1. Sport
  2. Fußball
  3. Borussia Mönchengladbach

Das Duell der Erzrivalen: Gladbach und „der runde Teller“

Das Duell der Erzrivalen : Gladbach und „der runde Teller“

Über die Deutsche Meisterschaft mag Gladbachs Trainer Marco Rose auch nach dem 2:1 über die Bayern noch nicht reden. Dieses Understatement scheint Programm zu sein rund um den Borussia-Park – was die Verantwortlichen angeht.

Große Spiele verdienen große Worte. Das dramatische 2:1 von Borussia Mönchengladbach gegen den FC Bayern München war so eins. Aber was ist eigentlich groß? Rein fußballerisch auf jeden Fall, wenn eine Mannschaft, die vor der Saison nicht zum Kreis der Titelfavoriten gezählt wurde, die vermeintliche Übermannschaft mit einem Treffer in letzter Minute in die Knie zwingt. Und damit den Vorsprung auf den Multi-Meister auf sieben Punkte hochschraubt – nach einer ersten Halbzeit, in der der nominelle Außenseiter leicht mit einem 0:4 oder 0:5 in die Kabine hätte gehen können. Was aber macht Worte groß, die versuchen, die für viele so überraschende Situation fassbar zu machen? Lars Stindl gelang das. Mit einer Lakonie, die so verblüffend wie der Spielverlauf an diesem Samstagnachmittag war. Gladbach seit acht Spieltagen (erstes Mal am 7. Spieltag nach dem 5:1 über Augsburg) Tabellenführer: „Das zieht sich“, sagte der Borussen-Kapitän.

Dieses Understatement scheint Programm zu sein rund um den Borussia-Park – was die Verantwortlichen angeht. „Wir durften gegen die Bayern gewinnen“, sagte Gladbach-Trainer Marco Rose. „Wir durften lernen – mehr geht nicht!“ Was der 43-Jährige damit meinte, war die Leistung der Münchner in den ersten 60 Minuten. Diese Qualität muss ein echter Meisterschaftsfavorit zeigen. Die folgende halbe Stunde aber war auch nicht ohne – gestaltet von den Gladbachern. Allerdings auch nur so noch möglich, weil die Bayern bis zu ihrer Führung mehr als ein halbes Dutzend Chancen verschluderten. Die starken 30 Minuten des Tabellenführers auszuweiten, zu verlängern gen 90 Minuten, das definiert Rose als Lernziel. „Wenn wir so weit sind, können wir auch über runde Teller reden“, sagte Rose in Anspielung auf die Meisterschale.

Das seine Mannschaft aber überhaupt schon in dieser Situation steckt, hat natürlich auch viel mit dem 43-Jährigen und seiner Arbeit zu tun. Und die absolviert der gebürtige Leipziger so authentisch, dass er es nicht nötig hat, sein Einwirken etwa auf die dramatische Wendung in dem Bundesliga-Klassiker künstlich zu erhöhen. Stattdessen übernahm er die Verantwortung für die falsche Wahl der Taktik, mit der er sein Team ins Spiel schickte. „Mit der Mittelfeldraute haben wir keinen Zugriff auf die Bayern bekommen.“ Noch nie hat es in seiner Schaffensperiode am Niederrhein so viele und so lange Diskussionen mit seinem Taktikspezialisten René Maric, den er von RB Salzburg mitgebracht hat, in der Trainerzone gegeben. Aber auch die Umstellung auf ein 4-3-3 führte zu keiner Verbesserung.

Die Probleme waren für Rose grundlegend: falsche Entscheidungen, falsches Timing, der letzte Schritt beim Anlaufen ohne Überzeugung und zu spät. Es wirkte, als hätten Thuram & Co. alles vergessen, was sie in den Wochen und Monaten zuvor gelernt hatten. Natürlich erinnerte der Gladbacher Trainer bei der Halbzeitanalyse in der Kabine seine Schüler daran. Etwas wissen und eigentlich können, aber es dennoch nicht umzusetzen – „es sind Menschen“, erklärte Rose das Phänomen.

Kaum widerlegbar wäre die Legendenbildung à la „Es wurde laut in der Kabine“ oder „Kabinenansprache“ gewesen. Doch Marco Rose setzte einen Kontrapunkt: „Der Knackpunkt war das 0:1!“ Das Tor der Bayern (Perisic, 49.) habe die Köpfe befreit, die vorher so darauf geeicht gewesen seien, einen Treffer des Deutschen Meisters zu verhindern. Mit der Münchner Führung aber löste sich sein Team von der Verhinderungseinstellung. „Ok, jetzt ist er sowieso drin“, hätten seine Spieler gedacht und dann zur verschütteten Offensivstärke zurückgefunden. Der Kopfball-Ausgleich von Rami Bensebaini (60.) genügte dann den Gladbachern auch nicht mehr. „Wir haben nicht das Remis verwaltet, wir haben auf Sieg gespielt, auf Sieg gewechselt.“ Die neue Bank-Stärke der Borussia: Mit Patrick Herrmann (64.) und besonders Breel Embolo (58.) erhöhte Rose den Druck und die Körperlichkeit der Angriffe.

Die Wende bereiteten die Bayern mit ihrer Führung ein, auch beim 1:2 assistierten die Gäste: Javi Martinez grätschte Thuram im Strafraum ab. Was folgte war Gelb-Rot für den spanischen Routinier und lange Minuten für Bensebaini. Während die Münchner intensiv und ausdauernd auf Schiedsrichter Marco Fritz einredeten und -schimpften, musste Gladbachs Matchwinner erst noch in seine Heldenrolle geschubst werden. „Nachdem Breel Embolo sich nach dem Fehlschuss gegen Freiburg erst mal hintenanstellen musste, hatte ich beschlossen, in der nächsten Partie zu schießen“, erzählte später der Algerier. „Aber irgendwie habe ich es dann vergessen.“ Nicht aber Tobias Sippel. Der Reserve-Torhüter der Gladbacher sprang von der Bank auf und rief Bensebaini in sein Vorhaben zurück. „Das werden wir jetzt immer so machen: Unser zweiter Keeper bestimmt den Elfmeterschützen“, flachste Rose. Aber auch der erste war mit der Wahl zufrieden: „Als ich sah, dass Rami den Ball nahm, war ich froh.“

Yann Sommers Trainings-Erfahrungen bewahrheiteten sich. Der Linksverteidiger schoss den Elfer so wie Gladbach in den letzten 30 Minuten spielte: mit Überzeugung und mit Präzision. Gegen den in die richtige Ecke fliegenden Manuel Neuer hätte auch ein gut geschossener Ball nicht gereicht, er musste schon ein sehr guter sein. „Spätestens jetzt ist Rami angekommen“, freute sich Vizekapitän Sommer.

Das unterstrich wenige Minuten zuvor auch Zeremonienmeister und Elfmetererzwinger Marcus Thuram: Bei seinem bereits Kult gewordenen Eckfahnenjubel hisste er das Bensebaini-Trikot mit der Nummer 25.