Berlin: Gladbachs fast perfektes Auswärtsspiel

Berlin : Gladbachs fast perfektes Auswärtsspiel

Von wegen alter Mann! Selbst mit fast 80 Minuten Hochleistungssport in den müden Knochen hüpfte Raffael wie ein junges Reh noch über die Werbebande. Kein Weg war ihm zu weit. Im Sprint lief er der Fankurve entgegen, die im Olympiastadion fast nur mit dem Fernglas zu erkennen ist. Egal.

Auf einen solchen Moment hatte der Brasilianer lange warten müssen, entsprechend exzentrisch feierte er sein Tor zum 4:2 (3:1)-Endstand, das Borussia Mönchengladbach bei seinem Ex-Klub Hertha BSC den dritten Auswärtssieg hintereinander in der Fußball-Bundesliga sicherte.

Der für den gewöhnlich zurückhaltenden Raffael ungewöhnliche Gefühlsausbruch war nicht nur seiner persönlichen Geschichte geschuldet, sondern auch der des Spiels. Obwohl die Gäste schon nach 20 Minuten mit 3:0 geführt hatten, geriet ihr Erfolg in der zweiten Halbzeit noch einmal arg in Gefahr. Zwanzig Minuten vor dem Ende hatte Mitchell Weiser nach einem Freistoß das 2:3 für Hertha erzielt, das Publikum geriet in Wallung, und das Team von Pal Dardai bekam die zweite Luft. Doch bevor es richtig knifflig wurde, machte Raffael nach kluger Vorarbeit des eingewechselten Patrick Herrmann alles klar.

Abgesehen davon, dass sie sich noch einmal selbst in Bedrängnis brachten, zeigten die Borussen das fast perfekte Auswärtsspiel. Anfangs überließen sie den Berlinern die Initiative, doch die kamen zwar zu massig Ballbesitz, aber eigentlich nie in die gefährliche Zone. Stattdessen brachten die ersten drei Angriffe der Gäste das 1:0 durch Lars Stindl, das 2:0 durch einen Handelfmeter von Thorgan Hazard (mit Hilfe des Videoassistenten) und das 3:0 durch Raffael.

„Es war die Idee des Trainers, dass wir ein bisschen abwartender spielen“, sagte Kapitän Stindl. Das funktionierte wie geplant, nimmt man einmal die zweite Hälfte der ersten Halbzeit aus, als aus Abwarten totale Passivität wurde. In diese Phase fiel nicht nur das 1:3 durch Vedad Ibisevic (28. Minute), sondern auch eine ganze Serie von Eckbällen, von denen eigentlich jeder gefährlich wurde. Erst nach der Pause konnte Borussia das Geschehen wieder beruhigen. „Wir haben uns gesagt, dass wir aktiver sein müssen, damit es nicht komplett in die falsche Richtung geht“, berichtete Stindl.

Drmic wieder auf dem Feld

Und so wurde es am Ende ein Abend der Comebacks für Borussia Mönchengladbach. In der Schlussminute schickte Trainer Dieter Hecking Josip Drmic nach siebenmonatiger Verletzungspause zum ersten Mal wieder aufs Feld. Es reichte immerhin noch für eine Gelbe Karte. Vor allem aber meldete sich Raffael auf beeindruckende Weise zurück. Wobei: War er überhaupt weg gewesen?

Ja, behaupteten Fans und Medien. Nein, sagten seine Kollegen und Trainer Hecking. „Natürlich haben wir die Diskussion mitbekommen“, gab Lars Stindl zu. „Aber intern war das überhaupt kein Thema. Raffael hat unser volles Vertrauen.“ Und das nach Auftritten wie dem in Berlin auch völlig zu Recht. „Heute hat er bewiesen, dass man nicht auf ihn verzichten sollte“, sagte Hecking. „Er hat viele gute, schlaue Dinge gemacht.“ Am spektakulärsten war sein Treffer zum 3:0. Raffael nahm den Ball mit dem rechten Fuß hoch aus der Luft an, ließ ihn zweimal aufspringen und jagte ihn dann aus 25 Metern in den Winkel.

Wie weggeblasen war die Schwermut, zurück die Unwiderstehlichkeit, die das Spiel des inzwischen 32-Jährigen auszeichnet — und die man in den vergangenen Wochen so sehr vermisst hatte, dass schon die Frage aufkam: Macht sich bei dem scheinbar alterslosen Raffael jetzt vielleicht doch das Alter bemerkbar? Nur zwei Tore waren ihm in dieser Saison bisher gelungen, auf einen Assist wartet er seit Februar 2016. „Er war in Eurer Diskussion“, antwortete Hecking den Journalisten auf die Frage, ob die Diskussion um Raffael nun beendet sei.

Der Brasilianer ist ein Gefühlsmensch, von Stimmungen abhängig. Auch deshalb haben sie ihn bei Borussia in dieser schwierigen Phase eher gestreichelt denn gegeißelt. Und möglicherweise war es auch kein Zufall, dass Raffael ausgerechnet gegen seinen Ex-Klub zu sich selbst zurückfand. Dieter Hecking mutmaßte: „Vielleicht war es die Berliner Luft.“

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