Mönchengladbachs Trainer Marco Rose und sein Sandhausen-Plan

Borussia Mönchengladbach vor dem Pokalspiel in Sandhausen : Zwischen Kritik und Schwärmerei

Bei den meisten Trainer schwappen taktische Überlegungen auch in die Redebeiträge über. Nicht zu viel sagen, sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, nicht zu sehr loben, nicht zu stark kritisieren. Marco Rose scheint anders zu ticken. Und dahinter dürfte mehr stecken als nur eine persönliche Note.

Ein Blick in die Augen des 42-Jährigen belegt einen Eindruck, der sich aus dem Engagement beim Reden ergibt: Der Mann ist beseelt! Beseelt von seiner Idee, Fußball zu spielen. Beseelt, seinen Mönchengladbacher Spielern und letztlich auch dem gesamten Klub einen komplett neuen Spielansatz beizubringen.

Dazu muss man ein Analytiker, aber auch ein Menschenfänger sein. Analytiker hatte Borussia schon häufiger auf der Postion des sportlichen Vorarbeiters. Dieter Hecking war einer, und Lucien Favre sowieso. Was der Charakter beider aber nicht hergibt ist, Menschen zu begeistern, emotional zu packen und zu pushen.

Den Bereich Analyse ordnete Rose zwischen Generalprobe und erstem Pflichtspiel am Freitrag im Pokal beim Zweitligisten SV Sandhausen selbst ein. „Es geht darum, einen gesunden Mittelweg zu finden zwischen Selbstkritik, den Finger in die Wunde legen, aber auch zu sehen, dass viele Dinge auf dem richtigen Weg sind. Nach Chelsea habe ich es mit dem Ergebnis im Rücken als wichtig empfunden, darüber zu reden, was noch nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen.“

Doch das ist weit entfernt von Favres mitunter misanthropisch anmutender Dauer-Besorgnis: „Ja, aber ...!“ Roses Ehrlichkeit bedarf aufseiten der Rezipienten der Gewöhnung. Und so rückt er seine vermeintliche Kritik am Zweikampfverhalten seiner Schüler beim 2:2 am vergangenen Samstag gegen Chelsea als nicht grundlegend, aber zielorientiert zurecht.

„Die Jungs sind durchaus bereit, sich zu quälen und sind auch hart“, führte Rose zwei Tage vor dem Pokalspiel am Samstag aus, einem Wettbewerb, bei dem Körperlichkeit naturgemäß gefragt sein wird. „Wir führen auch intensive Zweikämpfe im Training. Aber es kommen Widerstände im Laufe der Saison. Der Gegner wird möglicherweise unglaublich hart spielen, und da müssen wir die richtigen Antworten parat haben. Wir müssen uns dann gegenseitig pushen, auch lautstark.“

Erfolgreichster Torschütze in den Vorbereitungsspielen

Gelebte Emotionen als Schlüssel zum Erfolg. Der Trainer lebt sie vor. Und ist aber mit der gleichen Begeisterung dabei, wenn es gilt, die Vorzüge seiner Schützlinge zu beschreiben. Dabei trifft sich Kopf mit Herz, Analyse mit Empathie – wie etwa bei Alassane Pléa, mit vier Treffern Gladbachs erfolgreichster Torschütze in den Vorbereitungsspielen.

„Er ist ein Top-Spieler. Ich bin schwer angetan, weil er eine Abschlussqualität hat, die ich so noch nicht oft gesehen habe“, sagt Rose. „Wenn er am Sechzehner den Ball hat und zum Schuss kommt, dann darf man sich schon mal fertig machen zum Jubeln.“ Solch blumige Aussagen können einem Trainer schon mal auf die Füße fallen, ebenso wie die Charakterisierung Stefan Lainers, der ihm von Salzburg zum Niederrhein folgte, als „Naturgewalt“.

Doch das ficht den gebürtigen Leipziger nicht an. Eine innere Bremse „bleibt bei mir aus. Ich empfinde es eben so.“ Und natürlich kann er auch den „Favre“ geben mit dessen Einschränkungslob, wie etwa über Marco Reus im Zenit seiner Gladbacher Schaffenskraft. „Er ist ein sehr guter Spieler, aber er muss noch viel lernen“, sagte damals der Schweizer. Die österreichische Variante: „Alassane investiert viel. Aber er muss auch noch lernen, noch häufiger die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Nach wenigen Sekunden kommt aber noch ein ebenso trotziger wie kategorischer Nachsatz: „Aber Lasso ist gut!“

Lehrer und Schwärmer: Die Art von Rose ist so offensiv und emotional wie sein Spielstil, an dem er mit dem Team seit rund sechs Wochen arbeitet. Wieviel davon in Sandhausen nötig ist, um das zu erreichen, was Rose als grundlegend fordert, „ein Ergebnis“, einen Sieg also, ist offen.

Den Fußballlehrer würde es wenig überraschen, wenn die Spiel­anlage von Sandhausen eine ganz andere wäre als etwa die von Chelsea, „so dass wir möglicherweise gar nicht so oft in Pressingsituationen kommen werden, sondern häufig erste und zweite Bälle verteidigen müssen“. Taktische Flexibilität, zu der auch gehören sollte, Ballbesitz-Phasen bewusst einzustreuen. Das ist gegen Chelsea nicht gelungen. Freitag könnten diese zu mehr als Phasen werden. Aber auch dafür gelten die Grundlagen des neuen Rose-Stils: leidenschaftlich und zielgerichtet, auf Fußballneuhochdeutsch vertikal.

Voraussichtliche Aufstellung: Sommer - Lainer, Ginter, Elvedi, Wendt - Zakaria, Strobl, Neuhaus, Hofmann - Pléa, Thuram

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