Schalter vom 4-2-3-1 auf ein 4-4-2 mit Raute um.

Interessant auch die an den FC Barcelona angelehnte Frage: Wo und wer ist das Herz der Borussia? Am letzten Samstag waren die Gladbacher lange Zeit recht herzlos im Weserstadion. Erst mit der Einwechslung von Havard Nordtveit für Thorben Marx ließen die mehr als einstündigen Rhythmus-Störungen nach - ein Punkt war der Lohn für die späte Reanimation. Der junge Norweger dürfte nicht nur deshalb heute gegen den 1. FC Kaiserslautern gesetzt sein. Auch deshalb, weil Favre gegen Werder zu Recht ein Übermaß an Ballverlusten beklagte. Der erst 20 Jahre alte Mittelfeldspieler ist Gladbachs Fehlpass-Schotte, keiner ist so geizig mit Fehlpässen. Die Arsenal-Schule lässt grüßen.

Das Herz aber kann - erst recht bei einer Mannschaft wie Borussia - nicht nur ein Mann/Jüngling bilden. Der offensivere, impulsivere Teil wird von Roman Neustädter gebildet. Auch erst 22 Jahre und mit 18 Bundesliga-Einsätzen nicht unbedingt ein Routinier wie die Konkurrenten Michael Fink (135) oder Thorben Marx (207).

Favre aber hält viel vom fußballerischen Potenzial des ehemaligen Mainzers. Neustädter ist der einzige Sechser mit Zehner-Geschmack. Ein Mittelfeldspieler, der auch Torgefahr und die Fähigkeit zum finalen Pass vereint. Doch der hochgewachsene Neustädter spaltete die Gemüter. Im körperlichen Auftreten wie ein jüngerer Bruder von Michael Ballack wirkt er mitunter arg nonchalant bis lässig. Selbst seine Defensiv-Zweikämpfe wirken eher technisch ausgerichtet und mit seiner Art zu versuchen, den Ball schon mal recht flapsig an den Mann zu bringen, kann er den seiner Mannschaft zugeneigten Beobachter schon mal an den Rand der Verzweiflung bringen. Seine neon-orangenen Schuhe runden das extrovertierte Gesamtbild ab. Neustädter fällt auch bei Fehlpässen auf.

Doch Favre weiß, dass er gerade angesichts des Siegzwangs, den sich die Mannschaft durch die desaströse Hinrunde eingebrockt hat, auf dessen fußballerische Qualitäten angewiesen ist. Und womöglich glänzen die Neon-Treter des Technikers heute Abend gegen die „Roten Teufel” besonders hell - im Flutlicht.

Die voraussichtliche Aufstellung: Bailly - Jantschke, Stranzl, Dante, Daems - Marx, Nordtveit - Reus, Neustädter, Arango - Idrissou