Tabellenführer Borussia Mönchengladbach: Obenauf durch Mut und Arbeit

Tabellenführer Borussia Mönchengladbach : Obenauf durch Mut und Arbeit

Sieben Wochen Tabellenführer: Da wagt es auch der misstrauischste Zeitgenosse nicht mehr, von Zufall zu sprechen. Borussia Mönchengladbach also, und der sensationelle oder zumindest überraschende Erfolg in der Fußball-Bundesliga. Der Traditionsklub wird nicht Deutscher Meister werden. Aber die 25 Punkte sind keiner Glückssträhne geschuldet.

Die Mannschaft von Trainer Marco Rose ist nicht in einem Flow, wie eine Erfolgswelle auf Neuhochdeutsch so schön genannt wird, sie hat sich alles hart erarbeitet. Der Vorteil im Vergleich zur Konkurrenz um den Platz an der Sonne: Bayern und Dortmund definieren sich über den Meistertitel, Gladbach noch längst nicht. Ein „Absturz“ auf die Plätze drei bis sechs wäre immer noch ein Riesen-Erfolg.

Die Entwicklung: Es begann zäh – wie es nicht anders zu erwarten war. Etliche Spiele zeigte Roses Team nur Bruchstücke von dem, was der neue Trainer mit ihm vorhatte. Zum Bundesligaauftakt gegen Schalke lieferte die erste Halbzeit Hinweise, noch mehr die erste Hälfte gegen RB Leipzig, auch wenn diese beeindruckende Vorstellung in einer Niederlage mündete. Es gab etliche Spiele, bei denen sich der Beobachter ratlos fragte: „Ja, wo ist denn jetzt der neue Stil?!“ Das Pressing etwa. Marco Rose sagt, „irgendwann im Oktober hat es dann gefühlt Klick gemacht.“ Gefühlt vielleicht, doch wahrscheinlicher war es ein schleichender Prozess. Es dauerte, bis sich Fragmente oder Puzzleteile zu einem Gesamtwerk zusammengefunden hatten. Ein Indikator für die Entwicklung ist Stefan Lainer: Der österreichische Neuzugang verkörpert auf der rechten Seite die Idee Roses fast in Perfektion – und war damit extrem auffällig. Gefühlt konnte man in den letzten Spielen den Eindruck haben, Roses „Vorspieler“ könnte das zuvor gezeigte Niveau nicht mehr halten. Das ist falsch! Seine Mitspieler sind „rosiger“ geworden, haben sich dem zweibeinigen Symbol des Aktiv- und Pressingfußballs angenähert. Lainer ragt nicht mehr so heraus, die neuen Rose-Schüler haben aufgeschlossen. Ein Beleg für den Entwicklungsprozess.

Mentalität und Physis: Auch wenn viele noch immer leicht schmunzeln müssen bei der Behauptung, Fußball finde immer auch im Kopf statt: Die Verwandlung der Gladbacher Mannschaft unterstützt diese These. Ein Beispiel aus der Offensive: Jonas Hofmann verliert in der Hälfte des Gegners den Ball. Unter den Rose-Vorgängern, besonders unter Lucien Favre, wäre als erste Idee und Handlungsanweisung durch den Kopf gezuckt: „Oh verdammt, jetzt muss ich schnell nach hinten absichern.“ Jetzt aber ist die Reaktion und die Philosphie um 180 Grad gedreht: Hofmann, der mit dem Ballverlust, rennt nicht automatisch nach hinten, sondern geht aggressiv und offensiv auf den Ballführenden drauf. Die Absicherung ist Geschichte, die aktive Rückgewinnung des Balls ist jetzt das Leitthema. Das ist vom Ergebnis her umso effektiver, je höher die Mannschaft steht. Viele kleine Sprints nach vorne ersetzen die längeren Läufe nach hinten.

Viel Anlass zu lächeln: Gladbach-Trainer Marco Rose. Foto: AFP/INA FASSBENDER

Neben dieser gedanklichen Umstellung gibt es deshalb auch eine körperliche – abzulesen an der hohen Anzahl der Zweikämpfe und der Sprints, die die Gladbacher nun im Vergleich zu den Bundesliga-Konkurrenten bestreiten. In dieser Statistik lagen sie vor Rose zumeist auf den „Abstiegsrängen“. In den Jahren zuvor waren die Gladbacher bekannt und bei den Gegnern am Ende beliebt für ihre Begleit- und Zustellqualitäten. Höhere körperliche Belastung ist die Konsequenz der neuen Spielart. Und Konsequenz ist auch das Zauberwort für das Anrennen, das Pressing also. Das gab es früher auch bereits,  aber oft nur angedeutet, isoliert und nicht strukturiert: Lars Stindl attackierte vor dem gegnerischen Strafraum den Innenverteidiger, fühlte sich aber recht allein und drehte kurz vorher halb resignierend wieder ab. Pseudo-Attacke. Im Idealfall bleibt aber nun das Tempo hoch, und – besonders wichtig – Stindl & Co. ziehen durch, der letzte Schritt muss besonders aggressiv und gierig auf den Ballgewinn sein.

