Stärken und Schwächen: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft von Borussia Mönchengladbach

Stärken und Schwächen : Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft von Borussia Mönchengladbach

Timing ist wichtig im Sport, auch im Fußball. Und so hätte selbst das 0:2 von Borussia Mönchengladbach gegen Borussia Dortmund ein ungetrübtes Freudenfest werden können. Schließlich verbucht die Mannschaft vom Niederrhein nach dem 34. Spieltag Platz fünf, der zur Teilnahme an der Europa-League-Gruppenphase berechtigt.

Sogar das Verpassen des Champions-League-Platzes durch die Niederlage gegen die noch um den Meistertitel kämpfende Ruhrgebiets-Borussia und den hohen Sieg der Leverkusener hätte die Euphorie kaum getrübt, wenn – ja, wenn die Rückrunde mit all den enttäuschenden Leistungen und Ergebnissen und acht Heimspielen in Folge ohne Sieg die Hinrunde gewesen wäre.

Die Brillanz und Euphorie des zweiten Halbjahres 2018 in die Hinrunde gerückt als nachhaltiger Eindruck einer insgesamt erfolgreichen Saison – der Borussia-Park hätte gebebt. So aber legte sich schon weit vor dem Abpfiff eine seltsame Atmosphäre der Gelähmtheit über Zuschauer, Spieler und Vereinsmitarbeiter. Dazu gesellten sich die offiziellen und mannschaftlichen Verabschiedungen von Trainer Dieter Hecking.

Ultras retten die Stimmung

Viel mehr negative Anti-Energie gibt es kaum. Ausgerechnet Männer in Schwarz bewahrten alle Beteiligten vorm kompletten Abrutschen ins Tal der Depressionen. Die Mönchengladbacher Ultras überwanden die Schockstarre als Erste und brachten mit einigem Anlauf die Gladbacher Spielerschar vor der Nordkurve dann doch noch zum mehr als pflichtgemäßen Hüpfen: „Europapokal“ sangen die Hardcore-Fans und verscheuchten so die eher trübseligen Gedanken aus Körper und Geist.

„Jetzt ist es schwierig. Aber spätestens im Urlaub werden ich richtig glücklich sein über das, was wir erreicht haben“, gab auch Christoph Kramer in eine bizarre Gefühlswelt. Weiter war bereits eine Schweizer  Frohnatur. „Ich bin sehr glücklich“, sagte Yann Sommer. Und auch der an Leverkusen verlorene Platz vier konnte seine Laune nicht trüben. „Klar ist das schade. Aber die Chance auf die Champions League wurde uns nach dem zuletzt so schwierigen Verlauf ein wenig auf dem Tablett serviert. Und Europa ist Europa.“

Am rückwärtsgewandten Spielchen – „Wo haben wir die entscheidenden Punkte verloren?“ – wollte sich der Torhüter nicht beteiligen. „Wir haben auch Punkte geholt, in München beispielsweise, die auch nicht unbedingt so eingerechnet waren.“ So zu sprechen, steht dem Schweizer Goalie zu. Sommer war der Einzige der Gladbacher Stammspieler, der sich den persönlichen Krisen seiner Kollegen entzog und die komplette Spielzeit Leistung ablieferte.

Das neue Gladbacher Trikot wird er nie wieder tragen: Thorgan Hazard. Foto: imago images / MIS/Cathrin Müller /M.i.S.;via www.imago-images.de

Und auch an diesem Samstagnachmittag war dem Vize-Kapitän kein Vorwurf zu machen. Timing, das zweite: Die 90 Minuten lieferten ein Spiegelbild der Saison: Die erste Halbzeit war die Hinrunde, die zweite die Rückrunde. Nur deshalb lohnt es sich, noch ein wenig auf die Partie einzugehen. Die ersten 20 Minuten mit dem Höhepunkt eines Lattenkreuz-Schlenzers von Ibrahima Traoré nach einem genialen Dis­tanzpass von Thorgan Hazard (16.) waren verblüffend gut. Sorgten aber auch bereits für nach vorne gerichtete Sorgen: Der Aufwand war niemals bis zum Schlusspfiff durchzuhalten.

Das 1:0 der Dortmunder direkt vor der Halbzeit führte zur kollektiven Gladbacher Deutung: „Da wurde uns der Stecker rausgezogen.“ Nettes Bild, aber nicht wirklich passend, will man den Problemen der Hecking-Elf auf die Spur kommen. Denn bereits zuvor hatte das Spiel der Gastgeber einen Wackelkontakt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Der BVB zog nach der Anfangsphase immer mehr das den Gladbachern nur allzu bekannte Ballbesitz-Spiel des ehemaligen Trainers Lucien Favre auf.

Diesem strukturiert zu begegnen kann die aktuelle Mannschaft unter Dieter Hecking nicht. Ein kollektives Pressing gegen eine spiel- und offensivstarken Gegner beherrscht sie (noch) nicht. Das soll sich – Zukunft! – ändern unter dem neuen Trainer Marco Rose. „Er wird dem Klub guttun“, prohezeite Hecking während seiner letzten Pressekonferenz in fast übermenschlich positiver Haltung über seinen Nachfolger.

„Er ist ein großartiger Mensch und hat die Situation mit Bravour gemeistert“, sagte Sportdirektor Max Eberl über Hecking. Diese Einschätzung rettete dem 54-Jährigen nicht den Arbeitsplatz. Bei einem anderen Timing des Saisonverlaufs wäre es dem Manager noch schwerer gefallen, die erfolgreiche Ära Hecking vorzeitig zu beenden. Der Routinier stand auch für Zuverlässigkeit. Marco Rose bedeute auch Risiko. Ob nun wirkliche rosige Zeiten für den Traditionsklub anbrechen, muss sich (er) zeigen. Immerhin aber blieb Dieter Hecking erspart, was er ungewollt dem zum „Finalgegner“ Dortmund wechselnden Thorgan Hazard einbrockte: Wie nicht anders zu erwarten,  quittierten große Teile der Zuschauer die Auswechslung des Belgiers ausgerechnet gegen Publikumsliebling Patrick Herrmann mit einem Pfeifkonzert. Schlechtes Timing eben!

Mehr von Aachener Nachrichten