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Berlin: Alemannia ist stellvertretender Pokalsieger

Berlin : Alemannia ist stellvertretender Pokalsieger

Nach Spielende spielten sich verrückte Szenen ab. „Wir sind stolz auf unser Team”, skandierte Aachens größter Chor. Stolz auf ein Team, das gerade das deutsche Pokalfinale 2:3 gegen Werder Bremen verloren hat und dennoch mindestens ein kleiner Sieger war.

Der Bremer Anhang stimmte Aachener Liedgut an. Party trotz Niederlage.

„Kompliment an alle”, sagt Aachens Trainer Jörg Berger, dem das Happyend und sein erster persönlicher Titel versagt blieb. „Großer Dank an das Team, an Frank Engel, an Jörg Schmadtke!”

Hoppla, verabschiedete sich gerade hier jemand von seinem Umfeld? Der 59-Jährige drosch alle Fragen weg wie ein Verteidiger alter Schule. „Zu den Spekulationen sage ich nichts, jetzt freue ich mich auf den Urlaub.” Fortsetzung folgt.

Berger überraschte mit der Aufstellung. Im letzten Spiel der Saison wurde erstmals das Sturmduo Meijer/Salou ausprobiert. Und Frank Paulus gab erstmals einen bissigen und dennoch fairen Kettenhund für Bremens Spielmacher Johan Micoud, der sich schnell in den vorzeitigen Urlaub verabschiedete.

Die Bremer legten los, als müssten sie das Spiel und damit die Saison im Schnelldurchlauf erledigen. Nach 48 Sekunden vertrödelte Kalle Pflipsen den Ball, und Ailton setzte seine flinken Füße erstmals in Bewegung. Klitzpera riss den Torschützenkönig an der Strafraumgrenze um. Schiedsrichter Fandel richtete milde, zückte nur die Gelbe Karte und verhängte einen (ergebnislosen) Freistoß.

15 Minuten strampelte sich der Meister gegen den nervösen Underdog ab. Doch jede ergebnislose Minute steigerte dessen Selbstvertrauen. Der kleine Außenseiter wurde frech, kam ins Spiel - und plötzlich sahen die Menschen ein offenes Pokalspiel.

Zunächst drosch Grlic in seinem Abschiedskick den Ball aus acht Metern übers Tor (15.), dann lenkte Krstajic eine Grlic-Flanke nur knapp am eigenen Tor vorbei. Für schöne Minuten lag da etwas in der Berliner Luft.

Kann gute Laune eine Farbe haben? Wenn ja, dann ist sie schwarz-gelb. Die zahlenmäßig etwas unterlegenen Aachen-Anhänger entfachten eine geile Partystimmung. Der eben noch so souveräne Meister geriet leicht ins Wanken.

Bis zur 31. Minute, als sich die Aachener Defensive bei einem Einwurf düpieren ließ. Ernst passte nach innen, und Borowski vollendete zum 1:0.

Die Aachener, die in den letzten Wochen eher müde von Endspiel zu Endspiel geschlichen waren, knickten nicht ein, setzten nach. Der kleinste Kader aller Profiteams bäumte sich ein letztes Mal auf.

Stefan Blank jagte einen Freistoß aus 35 Metern vor die Fäuste von Bremens Keeper Andreas Reinke. So ging die Hoffnung nicht unter, weil Aachen den Meister minutenlang in seiner Hälfte fesselte.

Und wo war eigentlich Ailton? Vor der Partie erhielt der Emotionsknubbel noch die Kanone für 28 Tore in der Meisterschaft, in seiner letzten Partie für Werder war er mehr ein Blindgänger. Der Mann mit den goldenen Schuhen schwirrte, leicht angeschlagen, ziellos über die Wiese.

Eine Qualität der unterkühlten Nordlichter ist ihre unglaubliche Effizienz, und so fiel der nächste Treffer aus dem Nichts. Konkreter nach einem schlechten Abwurf von Straub, konterte Bremen eiskalt zum 2:0. Ivan Klasnic, bis dahin unsichtbar, vollendete mit dem Halbzeitpfiff. Und das müsste einem überragenden Deutschen Meister gegen einen angeschlagenen Zweitligisten reichen. Eigentlich.

Mit Phantasie

Der Underdog blieb in der Spur, weil der Ex-Bremer Stefan Blank einen Grlic-Freistoß einköpfte (51.). „Da kam noch einmal Phantasie auf”, analysierte Jörg Schmadtke. „Wir haben gefühlt, dass noch etwas geht”, hinterließ Kapitän Kalle Pflipsen.

Bis zur 75. Minute wogte der Kampf, dann entschied sich Schiedsrichter Fandel - nach der nicht geahndeten Notbremse in der ersten Minute ein verlässlicher Alliierter des Favoriten -, die Aachener entscheidend zu schwächen. George Mbwando bekam nach starker Leistung in seinem letzten Spiel die Rote Karte.

Mit einer letzten Verbeugung verabschiedete sich der umfunktionierte Abwehrspieler von seinen Fans. „Ich habe Tim Borowski nicht getroffen”, ärgerte sich der Simbabwer. Selbst Bundesinnenminister Otto Schily, ein Mann für Recht und Ordnung, hielt „den Platzverweis für überzogen”.

Und dann wurde auch noch das Staatsoberhaupt zur vorentscheidenden Szene befragt. „Über diese Rote Karte wird noch zu reden sein”, befand Johannes Rau. Aachens Trainer wollte die Niederlage nicht am Disziplinarverwalter festmachen. „Da waren einige strittige Szenen, aber das will ich nicht als Erklärung anführen.”

„Richtig gefordert”

In Unterzahl ging den Aachenern die Luft aus, Borowski nutzte eine der vielen Chancen zum 3:1 (84.). „Es war ein schweres Spiel, wir mussten immer dran bleiben”, sagte Bremens Trainer Thomas Schaaf nach dem Double. „Wir sind richtig gefordert worden.”

Mit der allerletzten Aktion einer atemberaubenden Saison verkürzte Erik Meijer noch einmal zum 3:2, dann war auch dieses Endspiel verloren. Sie feierten trotzdem am Ende einer überraschend positiven Saison.

„Wir haben nicht das Maximale erreicht, aber es war trotzdem eine tolle Zeit”, bilanzierte Kalle Pflipsen. Der Kapitän geht davon aus, dass „das mein letztes Spiel für Aachen war. Etwas anderes habe ich nicht gehört.”

Verwundert ist der 33-Jährige, dass nun so „viele Spieler und Leistungsträger von Bord gehen. Ich hoffe, dass der Verein die richtigen Schritte für eine gute neue Saison einleitet.”

Die könne man nach so einer Saison ruhig selbstbewusst einleiten, forderte Jörg Schmadtke. „Um Aachen braucht man keine Angst haben.”

Bilder-Galerien vom Finale