Mönchengladbach: Favre: „Auch Raffael bekommt keine Geschenke“

Mönchengladbach: Favre: „Auch Raffael bekommt keine Geschenke“

Gut, das neue rote Hemd hat seine Frau gekauft. Doch die Farbe und auch der neue kurze Haarschnitt haben Symbol-Charakter: Lucien Favre setzt mit Borussia Mönchengladbach auf Angriff. Nach der Übergangssaison 2012/2013 soll der nächste Schritt im wahrsten Sinne nach vorne kommen: Sportdirektor Max Eberl hat 7,5 Millionen in die Abteilung Attacke investiert. Mit dem Schweizer Trainer sprach unser Redakteur Bernd Schneiders.

Hat Max Eberl Sie glücklich gemacht?

Favre: Gratulation an unsere Crew! Ich bin sehr zufrieden mit den Transfers. Wir freuen uns alle auf Kruse, Raffael und Kramer. Und wir sollten nicht vergessen, dass wir noch fünf, sechs Talente haben, die derzeit mittrainieren. Das sind eigentlich auch Neuzugänge. Und die sind unheimlich engagiert und machen richtig Druck. Zwei werden auf jeden Fall mit ins Trainingslager fahren.

Sie wirken sehr gelöst und motiviert. Ist Ihr Bauchgefühl ein anderes als in der letzten Saison?

Favre: Wir sollten nicht zurückblicken, nicht über die Vergangenheit sprechen. Es macht mir richtig Spaß. Wir werden unseren Aufbau weiter vorantreiben. Jetzt haben wir durch Kruse und Raffael mehr Flexibilität. Und auch Kramer ist sehr, sehr interessant.

Also werden Kruse und Raffael auf jeden Fall spielen?

Favre: Es gibt keine Garantie — für niemanden. Vorne sind wir nun gut aufgestellt, Kruse, Raffael, de Jong und man sollte auch Hrgota nicht vergessen, auch Younes ist noch da und Mlapa. Das ist richtig gut für Borussias Zukunft, dass solche Spieler da sind.

Trotz Ihrer Bauchschmerzen, die Sie mehrfach im Verlauf der letzten Spielzeit verbalisierten, hat Ihre Mannschaft bis kurz vor Schluss sogar noch um Platz vier mitgespielt.

Favre: Fast Vierter — das ist nicht die Wahrheit. Wir standen nur einen Punkt vor Hannover. Deshalb kann man nicht sagen, es hat nur wenig gefehlt. Wir hatten zu Beginn große Schwierigkeiten. Die Geduld zu verteidigen und nach vorne zu spielen, hat gefehlt. Wir haben attackiert — und fertig!

Da wird bei den offensiven Verstärkungen die Fans einiges erwarten. Zu Recht?

Favre: Die Mannschaft muss sich weiter stabilisieren. Wir sind alle ehrgeizig und wollen alle Spiele gewinnen. Aber wenn man die Bayern, Dortmund, Leverkusen und Schalke sieht — viele Plätze bleiben da nicht mehr, um sich international qualifizieren zu können, und Klubs wie Hamburg, Stuttgart oder Wolfsburg haben das als ihr klares Ziel formuliert.

Im letzten Spiel der vergangenen Saison haben Sie auf Luuk de Jong verzichtet. Eine Momentaufnahme oder ein Fingerzeig für die Zukunft?

Favre: Junge Spieler haben naturgemäß Höhen und Tiefen. Jeder Trainer der Welt stellt die Mannschaft auf, die er für die beste hält. Jeder kann sich im Training präsentieren. Und damals hatte Hrgota gerade drei Tore erzielt und auch Hanke im Training einen guten Eindruck hinterlassen.

Für de Jong ist die erste Saison nicht optimal verlaufen. Welche Rolle spielt er bei Ihnen?

Favre: Wenn er besser als andere ist, wenn er es verdient zu spielen, spielt er. Wir haben jetzt so viele Möglichkeiten. Mit de Jong und Raffael, mit de Jong und Kruse, mit Kruse und Raffael, und ich wiederhole: Vergessen wir nicht Hrgota! Egal ob wir 4-4-2, 4-2-3-1 oder 4-4-1-1 spielen: Das Wichtigste ist, dass die Spieler sich viel bewegen.

Kommt jetzt nach der Konsolidierung der nächste Schritt?

