Rottach-Egern: Max Eberl und sein gutes Gefühl

Rottach-Egern : Max Eberl und sein gutes Gefühl

Borussia Mönchengladbach will etwas anderes machen in dieser Saison. Das personifiziert sich im Königstransfer Alassane Pléa, der dem Fußball-Bundesligisten mehr als 20 Millionen Euro wert war. Ein Mittelstürmer mit Vollstrecker- und Kombinationsqualitäten. Er soll helfen, das traditionell attraktive Spiel der Hecking-Elf auch effektiver zu machen.

Ob davon bereits etwas im Trainingslager am Tegernsee zu beobachten ist, darüber sprach unser Redakteur Bernd Schneiders mit Borussias Sportdirektor Max Eberl.

Wie sieht’s mit Ihrem persönlichen Trainingslager aus? Hat sich der Fitnesszustand verbessert?

Max Eberl: Ich hab‘ gut was gemacht. Die Runde um den See habe ich aber nicht geschafft. Dafür habe ich viel geschlafen, was mal nötig war, und viel mit dem Ball gemacht, was natürlich richtig Spaß bereitet. Wir sind ja alle Kinder geblieben.

Wie wichtig ist es für Ihre Arbeit als Sportdirektor, diese Woche so eng mit der Mannschaft zu verbringen?

Eberl: Sehr wichtig für ein gutes Verhältnis. Zusammen Spaß zu haben, sich einfach näherzukommen ist grundlegend dafür, dass die Spieler mit vertrauen. Aber auch für kritische Töne. Wenn man so dicht zusammengelebt hat, ist es natürlich einfacher, sich einen in der Saison mal jemanden vorzuknöpfen. Die Akzeptanz ist eine ganz andere. Und dann heißt es eben nicht: Ja, einmal im Jahr kommt der Alte dann runter . . .

Sie haben viele Trainingslager mitgemacht als Sportdirektor. Bekommt man ein Gefühl dafür, was dann in der aktuellen Spielzeit sportlich möglich ist?

Eberl: Ich bekomme ein Gefühl, wie intensiv und konzentriert gearbeitet wird. Ich bekomme ein Gefühl für bestimmte Gruppen, die sich bilden. Und aktuell kann ich sagen, dass die Spieler bereits extrem fit sind. Das hat sich auch am Donnerstag gegen Augsburg gezeigt in einem Spiel, dass nicht gerade Freundschaftsspiel-Charakter besaß. Wir waren auch körperlich überlegen, und das zeigt, wie gut und intensiv Dieter Hecking bereits mit den Jungs gearbeitet hat. Wir sind auf einem guten Weg. Doch das sind nur Eindrücke: Ob das dann alles auch im Liga-Alltag so sein wird, vor 50 000 Zuschauern, wird sich zeigen. Aber ich habe ein gutes Gefühl.

Das Verletzungspech scheint euch aber treu zu bleiben . . .

Eberl: Ja, Michael Lang hat sich vertreten, aber zumindest der Zeitpunkt ist nicht nur negativ. Er könnte ab September wieder dabei sein. Die Verletzung von László Bénes ist natürlich sehr ärgerlich. Gott sei Dank scheint es keine ganz große Sache zu sein. Trotzdem tut es weh, weil er sich nach seinem Mittelfußbruch richtig rangearbeitet hat. Aber das kann passieren, wenn man ein 1000-prozentiger Profi ist und im Training immer unter Strom steht. So etwas wird immer wieder passieren. Aber ich hoffe, dass wir den Umfang der Verletzungen reduzieren können. Ich bin sicher, dass unsere Umstrukturierungen Früchte tragen werden. Und das sieht man schon darin, wie gut Bénes behandelt wird.

Bringen die Begriffe Durchschlagskraft und Effektivität die Analyse-Ergebnisse der vergangenen Saison auf den Punkt?

