Mönchengladbach: Favres „grüne Revolution“ mit Granit Xhaka?

Mönchengladbach: Favres „grüne Revolution“ mit Granit Xhaka?

Lucien Favre ist ein grüblerischer Mensch. Gerne wälzt er einen Gedanken von links nach rechts in seinem auf Fußball fokussierten Hirn, bevor er eine Entscheidung fällt. Zwangsläufig fällt diese dann wohlüberlegt aus, sein Rationalisierungsprozess lässt keinen Platz für Bauchentscheidungen oder Experimente mit hohem Risikofaktor.

Sollte der Schweizer Tüftler ausgerechnet für das Spiel heute gegen Werder Bremen aus dieser Schublade springen? Sollte der notorische Bedenkenträger plötzlich zu einem risikofreudigen Hasadeur mutieren? Theoretisch hätte Favre die Möglichkeit, gegen die labilen Gäste richtig Sturm zu säen. Juan Arango links, Pa—trick Herrmann rechts, vorne Luuk de Jong und Amin Younes und als Zückerli mit Granit Xhaka neben Havard Nordtveit einen Mann auf der Sechser-Position, dessen Qualitäten eindeutig in der Offensive liegen — was Favre in der ersten Saisonphase leidvoll erfahren musste. Fünf Vorwärts-Liebhaber, zuletzt hatte der Mönchengladbacher Coach zwei (gegen Dortmund) bis maximal drei (in Frankfurt) auflaufen lassen. Die Doppel-Sechs war bis auf die Try-and-Error-Periode zu Beginn der Saison stets mit zwei defensiv ausgerichteten Spielern ausgestattet worden. Wenn es danach ginge, müsste etwa Lukas Rupp statt Xhaka vor der Abwehr spielen.

Was also spricht für diesen Sinneswandel? Vielleicht das breite Lächeln, das auf Favres Gesicht erscheint, bei der Frage, wie viel Offensivkräfte seine Mannschaft denn wohl verträgt. Womöglich auch noch mehr seine Antwort: „Möglichst zehn — Fußball total!“ Das ist sicherlich sein Anspruch, den er in sich trägt und versucht, an die raue Wirklichkeit anzupassen.

Borussia Mönchengladbach aber ist nicht der FC Barcelona. Und so schnuppern Favres Innenverteidiger allenfalls bei Standardsituationen gegnerische Strafraum-Luft. Martin Stranzl und Alvaro Dominguez haben eigentlich einen feinen Job: Große Distanzen müssen sie nicht zurücklegen, sie stehen überwiegend tief und vermeiden Ausflüge fast wie der Teufel das Weihwasser. Wobei der Österreicher sicherlich weniger darunter leidet als der Spanier: Dominguez ist aus der spanischen Liga mehr Vorwärtsdrang gewohnt, allerdings auch nicht per se mit höherem Kilometeraufwand: Die iberischen Klubs stehen gemeinhin auch höher.

Die grüne Revolution: Die bietet sich womöglich speziell gegen Bremen an. Nicht, weil das farblich gut zum norddeutschen Traditionsverein passt. Der Klub von der Weser weist nach Hoffenheim (49) die meisten Gegentore aus (48). Nur drei Mal schaffte es die Mannschaft von Thomas Schaaf zu Null zu spielen, alles Heimspiele. Und Lucien Favre erwartet, dass sie heute Abend „nicht die Flügel besetzen und mit fünf Mittelfeldspielern antreten“. Natürlich weist der Schweizer darauf hin, dass „Bremen viel Potenzial hat“. Aber überall — nur nicht in der Defensivarbeit. Und so könnten die Zuschauer im ausverkauften Borussia Park eine bisher recht selten gesehene — es sei denn, man versteht das Bemühen um möglichst viele Ballkontakte bereits als aktiven Fußball — Aktivisten-Gruppe sehen: selbst die Initiative ergreifen, den Gegner früh stören und zu Fehlern zwingen.

Tod dem Reaktionärs-Fußball, die Wiedereröffnung des Mönchengladbacher Spektakel-Doms: In der letzten Saison wurden die Zuschauer mit einem 5:0-Sieg über Werder Bremen verwöhnt. Womöglich wäre Lucien Favre im Jahre 1 nach Reus auch schon mit einem 5:4 zufrieden, auch wenn das nicht unbedingt ein breites Lächeln auf sein Gesicht zaubern würde.

Voraussichtliche Aufstellung: Ter Stegen - Jantschke, Stranzl, Dominguez, Wendt - Nordtveit, Xhaka - Herrmann, Arango - de Jong, Younes

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