Wendt und Herrmann belohnen Gladbachs „Steineklopfen“: Hilfe von Papa Oscar und Opa Herrmann

Wendt und Herrmann belohnen Gladbachs „Steineklopfen“ : Hilfe von Papa Oscar und Opa Herrmann

„Nur ein paar Minuten“, vertröstete Oscar Wendt Elise und William, die viel lieber mit ihrem Papa rumtoben wollten. Stattdessen stand der schwedische Linksverteidiger an diesem komischen Metallgeländer und unterhielt sich mit fremden Menschen, die ihm Handys entgegenstreckten. Blöd, aber mit der Gladbach-Fahne in der riesigen Sponsorentafel der Mixed-Zone rumzustochern, war auch nicht so richtig schlecht.

Papa Oscar war ein Jubilar nach dem 2:0 seiner Mönchengladbacher Borussia gegen den FC Augsburg. Mit seinem 184. Bundesligaspiel für Borussia überholte er den bisherigen Rekordhalter und ehemaligen VfL-Kapitän Filip Daems und ist jetzt der ausländische Spieler mit den meisten Bundesligapartien für die Mönchengladbacher. „Das ist natürlich etwas Besonderes für mich“, sagte Wendt, während seine Kinder das Interesse an der Sponsorenwand verloren hatten und lieber um ihn herumwuselten. „Es macht mich stolz, dass ich so viele Spiele für diesen Verein gemacht habe. Jeder, der mich persönlich kennt, weiß, dass Borussia eine große Bedeutung hat für mich und dass ich mich zu 100 Prozent mit dem Verein identifiziere.“

Der 33-Jährige meint, was er sagt. Doch seine Worte mimisch oder phonetisch zu unterstreichen, ist nicht sein Ding. Nordisch kühl, doch eine Stunde zuvor war ein schwedischer Vulkan ausgebrochen. Auf dem Platz eben, und mit aller Berechtigung: Ausgerechnet Jubilar Wendt beendete den zähen Kampf der Gladbacher, sich gegen die extrem defensiven Augsburger nicht nur Chancen herauszuspielen, sondern diese auch zu verwerten. Es war ein Spiel der Besonderheiten, denn der Routinier traf mit rechts zum 1:0 (78.), und der Führungstreffer und Brustlöser der Hausherren brachte nicht nur Wendt, seine Mitspieler und das Stadion zum Toben.

Nach dem Schlusspfiff rastete Augsburgs Manager Stefan Reuter im Spielertunnel aus, hielt Schiedsrichter Harm Osmers und seinem Gespann schimpfend ein Handy unter die Nase. Der Unparteiische sollte endlich erkennen und zugeben, dass Wendts Treffer irregulär war, weil beim Schuss des Schwedens Lars Stindl im Windschatten von FC-Keeper Gregor Kobel nicht im passiven Abseits gestanden sei, sondern Kevin Danso auf der Torlinie behindert habe. Nach diesem „Videobeweis“ übernahm der FC-Trainer: Diese vermeintliche Ungerechtigkeit brachte Manuel Baum auf die Palme. „A Witz ist des“, schrie er auf dem Weg Richtung Schiedsrichter-Kabine. „Dilettanten“, die ihre eigenen Regeln nicht können würden, aber in der Bundesliga pfeifen dürften. Und selbst in der Pressekonferenz war Baum von der Palme noch nicht runtergeklettert. „Skandal“, wetterte er fleißig weiter. Und steuerte eine simple Erklärung bei, warum Osmers nicht die Hilfe des Videobeweises in Anspruch genommen hatte. „Er war zu faul dazu.“

Der Treffer hätte in der Tat aberkannt werden können. Es war eine der zahlreichen Kann-muss-aber-nicht-Situationen im Fußball. Die Wucht und die Länge des Ausbruchs aber deutete darauf hin, dass Baum auch ablenken wollte von der Leistung seiner Mannschaft. Gerade was die Offensive angeht, ist sie mit Alfred Finnbogason, André Hahn und Michael Gregoritsch außergewöhnlich gut bestückt. Umso unverständlicher das Cattenaccio-Auftreten seiner Mannschaft, die es nur zu einer Torchance brachte: Der Ex-Gladbacher Hahn scheiterte aber an Yann Sommer (87.). „Steineklopfen“ nannten deshalb Sportdirektor Max Eberl und Trainer Dieter Hecking die Aufgabe ihrer Profis. Und dabei hauten sich Pléa & Co. häufiger auf die Finger. Am ärgsten Jonas Hofmann, der trippelig mit einem Strafstoß (Moravek foulte Neuhaus) an FC-Keeper Kobel scheiterte (44.). Gladbachs Achter streute wie die anderen Offensiv-Kollegen überraschend viele Fehler und Fehlentscheidungen (Ibo Traoré) ein. Ob Stindl, Pléa, Neuhaus – sie alle waren nicht bei 100 Prozent und konnten es als Rekonvalszenten und in der Woche noch Angeschlagene auch wohl nicht sein. Das Spiel dennoch auch ohne den verletzten Thorgan Hazard zu gewinnen, zeugt von Qualität. „Wir sind zu 100 Prozent von unserer Spielidee und unserer Art und Weise, Fußball zu spielen, überzeugt“, sagte Wendt.

Dass dies zum guten Schluss (90+3) gelang, lag aber auch daran, dass der eingewechselte Patrick Herrmann von seinem Großvater überzeugt ist. „Mein Opa hat früher immer gesagt: ,Wenn Du nicht weißt, wohin mit dem Ball, dann schieß ihn einfach ins Tor rein.’ Getreu dem Motto habe ich das dann auch gemacht“, erzählte er über sein 2:0. Familien-Nachhilfe für einen zuletzt oft Bank- oder Tribünenhocker, der nicht gerade für seine Durchschlagskraft bekannt ist. „Patrick hat sich mit seinem Tor weiter in den Fokus geschossen“, sagte Sportdirektor Max Eberl. Ein gutes Argument bei den Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung.

Mehr von Aachener Nachrichten