Der Trainer: Marco Rose ist kein Missionar, er ist ein „Gläubiger“. Der 42-Jährige glaubt an die Wirksamkeit seiner Fußballphilosophie, kann diesen Glauben an seine Spieler vermitteln und geht diesen trotzdem nicht auf den Geist. Dafür sorgt sein Realismus und seine Flexibilität. Er weiß, dass seine Mannschaft immer noch im Lernprozess ist, löst sich falls notwendig von Idealvorstellungen. Die Dortmunder Erfahrung seines Kumpels Jürgen Klopp, dass Jagdfußball auf Dauer nicht über 90 Minuten möglich ist, hat er längst verinnerlicht. Er mischt die Pressingphasen mit Ballbesitz-Sequenzen oder gar Konterhaltungen. Ebenso wenig festgelegt ist er auf eine Formation: 4-3-3, 3-5-2 oder 4-4-2 – Hauptsache sinnvoll und effektiv.

Die Mannschaft: Die neue Philosophie bedeutete nicht gleichzeitig eine Massenentlassung bei Borussia Mönchengladbach. Für viele überraschend adaptierten und adoptierten die „Alt-Borussen“ die neuen Ideen ohne grundsätzliche Probleme, aber natürlich individuell mehr oder weniger schnell. Zweikampf-Spezialist Denis Zakaria hat es naturgemäß einfacher als Techniker Florian Neuhaus. Doch alle sind bereit zu lernen, und der Trainer möchte auf keinen Fall, dass die Erfolge auf Kosten der individuellen Qualitäten gehen. Neuhaus muss eben kein Pressing-Monster werden. Und auch Torhüter Yann Sommer, Fan-Liebling Patrick Herrmann und Laszlo Benes machten unter Rose noch einen Schritt nach vorn.

Die Neuen: Ihre Zahl bleibt überschaubar. Doch ihre Wertigkeit ist extrem hoch. Von Marcus Thuram, Stefan Lainer, Breel Embolo und Rami Bensebaini stechen vor allem die beiden Erstgenannten hervor. Lainers Vorbildfunktion als Rechtsverteidiger mit Duracell-Vorwärtsqualitäten sind evident. Thurams Input ist ebenso grundlegend für den Erfolg: torhungrig, wuchtig, arbeitswillig, defensivstark. Ein Ausnahmestürmer mit Mannschaftsgeist. Und das nicht nur sportlich: Seine Eckfahnenfeierlichkeiten sind weit mehr als nur ein Ausdruck kindlicher Freude. Diese Leichtigkeit, diese Empathie und dieses emotionale Band zum Publikum und Kollegen sind gelebter Mannschaftsgeist. So ein Typ hat Gladbach gefehlt.

Das Management: Nichts entsteht von alleine. Rose kann so erfolgreich arbeiten, weil Max Eberl und sein Team dafür den Boden bereitet haben. Und dazu gehört nicht nur ein Kader mit guten Fußballern und Charakteren. Die Möglichkeit, einen Thuram oder Lainer in Konkurrenz zu Großklubs nach Gladbach zu locken, hängt auch von der wirtschaftlichen Potenz des Traditionsklubs ab, für die Geschäftsführer Stephan Schippers verantwortlich ist.

Strukturen sind nötig, um sich zu entwickeln und nach vorne zu kommen. Und dazu gehört auf der sportlichen Seite ein Sportdirektor mit Ideen und Visionen sowie eine Scoutingabteilung unter Leitung von Steffen Korell, die dazu das geeignete Personal zusammenstellt. Borussia Mönchengladbach stand auch vor dieser Saison nicht schlecht da. Die Basis dieser jüngsten Weiterentwicklung aber war der Mut von Eberl, nach vorne zu denken, sich für Marco Rose zu entscheiden – eine freiwillige, bewusste, rein sportliche Entscheidung in einer Situation, in der viele Manager konservativ den Status quo bevorzugt hätten, für ein „Weiter so“ ohne Idee und Vision.

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