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Mönchengladbach: Abschieds-Orgie auf dem Bökelberg

Mönchengladbach : Abschieds-Orgie auf dem Bökelberg

Der Bökelberg hat Stürme, Kälte und Hitze überstanden. Am Samstag wurde die alt-ehrwürdige Betonburg einer letzten Herausforderung ausgesetzt: Doch auch die tausendfachen Abschiedstränen konnten den Beton nicht erweichen.

Mit „Time to say goodbye” wurden die 34500 Zuschauer vor dem Anpfiff eingestimmt, was folgte war eine Abschieds-Orgie.

Abschied vom Stadion, Abschied von zahlreichen Spielern und 105 Minuten später der Abschied von 1860 München und seinem Trainer Gerald Vanenburg, der seinen Abschied am Tag danach verkündete: Das 3:1 der Mönchengladbacher Borussia besiegelte den Abstieg der „Löwen” ins Schreckensreich Zweite Liga.

Doch auch Sentimentalitäten stoßen an Grenzen. Die wurden von Trainer Holger Fach vor allem sportlich gesetzt. „Ich wollte das Spiel unbedingt gewinnen. Bevor wir es abschenken, wollten wir lieber Elfter werden. So egoistisch sollte man ruhig sein.”

Und so musste ein Mann recht lange warten, bis er noch zu seinem verspäteten Abschiedsspiel kam: In der 81. Minute betrat Torwart-Trainer und Borussen-Urgestein Uwe Kamps zum letzten Mal die Fußball-Bühne: Der 39-Jährige wurde für den scheidenden Jörg Stiel eingewechselt.

„Das war das Genialste: Wenn du dein letztes Spiel beim letzten Spiel auf dem Bökelberg machen darfst, nachdem du 22 Jahre für den Verein gekickt hast”, freute sich Sportdirektor Christian Hochstätter über die „Ehrung” seines ehemaligen Team-Kollegen.

Der musste allerdings lange auf seinen 390. Einsatz warten: „Ich wollte sicher sein, dass in Kaiserslautern und Hamburg alles klar war. Denn den Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung wollte ich nicht riskieren”, erklärte Fach. „Ich war schon sehr nervös”, gab Methusalem Kamps zu. Erst im letzten Moment konnte der Torhüter davor bewahrt werden, mit Uhr aufzulaufen.

Für die Münchner Gäste war es nicht leicht, die Rest-Chance auf den Klassenerhalt mit sportlichem Leben zu erfüllen. Zur Abhängigkeit von den Niederlagen der Konkurrenz kam ihr eigenes Spiel mit teils bizarrer Atmosphäre hinzu. Kioyo-Jubelgesänge, die feierwütige Nordkurve, die mit Borussias Ersatzspieler das Warmmachen durch die Welle zelebrierte, die seltsam konzentrierte Lockerheit der Mönchengladbacher. Dazu kamen die eigenen sportlichen Unzulänglichkeiten, speziell in der Abwehr.

Die nutzte Arie van Lent, um sich mit einem letzten Ausrufezeichen zu verabschieden. Einen Freistoß von Ivo Ulich wuchtete er mit dem Kopf zum 3:1-Endstand ein. „Das ist, was man sich erträumt: Im letzten Spiel noch einmal seine Torgefährlichkeit zu beweisen”, sagte der 33-Jährige, der sich mit seinem neunten Saisontreffer würdig Richtung Eintracht Frankfurt verabschiedete.

Die Ehrenrunde auf den Schultern von Uwe Kamps und Max Eberl war für den Charakter-Spieler ebenso wie die Arie-van-Lent-Gesänge der Fans die Bestätigung, „dass ich fünf Jahre lang eine ordentliche Leistung abgeliefert habe”.

Dem kollektiven Trubel von Anhängern und Spielern entzog sich erfolgreich Jörg Stiel. Der Torhüter feierte seinen Abschied zurückgezogen mit einer Flasche Bier in der Kabine von und mit Platzwart Achim Stude. „Ich mag das nicht so auf dem Platz”, erwies sich der Schweizer auch bei seinem letzten Auftritt als spezieller Typ.

Der Weggang war für ihn eine Entwicklung, „die eigentlich schon begonnen hat, als Hans Meyer aufgehört hat. Das war schon ein kleiner Bruch.”

In der Rückrunde wurde seine Entscheidung endgültig. „Jeder Mensch braucht Vertrauen. Auch ein 36-jähriger Torhüter. Qualität ist es dann, selbst zu entscheiden.” Mit dieser Entscheidung ist dann auch etwas von ihm abgefallen. Ablesbar an seinen letzten Leistungen in Dortmund und Samstag gegen 1860 München. Der Beweis ist erbracht: „Auf hohem Niveau Torhüter zu sein.”

Davon, und vom „einmaligen” Typ Jörg Stiel könnten die Grashoppers Zürich profitieren. „Es geht mir nicht mehr ums Geld. Das ist ein guter Verein. Wir werden uns in den nächsten Tagen zusammensetzen.”

Sladan Asanin wurde schon mal „prophylaktisch” verabschiedet, auch wenn der Kroate das Einjahres-Angebot der Borussia noch annehmen kann.

Doch es gab auch „Zugänge”. Einen der speziellen Art: Steffen Korell feierte nach über 13-monatiger Verletzungspause sein Comeback als Innenverteidiger.

Und einen „normalen”: Leverkusens ablösefreier Stürmer Oliver Neuville unterschrieb einen Zweijahresvertrag plus ein Jahr Option.