Eberl: Nicht wirklich. Was wir wollen, ist mehr und eine andere Qualität in der Offensive. Deshalb haben wir mit Alassane Pléa eine Nummer 9 geholt, einen Mittelstürmer, der aber auch Fußball spielen kann. Mir geht es nicht um das Toreschießen allein, wichtig ist vor allem die Kombination, also gut zu stehen und gut nach vorne zu spielen.

Die Balance also, aber es ist auch eine Systemumstellung, oder nicht?

Eberl: Ja, und auch die Trainingsinhalte sind andere. Mit dem 4-3-3, drei Stürmern und zwei offensiven Mittelfeldspielern wollen wir erreichen, dass mehr Räume nach vorne entstehen. Dafür ist es aber auch wichtig, dass etwa die Abwehrspieler durchschieben wie Hans Meyer es immer nannte. Wenn wir vorne pressen, muss die Defensive aufrücken, sonst holen sich die vorne Blutblasen wie er immer sagte. Unordnung in der gegnerischen Defensive zu produzieren und auszunutzen: Das hat gegen Augsburg schon ganz gut funktioniert.

Obwohl euer Mittelstürmer nicht dabei war.

Eberl: Ja, wir wollen ihn körperlich erst noch richtig fit machen. Aber das System ist nicht von Personen abhängig. Es muss genauso klappen, wenn Raffael oder jemand anders die Position übernimmt.

Wird diese Saison auch so interessant, weil ihr den letzten Schritt raus aus der Favre-Ära macht?

Eberl: Nach wie vor haben wir richtig gute Fußballer. Aber es kommen neue Facetten hinzu. Vorne draufzugehen, hatte auch schon André Schubert versucht. Jetzt aber soll das Pressing mit Struktur erfolgen. Wir wollen das gesamte Spiel weiter nach vorne verlagern. Aber nach wie vor wollen wir das vor allem Fußballerisch lösen. Es entwickelt sich, und wir werden einen guten Schritt nach vorne machen.

Ist Plan B, einen kopfballstarken Strafraumspezialisten zu holen, passé?

Eberl: Wir haben Pléa geholt, der kein Kopfballungeheuer ist, aber in den Strafraum drängt und dort auch sehr kopfballgefährlich ist. Plan B ist für uns also nicht ein anderer Spielertyp, sondern es verstärkt über die Flügel zu versuchen, mit Flanken, die aber auch flach geschlagen werden können. Das können Spieler wie Lang, Hazard und Traoré perfekt.

Sie haben angekündigt, den Verlust von Innenverteidiger Vestergaard entweder intern oder extern lösen zu wollen. Ist die Entscheidung gefallen?

Eberl: Noch nicht. Wenn wir jemanden von außen holen, muss er besser sein als eine eigene Lösung. Wir beobachten den Markt. Und der wird speziell in England in der kommenden Woche richtig Fahrt aufnehmen. Deshalb sind wir völlig entspannt.

Auch weil sich plötzlich neue Möglichkeiten, wie eben mit dem Nachwuchsspieler und Rechtsverteidiger Louis Beyer, ergeben?

Eberl: Er ist sehr gut. Das hat er erneut gegen Augsburg bewiesen. Wir haben sie eben doch: ausgezeichnete Talente, die uns weiterhelfen können. Deshalb werden sich Beyer und Torben Müsel Spielpraxis überwiegend in der U 23 holen, aber weiter mit den Profis trainieren. Das war so nicht geplant.

Den Kader zu reduzieren: Ist das die unangenehmste Aufgabe eines Sportdirektors?

Eberl: Sie gehört zur professionellen Arbeit dazu. Man darf keine Angst vor harten Entscheidungen haben. Diese werden ja vor allem durch die Leistungen der Profis bestimmt. Wichtig ist mir, immer offen und ehrlich zu sein. Aber je enger man jemanden kennt, umso mehr tut es natürlich weh. Das ist normal und menschlich.

Mehr von Aachener Nachrichten