Aachen: Alemannia: Uwe Scherr stellt seine konkreten Vorstellungen am Tivoli vor

Aachen: Alemannia: Uwe Scherr stellt seine konkreten Vorstellungen am Tivoli vor

Als seine Präsentation dann vorbei war, ging am Montag die Arbeit bei Alemannia Aachen los. Die erste Sitzung mit Scouts und Trainer. „Ich glühe vor Vorfreude”, sagt Uwe Scherr.

Der 45-Jährige ist der Sieger des Castings, „mit großem Vorsprung”, sagt Klub-Boss Meino Heyen. Scherr hat einen Vertrag am Tivoli für zwei Jahre unterschrieben. Als Sportdirektor, Chefscout und Leiter des Nachwuchsleistungszentrums.

Wie kam der Kontakt zustande?

Scherr: Am Tag vor dem Spiel bei 1860 München hat mich Geschäftsführer Frithjof Kraemer angerufen. In der Bundesliga läuft viel über Mundpropaganda. Da sind auch die Leute, die Nachwuchsleistungszentren geleitet haben, bekannt. Letzte Woche haben wir dann ein Gespräch geführt, und ich habe wohl mit meinem Konzept und meinen Gedanken den Nerv getroffen.

Wie groß ist der Respekt vor einem solchen Verein, vor einer neuen Liga, vor einer neuen Verantwortung?

Scherr: Das ist in der Tat alles Neuland. Es ist eine große Herausforderung und riesige Chance. Ich traue mir das schon zu, weil ich eine gute Ausbildung hinter mir habe. Ich habe mich ständig weitergebildet und immer mehr als nötig gemacht. Organisation, strukturelles Arbeiten, Leute mitzunehmen, das sind Sachen, die ich mir angeeignet habe. Das ist ein gutes Fundament, auch wenn ich Respekt vor der Aufgabe habe.

Haben Sie einen Überblick, wie groß die Baustelle ist, die Sie gerade betreten?

Scherr: Ja, ich habe mich informiert. Der Verein steht erst einmal vor einem Trümmerhaufen. Hier liegen viele Steine im Weg herum, aber man kann auch mit solchen Steinen schöne Dinge bauen. Natürlich gibt es Zunder, wenn wir die ersten sechs Spiele verlieren. Aber in einem solchen Verein steckt eine unglaubliche Kraft.

Sie sagen, Sie wissen, wie Traditionsvereine ticken. Was erleichtert, was erschwert die Arbeit?

Scherr: Tradition kann man sich nicht kaufen, die erwirbt man. Der Verein, die Stadt und das ganze Umfeld besitzen ein riesiges Potential, das momentan brach liegt und wieder aktiviert werden muss.

Was macht die Sache kniffliger?

Scherr: Es gibt zu viele alte Seilschaften, zu viele Leute, die mitreden und sich zu wichtig nehmen. Das wichtigste ist, dass mit- und nicht übereinander gesprochen wird auf der Geschäftsstelle und in den Gremien. Da werde ich energisch darauf achten, das Ego jeden Mitarbeiters darf nicht zu groß werden. Das gilt für alle, das ist die klare Maxime. Das werde ich vorleben. Ich brenne für diese Aufgabe lichterloh, und ich kann Leute anstecken. Die Begeisterung muss wieder zurückkehren.

Sie haben Erkenntnisse, dass Loyalität nicht gerade Alemannias Markenzeichen ist?

Scherr: Ja, und das hat mit dazu beigetragen, dass Alemannia abgestiegen ist. Es ist zu wenig auf verschiedenen Ebenen kommuniziert worden. Das schleift sich ein und wirkt leistungshemmend. Ich durchschaue solche Dinge, weil ich eine sehr gute Menschenkenntnis habe. Das führt ja auch dazu, dass ich diese Aufgabe übernehmen darf.

Von Ihnen stammt das Zitat: „Es führen Leute Vereine in der 1. und 2. Liga mit zu wenig Fachkompetenz im sportlichen Bereich. Das mögen sehr gute Geschäftsleute sein, sie haben aber wenig Ahnung vom Fußball.”

Scherr: Auf den Punkt! Alemannia ist kein Event-, sondern ein Sportverein. Wenn die Erste Mannschaft funktioniert, strahlt das auf alle Abteilungen und Mannschaften aus. Darum muss es gehen.

Wie problematisch ist es, dass die Kabine momentan völlig leer ist?

Scherr: Das ist kein Problem, das kriegen wir hin. Es laufen Gespräche, und ich habe ein sehr gutes Netzwerk, das ich mitbringe. Wir kommen schnell zu Abschlüssen. Das Wichtigste ist: Ich will spüren, dass jemand für Alemannia brennt. Wer erklärt, dass er zu gerne für Aachen weiterspielen möchte, aber dann doch zwei bessere Angebote vorliegen hat, soll eben gehen. Nach der letzten Saison sind Einschränkungen notwendig. Demut ist das Gebot der Stunde bei Alemannia. Wir brauchen hier Spieler, die sich identifizieren mit der Aufgabe. Und die bekommen wir auch.

Gibt es ein Saisonziel?

Scherr: Ich schieße mir jetzt nicht ins Bein und erzähle etwas vom Aufstieg, wenn wir nicht mal einen einzigen Spieler verpflichtet haben. Aber ganz sicher gehört ein großer Klub wie Alemannia Aachen so schnell wie möglich in die 2. Liga.

Ist die Höhe Ihres Etats geklärt?

Scherr: Die Summe stand bereits in der Zeitung (2,7 Mio; d. Red.), aber vielleicht kann ich für die eine oder andere Idee noch einen Sponsor gewinnen.

Ist Ihr Gehalt auch ausgehandelt?

Scherr: Ja, es ist weniger, als ich auf Schalke als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums bekommen habe. Darum geht es nicht, ich will hier den nächsten Schritt schaffen.

Was lernt man, wenn man mit zehn Schwestern und drei Brüdern aufwächst?

Scherr: Durchsetzungsvermögen und aufeinander aufzupassen. Es geht nur im Team. Übertragen auf meinen neuen Klub: Jeder Einzelne ist wichtig und kann den neuen Weg mitgehen.

Wo kommt Ihr Selbstvertrauen her?

Scherr: Im Kern bin ich ein bescheidenes Kerlchen. Mir geht es nicht um mein persönliches Ego. Wenn ich in der zweiten Reihe bleiben kann, habe ich einen guten Job gemacht.

Uwe Scherr: Seine Karriere endete im November 1998 mit Knieproblemen

Geboren am 16. November 1966 in Amberg. Begann seine Karriere bei der SG Siemens, wechselte dann über den FC Amberg und FC Augsburg 1989 in die Bundesliga zum 1. FC Kaiserslautern. Wurde DFB-Pokal-Sieger 1990 und Meister 1991, gehörte zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft.

Nach drei Jahren am Betzenberg verpflichtete ihn Schalke 04. In der Saison 1996/97 ging Scherr zum 1. FC Köln, wo er sich auch wegen Verletzungen nicht durchsetzen konnte. Im November 1998 hängte der Mittelfeldspieler wegen Knieprobleme die Schuhe beim Regionalligisten Wuppertaler SV an den Nagel.

Der 183-malige Bundesliga-Profi (zehn Tore) und Fußballlehrer kehrte zu Schalke zurück, war von Juli 2000 bis Februar 2008 Chefscout, von Juli 2002 bis Juni 2007 Co-Trainer von Norbert Elgert in der U 19 und nach dem Weggang von Helmut Schulte Leiter des Nachwuchsleistungszen-trums (März 2008 bis Februar 2012).

Mehr von Aachener Nachrichten