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Mönchengladbach: Ohne Tore wird Europa zum Fernziel für Gladbach

Mönchengladbach : Ohne Tore wird Europa zum Fernziel für Gladbach

Es war ein Abend für Zyniker. Aber erst ab 20.17 Uhr. Da passierte streng genommen nichts, das war das Problem. Denn es hätte in diesem Moment passieren müssen. Das, worum es letztlich im Fußball geht, und das, was RB Leipzig wenige Sekunden vor diesem ominösen Moment erledigte: Da flutschte der eingewechselte Ademola Lookman aalglatt durch die Mönchengladbacher Abwehrreihen und erzielte das 1:0 für die Leipziger.

Das passiert schon mal bei Fußballspielen, auch in der Bundesliga, und in letzter Zeit erst recht Borussia Mönchengladbach. Und hätte Schiedsrichter Tobias Stieler direkt nach dem 0:1 das Duell der Möchtegern-Europäer abgepfiffen, die knapp 50.000 Zuschauer wären traurig, frustriert oder gar verärgert nach Hause gefahren mit dem Gefühl, eine extrem enge Partie gesehen zu haben, die logisch 0:0 hätte enden müssen, aber dann doch für die Hausherren eine unglückliche Wendung nahm.

 Und wieder kein Tor: Thorgan Hazard scheitert in der Nachspielzeit an RB-Keeper Peter Gulacsi.
Und wieder kein Tor: Thorgan Hazard scheitert in der Nachspielzeit an RB-Keeper Peter Gulacsi. Foto: imago/Horstmüller

Stattdessen aber rannte Thorgan Hazard in der 92. Minute allein auf Peter Gulacsi zu und scheiterte mit seinem Flachschuss (!) am RB-Keeper.

Wunde aufgerissen

Das riss eine Wunde auf, zitierte auf grausame Weise ein elementares Defizit, von dem Hazard & Co. seit zu langer Zeit geplagt werden: die Abschlussschwäche. Da schlug bei so manchem Beobachter der Frust in Zynismus um. Spätestens bei der Analyse durch die Trainer.

Auslöser war die Aussage von RB-Coach Ralph Hasenhüttl. „Unser vorrangiges Ziel war, auswärts endlich mal zu Null zu spielen. Und das ist uns zum ersten Mal in dieser Saison gelungen.“ „Kunststück!“ hätten viele Gladbach-Fans gerne ironisch gebrüllt, nichts leichter als das gegen unsere derzeitige Borussia.

Und solch zynische Gedankengänge wurden erneut provoziert, als Dieter Hecking etwas sagte, aber vor allem etwas nicht sagte. Seine Spieler hätten sich ja eigentlich gut an die Taktik gehalten, beantwortete der Gladbacher Fußballlehrer die Frage, warum er abgesehen von Michael Cuisance (58.) keinen weiteren Profi, speziell in der Schlussphase, eingewechselt hatte — anders als etwa die Leipziger. In solchen Momenten darf ein Trainer nicht die Wahrheit sagen, sonst hätte seine Antwort lauten müssen: Ob Jonas Hofmann noch reinkommt oder wer auch immer — es ist doch egal, wer die Tore nicht schießt.

Umgekehrt hätten sich die Ultras bestätigt fühlen können mit der abgewandelten Erkenntnis à la Leipzig: Geld schießt eben doch Tore. Etwa durch einen Leihspieler vom FC Everton, der bestimmt nicht für ein paar Cent bis zum Sommer die Londoner Metropole gegen das Leipziger Milieu eintauscht. Doch die Gladbacher Hardcore-Fans waren wahrscheinlich noch berauscht von ihrem Input in eine merkwürdige erste Halbzeit. 19 Minuten lang hatten sie demonstrativ geschwiegen, aus Protest gegen RB, für die Ultras ein rotes Tuch als Sinnbild eines künstlichen, mit Unternehmergeld aufgepumpten Fußballvereins.

Zerrissene Nordkurve

Immerhin führte der partielle Unterstützungsentzug nicht zu einem früheren Gegentor für ihre Lieblinge. Wohl aber zur Spaltung der Nordkurve: Die anderen Anhänger in der Traditionsheimstätte der Rautenliebhaber versuchten zu beweisen, dass Stimmung auch ohne Ultras möglich ist. Und als die 19. Minute als Symbol für Borussias Gründungsjahr (1900) verstrichen war, boykottierten sich beide Fangruppen wechselweise.

Auch auf dem Spielfeld spielten sich symbolträchtige Szenen ab. Etwa in der 16. Minute: Da nahm Lukas Klostermann einem der vermeintlich schnellsten Gladbacher, Patrick Herrmann, in einem Sprint gleich mehrere Meter ab. Das belegt einerseits die Philosophie der Leipziger, die für ihr Umschaltspiel und frühes Pressen möglichst viele Flitzer benötigen. Anderseits aber eine eher traurige Tatsache: Wenn Herrmann, dessen Vertrag im Sommer 2019 ausläuft, mit seinem eigentlichen Trumpf, seiner Geschwindigkeit, nicht mehr stechen kann, verliert er seine Berechtigung, in der Startelf zu stehen, weil er so der Mannschaft nicht mehr weiterhilft.

Pseudo-Luftsprüngchen bei Kopfballzweikämpfen und falsche Laufwege, wenn er mal auf einen gleich schnellen Kontrahenten trifft, sind kein Bundesligarüstzeug. Einmal von der mangelnden Torgefährlichkeit abgesehen, die er in der 51. Minute bewies — aber die hat er ja nicht exklusiv, auch nicht in dieser Szene, in der Lars Stindl beim Nachschuss ebenfalls mehr oder weniger kläglich scheiterte.

Herrmann wurde ausgewechselt. Seinen Kollegen auf der linken Seite ließ Hecking durchspielen, obwohl er als Standard-Spezialist überwiegend miese Eckbälle und Freistöße schlug und mangels Schnelligkeit zu häufig seine Aktionen abbrach, wenn er steil geschickt worden war. Grifo raus, einen Banksitzer rein neben Stindl und Hazard auf links, wäre eine Option gewesen. Zumindest hätte sie den Borussen so noch mehr gefährliche Situationen bescheren können, die sie dann — Achtung: Zynismus! — vergeben hätten.

„Sieben Punkte aus acht Spielen sind nicht unser Anspruch“, sagte Hecking. Wenn man allerdings hinten nicht fehlerlos spielt und vorne keine Tore macht, hat man einen Anspruch auf gar nichts. Nicht mal auf Platz acht. Oder wie Christoph Kramer vorwurfsvoll zitierte: „Fußball ist ein Ergebnissport.“