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Gladbach in der Champions League: Trauma, Trost und tolle Tore

Gladbach in der Champions League : Trauma, Trost und tolle Tore

Beim zweiten Spieltag der Champions League haben sich Borussia Mönchengladbach und Real Madrid 2:2 getrennt. Die Gladbacher wollen sich aber nicht vom Schock des späten Ausgleichs runterziehen lassen.

Können sechs Minuten mit entscheidenden, aber womöglich „natürlichen“ Fehlern eine tolle Leistung über die vorhergehenden 86 Minuten mindern? Marco Rose würde diese Frage kategorisch mit einem Nein beantworten. Schließlich ist er Trainer von Borussia Mönchengladbach und muss mit seinen tief enttäuschten Spielern auch nach dem 2:2 gegen Real Madrid in der Fußball-Champions-League weiterarbeiten.

Dabei zeigten die 86 Minuten, dass der 44-jährige Fußballlehrer mit seiner Lerngruppe auf einem guten Weg ist. Das Remis gegen einen der besten Clubs der Welt war – ohne jede Ironie – Gladbachs bestes Unentschieden der Saison. Zuvor gab es bereits Punkteteilungen gegen Union Berlin, VfL Wolfsburg und Inter Mailand. Die ominösen Restminuten vom Dienstagabend in der Geisteratmosphäre des Borussia-Parks müssen logischerweise auch fußballerisch aufgearbeitet werden. Doch dringender ist die Aufgabe Roses, die Köpfe seiner Profis zu schützen. Die Erlebnisse, jeweils kurz vor Schluss Führungen gegen Mannschaften unterschiedlicher Qualität aus den Händen gegeben zu haben, sollen sich nicht festsetzen. Bereits kurz nach dem Schlusspfiff fing er damit an. „Ich werde das nicht zum großen Thema machen“, verkündete Rose, der bereits während des Spiels außergewöhnlich ruhig an der Seitenlinie agiert hatte. „Ich hatte ein gutes Gefühl, wir waren sehr stabil.“

Er werde seine Spieler nicht kritisieren. „Wer den Jungs einen Vorwurf machen will, soll das machen.“ Sportdirektor Max Eberl will das nicht. „Bei allem Frust: Wir haben ein großes Spiel gemacht!“ Allerdings kein großes Ergebnis. Und damit trug Borussia dazu bei, dass die Situation in der Gruppe B eine arg komplizierte ist: Schachtjor Donezk führt nach dem 0:0 gegen Inter mit vier Punkten vor Gladbach und Mailand mit jeweils zwei Zählern. Real rangiert mit lediglich einem Punkt am Ende des Tableaus. Man muss nicht viel Fantasie besitzen, um zu prognostizieren, dass die Endplatzierung anders aussehen wird. Trotz zweier Spiele, in denen die Borussen bewiesen, mit den Großen mithalten zu können und nicht nur als Touristen im königlichen Wettbewerb unterwegs zu sein, haben sich die Chance auf Platz drei oder gar mehr nicht gerade erhöht. „Wir hätten jetzt auch schon sechs oder vier Punkte haben können. Darüber darf man gar nicht nachdenken“, sagte Rose.

Verdrängung ist angesagt. Aber ganz ohne Wattebauschkritik kommt der Gladbacher Trainer auch nicht aus. „Wir hätten vorher den Sack zumachen können. Schachtjor hat das dritte Tor gemacht, wir haben es verpasst.“ Alassane Pléa hatte das vorentscheidende 3:0 auf dem Fuß, scheiterte aber an Real-Keeper Thibaut Courtois (61.). Der Franzose hatte allerdings auch den genialen Pass auf seinen Landsmann Marcus Thuram gespielt, den „Tikus“ zur überraschenden Führung ins Tor wuchtete (33.). Gladbachs Spaß-Riese ließ mit einem Abstauber das 2:0 folgen (58.).

Extrem effektiv und extrem konzentriert: Nichts deutete bis zur
86. Minute darauf hin, dass Gladbach erneut einen Vorsprung verspielen könnte. Christoph Kramer war bei der Rücksicht kritischer als sein Trainer. Der Mittelfeldspieler gilt als ehrlicher und mitunter gar als unbarmherziger Analyst.

„Wir müssen es ab der 75., 80 Minute Minute deutlich besser nach vorne ausspielen“, monierte Kramer. Und hatte die Räume im Sinn, die sich ergaben, weil Madrids Abwehrrecken Sergio Ramos und Raphael Varane zu Dauergästen im Gladbacher Strafraum mutierten.

Dieses alles oder nichts der Königlichen ist kein Zufall, sondern ein häufig benutztes Instrument, eine drohende Niederlage fast nur mit Kraft und Willen umzubiegen. Gegen Donezk reichte es nicht ganz, die Ukrainer verteidigten ihr 3:2. Gladbach aber fehlte wie Rose meinte, „das Quäntchen Glück“, aber nicht nur das. Real warf Kaliber wie Eden Hazard und Luka Modric in die Partie. Borussia musste erneut feststellen, dass ihre Einwechslungen (Breel Embolo, Patrick Herrmann, Hannes Wolf) nur wenig Effekt hatten. Fehlten dadurch obendrein die Ballhaltequalitäten von Thuram, Pléa und Lars Stindl? „Da sehe ich kein Problem“, widersprach Rose.

Solange Valentino Lazaro noch nicht wieder fit ist und Wolf sich nicht endlich steigert, sind die Möglichkeiten, nicht nur frische, sondern auch echte Helfer einzuwechseln, beschränkt. Die dauerstrapazierten Thuram und Pléa kann Rose in diesen Stress-Wochen aber auch nicht durchspielen lassen. Nicht jeder ist aus dem Holz geschnitzt wie Stevie Lainer. Der Rechtsverteidiger wirkte in der Endphase sogar noch fitter als die Einwechselspieler. Die Gegentore von Karim Benzema (87.), als die Gladbacher den Ball unaufhaltsam auf dem Weg ins Toraus wähnten, und Casemiro (90.+3) konnte der Duracell-Sprinter aber auch nicht verhindern.