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Hannover: 351 Minuten ohne Gegentor: Lehmann in EM-Form

Hannover : 351 Minuten ohne Gegentor: Lehmann in EM-Form

Das 50. Länderspiel war keine Bewerbung für die 2. Liga, vielmehr empfahl sich Jens Lehmann erneut eindrucksvoll als EM-Torwart - und das auch ohne Spielpraxis. Bundestrainer Joachim Löw war beim 4:0 gegen Zypern erneut begeistert von seiner Nummer 1, die beim FC Arsenal nur zweite Wahl ist.

„Heute hat Jens schon gezeigt, dass er eine außergewöhnliche Klasse hat. Er ist im Eins gegen Eins hervorragend, er ist reaktionsschnell und er ist bei hohen Bällen im Strafraum sicher”, lobte der Bundestrainer und fügte richtungweisend für das Europameisterschafts-Jahr 2008 hinzu: „Jens kann das schon abrufen, auch wenn er mal eine Weile keine Spiele hat.”

Als Bankhocker im Verein lieferte Lehmann eine Woche nach seinem 38. Geburtstag schon zum dritten Mal nach den Partien in Wales (2:0) und Irland (0:0) Top-Leistung im Nationalteam ab, seit 351 Minuten ist er in Länderspielen ohne Gegentor. Eine Überraschung? Nicht für Lehmann: „Ich trainiere ja auch auf einem hohen Niveau. Dann ist es manchmal nicht so schwierig”, meinte er und fügte mit Blick auf die Zyprer lachend hinzu: „Wenn die nicht so genau schießen, kann man die Bälle halten.”

Vier Glanzparaden gegen Aloneftis (45./71.) Okkas (58.) und Makridis (86.) ermöglichten ihm seine bisweilen unkonzentrierten Vorderleute in Hannover, deutlich mehr Arbeit als zu erwarten war. „Es kam so - und es war okay”, meinte der Jubilar im ZDF-Interview.

Gar nicht einverstanden war Lehmann dagegen damit, dass ihm ein harmloses Kratzen am Kopf als Publikumsbeschimpfung ausgelegt wurde. Als in der Hannoveraner Arena nach einem missglückten Ausflug des Schlussmannes aus dem Strafraum Fan-Rufe nach dem auf der Bank sitzenden Lokalmatador Robert Enke aufkamen, fuhr sich Lehmann mit dem Mittelfinger über die Schläfe.

DFB-Präsident Theo Zwanziger nahm Lehmann nach Veröffentlichung des Fotos in der „Bild am Sonntag” energisch gegen den Verdacht in Schutz, der Nationaltorhüter habe deutschen Fans den Mittelfinger gezeigt. „Ich weiß, dass er Respekt vor den Fans hat. Er weiß, dass es keinen Grund gibt, Gesten zu machen, die Fans verletzen können. Das würde er nie wollen, da muss ich eine echte Lanze für Jens Lehmann brechen”, erklärte Zwanziger

Auch Lehmann verteidigte sich nach dem Spiel empört und mit Nachdruck gegen Interpretationen, seine Handbewegung als abfällige Geste auszulegen: „Ich habe den Finger gezeigt? Ich habe in meinem Leben so etwas noch nicht gemacht”, beteuerte Lehmann, der während des Konkurrenzkampfes mit Oliver Kahn vor der WM 2006 Pfiffe und Beschimpfungen bei einem Spiel in Kahns Münchner Stadion sowie bei einem Länderspiel gegen Kamerun (3:0) in Leipzig hingenommen hatte.

Für größere Diskussionen dürfte auch weiterhin Lehmanns Reservisten-Status beim FC Arsenal sorgen. „Gerade heute habe ich wieder festgestellt, wie sehr es mir Spaß macht zu spielen”, sagte der Torhüter, der immer noch glaubt, Manuel Almunia wieder verdrängen zu können: „Zumindest ist der Glaube daran recht groß bei mir. Und mit meinen Einschätzungen lag ich selten daneben.”

Erst bei einer unveränderten Situation im Winter könnte Lehmann echten Druck zum Handeln verspüren. „Bis ich den Verein wechseln muss, sind es noch ein paar Wochen.” Löw will unverändert Weihnachten abwarten, die Sportliche Leitung aber stellt angesichts des Wissens um die Sonderklasse von Lehmann keine EM-Ultimaten. „Ich denke, man wird jetzt bis kurz vor der Wechselperiode warten und dann aus dem Bauch heraus entscheiden, ob man einen Wechsel noch mal angeht oder nicht”, verkündete Teammanager Oliver Bierhoff in Hannover.