Aachen: Alemannia: Die wenigsten Schüsse, die wenigsten Tore

Aachen: Alemannia: Die wenigsten Schüsse, die wenigsten Tore

Die Älteren unter uns können sich noch an Alemannias letzten Treffer erinnern. Er fiel am Freitag, 10. Februar, in Cottbus. Die Stadionuhr wies 19.06 Uhr aus, als Tobias Feisthammel einen Freistoß per Kopf ins gegnerische Tor lenkte.

Seitdem sind vier lange, harte Spieltage vergangen, ohne dass sich Alemannias kleines Torekonto erhöht hätte. Die Wahrheit ist noch brutaler: Die Mannschaft hatte in den folgenden Spielen gegen Rostock und Düsseldorf ein paar einzelne Möglichkeiten, gegen Paderborn und Fürth gab es nur noch zarte Andeutungen, ein direkter Torschuss war da nicht mehr darunter. Die gegnerischen Torhüter hätten sich 90 Minuten auf Campingstühlchen gönnen können. Als Trost taugt auch der Hinweis nicht, dass es sich bei den letzten Gegnern um Spitzenteams der Zunft gehandelt habe. Die Tabelle weist Alemannia unsentimental als aktuellen Anwärter für ein Relegationsspiel aus.

Die Firma Impire sammelt seit 20 Jahren alle relevanten Daten der Fußball-Profiligen ein, bündelt und analysiert sie. Die Ergebnisse für Alemannia hat der Computer vermutlich nur unter Tränen herausgerückt. Die Überschrift der Datenforscher lautet: die wenigsten Torschüsse, die wenigsten Tore (20). So selten traf Aachen an den ersten 25 Spieltagen nie zuvor. 13 Mal blieb das Team torlos, das ist ein unangenehmer Liga-Höchstwert.

Nach diesem Feisthammel-Treffer tauchte kein Aachener mehr in der Torschützenliste auf. Solche Phasen der Tor-Dürre habe er schon 30 Mal erlebt, meint Aachens Trainer. Ein Gegengift hat auch er bislang nicht gefunden. „Man muss den Spielern Vertrauen geben”, sagt Friedhelm Funkel. In den wenigen Trainingseinheiten standen vermehrt Spielformen mit dem gepflegten Torschuss auf dem Programm. Es bleibt die Hoffnung, dass „der Knoten platzt”, sagt Funkel, der die Profis anhält, energischer und überzeugter die Chancen zu suchen. Am Freitag gegen Union Berlin will er sein Team wieder offensiver aufstellen, will den Gegner weiter vorne attackieren, um die Wege zum gegnerischen Tor zu verringern.

Natürlich versucht der erfahrene Trainer den Eindruck zu vermeiden, dass es sich bei der fast chronischen Torflaute um ein strukturelles Problem handele, das sich quer durch alle Mannschaftsteile zieht. Nicht umsonst sei man im unteren Tabellendrittel gestrandet, räumt aber auch Funkel ein. Ein flüchtiger Platz zwölf war die beste Platzierung des Teams bislang. Der katastrophale Saisonstart steckt immer noch ein wenig in den Knochen, sagt der Coach. Es fehlten Überzeugung und wohl auch offensive Qualität, auch wenn das am Tivoli ungern thematisiert wird, weil es ein Eingeständnis von keiner guten Arbeit ist. Im Kern fehlt dem Team das Tempo, so leidet auch das Umkehrspiel enorm.

Von allen Zweitligisten hat Alemannia die wenigsten Torschüsse abgegeben, ermittelt Impire. Nur Rostock und Aue haben eine schwächere Trefferquote, Alemannia benötigt bislang im Schnitt fast 15 der seltenen Torschüsse, um ein Tor zu erzielen. In der Rückrunde ist der Trend noch unerfreulicher. Ganze 53 Torschüsse in acht Spielen sind mit großem Abstand die wenigsten aller Teams. Der Ligadurchschnitt in dieser Phase lag bei 105 Torschüssen.

Elf Treffer aus dem Spiel heraus

Die großen 1a-Chancen der Rückrunde ließen sich auf einem Aseag-Ticket notieren, es waren nur vier (davon zwei verwertet). Alemannia hat neben Aue (19) und Ingolstadt (23) die wenigsten Großchancen (25) in dieser verkorksten Spielzeit. Nur elf Treffer gelangen aus dem Spiel heraus (Ligaschnitt: 25).

Und weil in den letzten sieben Partien nur ein mickriges Törchen aus dem Spiel heraus klappte, bleibt die fast schon religiöse Hoffnung auf Standardsituationen. 45 Prozent der 20 Saisontreffer wurden so erzielt, nur bei Rostock ist der Anteil höher. Solche Erfolge sind dann auch ein Verdienst des dreifachen Torschützen Tobias Feisthammel.

Der kopfballstarke Verteidiger fehlt aber nicht nur am Freitag gegen Union Berlin, der 24-Jährige fällt mindestens in den nächsten vier Wochen aus. Bei einem Trainingsunfall zog er sich einen Bänderriss und eine Kapselverletzung im Sprunggelenk zu.

Das ist die nächste schlechte Nachricht am Tivoli in einer Saison, die reich an Rückschlägen ist. Die Impire-Ergebnisse weisen Alemannia als einen hochgefährdeten Verein aus. Dagegen sprechen keine Fakten, sondern die Erfahrungen des Trainers. „Wir werden die Klasse halten.” Das setzt allerdings Fortschritte in Alemannias schlechtester Disziplin voraus - dem Toreschießen.

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