Favre: Überall, wo ich gearbeitet habe, sind die Mannschaften stärker geworden. Du willst immer mehr. Oft hat es aber zwei, drei Jahre gedauert, um ein Team zu entwickeln. Wir haben diesmal keinen Spieler verloren. Der Kader ist richtig gut — und wir haben noch viele Junge in der Pipeline.

Hätten Sie es auch gesagt, wenn Raffael nicht gekommen wäre?

Favre: Es war geplant, solche Spieler zu holen. Wir haben jetzt richtig gute Fußballer dazubekommen. Manchmal kannst du es schaffen, manchmal nicht. Auch mit Raffael sah es bis kurz vor der Verpflichtung gar nicht gut aus. Aber dann war es doch möglich. Das hat Max Eberl klasse gemacht. Ich hänge nicht von Raffael ab. Ein Trainer will nur Ergebnisse erzielen. Wir hatten andere Lösungen. Und ich werde auch ihm keine Geschenke machen.

Ist es für den Klub nicht gefährlich, einen Spieler zu holen, der so eng mit einem Trainer verbandelt ist? Sie bleiben ja auch nicht ewig...

Favre: Ich bin kein Trainer, der schnell wechselt. Es gab jede Saison Interesse an mir, gerade auch aus Frankreich. Ich hätte weg sein können. Aber ich mag es, Mannschaften zu entwickeln und bin etwa in Yverdon und Genf jeweils vier Jahre geblieben. Außerdem hat Raffael auch auf Schalke funktioniert. Zuletzt war er immer gut. Die Situation von Gladbach ist jetzt richtig interessant, die Zukunft langfristig positiv. Es kommt ein Mosaikstein zum anderen. Wir blicken jetzt nicht mehr zurück, sondern sind total zukunftsorientiert.

Und Raffael ist keiner mit ähnlich eigenbrödlerischen Zügen wie Juan Arango?

Favre: Ich habe seit ich hier bin nie ein Problem mit Arango gehabt, und er passt gut in die Mannschaft. Raffael hat Spaß an der Arbeit und in der Kabine, er läuft viel, kann verteidigen. Die Kollegen auf Schalke wollten unbedingt, dass er bleibt. Das sagt schon alles.

Was wollen Sie denn spielen?

Favre: Wir wollen alles beherrschen, obwohl das natürlich ein sehr hoher Anspruch ist. Die Mannschaft war einst eine Halbkontermannschaft. Zuletzt hatten wir schon mehr Ballbesitz. Aber all das braucht Zeit. Der FC Barcelona hat unter Guardiola auch nicht permanent ein Super-Pressing gespielt. Sie waren auch in der Rückwärtsbewegung extrem gut. Haben hinten oft mit zwei Ketten gespielt: vier und fünf. Nur Messi durfte machen, was er wollte. Sie waren defensiv top, top organisiert. Alle Top-Mannschaften sind das. Wie die Bayern. Die beherrschen auch die langen Schläge, etwa wenn sie unter Druck stehen. Langer Ball von Neuer — und Tor.

Was haben Sie denn in der letzten Saison gelernt?

Favre: Ich lerne jeden Tag. Nicht nur, was den Fußball betrifft. Ich bin ein sehr offener Mensch. Das musst du, um dich zu verbessern. Und etwas Neues zu erfahren, bereitet riesige Freude.

Haben Sie auch Fehler gemacht?

Favre: Wer sagt, er mache keine Fehler, ist dumm. Seit ich gekommen bin, mache ich Fehler. Auch im Abstiegskampf-Jahr.

Sind Sie mitunter zu kritisch oder negativ?

Favre: Ich bin eigentlich immer optimistisch und positiv. Sonst kannst du diesen Job nicht machen. Du musst den Spielern schließlich Energie geben.

Aber direkt nach Spielen wirken Sie manchmal überkritisch.

Favre: Ich sage immer die Wahrheit. Aber natürlich muss man seine Mannschaft auch mal schützen. Ein schlechtes Spiel zu verdauen, geht eigentlich schnell bei mir. Vielleicht bin ich manchmal zu ehrlich. Vielleicht muss ich meine Aussagen manchmal auch besser erklären. Aber wenn du die ganze Woche daran gearbeitet hast, bestimmte Fehler zu vermeiden, und sie passieren dann doch, bin ich schon arg frustriert und zeige das womöglich im ersten Moment zu sehr.

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