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Überzeugendes 3:1 gegen Werder: Ein Borussia-Sieg mit vielen Geschichten

Überzeugendes 3:1 gegen Werder : Ein Borussia-Sieg mit vielen Geschichten

Beim überzeugenden 3:1 gegen Werder Bremen steht nicht nur Doppeltorschütze Patrick Herrmann im Blickpunkt. Auch der algerische Neuzugang Rami Bensebaini feierte sein erstes Tor für die Borussia.

Marco Rose wird es gefallen. Der Mann, der so ungerne über einzelne Spieler spricht, der lieber das große Ganze – seine Mannschaft also – sieht und lobt, wird zu Hause beim Abspulen des Spiels vor seinem geistigen Auge viele interessante Geschichten gesehen haben, die beim 3:1 seiner Mönchengladbacher Borussen über Werder Bremen geschrieben wurden.

Da war etwa die emotionale Rückkehr von Patrick Herrmann, der seinen zweiten großen Tag innerhalb von 48 Stunden erlebte. Beim 2:1 am Donnerstag in der Europa League gegen AS Rom fehlte der Flügelflitzer. „Das hat schon weh getan, es nur im Fernsehen zu sehen.“ Doch er wurde tags drauf mit der Geburt seines ersten Kindes belohnt. Und zwei Tage später gab‘s noch einen kräftigen Nachschlag in Sachen Glücksmomente: Gegen Bremen traf er gleich zwei Mal und erzählte anschließend von seiner „Bekehrung“. „Viele haben mir vorher gesagt, dass so ein Erlebnis beflügeln kann. Das habe ich erst nicht gemerkt. Aber im Nachhinein muss ich sagen, es ist was dran!“

Die zwei Szenen, die Herrmann überzeugten: Eine Kopfballverlängerung von Marcus Thuram, der dabei von Werder-Keeper Jiri Pavlenka flachgelegt wurde, schoss der 28-Jährige ganz überlegt ins leere Tor (22.). Nach der Pause wurde Herrmann von Denis Zakaria angespielt, hatte zwei Abspiel­optionen (Thuram, Pléa) und dachte sich lieber: Ach, ich schieß ihn einfach mal selbst rein! Das machte er mit ungewohnter Überzeugung – 3:0 (59.). Zwei Tore, aber da er keine Zwillinge bekommen hatte, musste er sie anders aufteilen. Söhnchen Leonard widmete er seinen ersten Treffer, Ehefrau und jetzt Mama Sandra den zweiten. Viel hätte nicht gefehlt und der Stürmer hätte den Reigen noch erweitern müssen: Einen Freistoß kratzte Pavlenka mit Mühe aus dem Winkel (68.). Der Ausführung ging eine kurze Diskussion voraus, wie Herrmann erzählte: „Denis (Zakaria) meinte, der ist doch zu weit weg!“ Doch Hofmann glaubte an die Kraft der Glückshormone: „Jonas sagte: Lass ihn doch!“ Es reichte nicht ganz, aber die dritte Widmung hatte Papa Herrmann bereits im Kopf: „Für meine Mutter.“

Das erste Tor von Rami Bensebaini

Das erste Tor erzählt eine andere Geschichte: Die meisten Gladbacher Spieler und ihre Bewegungsabläufe haben die Besucher des Borussia-Parks gespeichert. Doch dann schraubte sich beim 1:0 jemand in die Höhe, legte den Oberkörper in der Luft vorbildlich zurück und wuchtete den von Laszlo Benes getretenen Freistoß ins Netz (20.) – irgendwie noch etwas fremd. Aber das erste Tor von Rami Bensebaini für die Borussia.

Entsprechend intensiv die Freude des algerischen Neuzugangs, der immer noch stark im Schatten von Platzhirsch Oscar Wendt steht. „Er ergänzt sich gut mit Oscar“, befand Marco Rose gebremst enthusiastisch. Was auch mit der zweiten Szene des 24-jährigen Linksverteidigers zu tun hat: Kurz vor Schluss grätschte Bensebaini wie schon öfter mal mit großem Risiko – Leonardo Bittencourt fiel, der Gladbacher sah Gelb-Rot (87.). Der Gefoulte, der in diesem Fall mal berechtigt fiel, verdarb den Gladbachern kurz danach mit seinem 1:3 die reine Weste.

Auch die dritte Geschichte erzählt von einem Spieler, der bei all der offensiven Dominanz von Thuram & Co. schon mal zu wenig beachtet und gewürdigt wird: Yann Sommer. Der Schweizer Goalie war an diesem frühen Sonntagnachmittag der Bauherr des nächsten Spitzenreitersteins: Erst parierte er mit einer Sensationsparade einen Kopfball von Maximilian Eggestein (42.). Dann hielt er spektakulär einen Strafstoß von Davy Klaassen (53., Videobeweis: Bensebaini tritt Osako auf den Fuß – erste Gelbe Karte). „Ich freue mich schon sehr“, gab Sommer nach einer langen Lobrede über seine Feldspieler zu. Es war sein erster Strafstoß-Coup nach zweieinhalb Jahren. „Dass wir einen hervorragenden Torhüter haben, ist bekannt“, konstatierte sein Trainer trocken.

Die Mentalität von Marcus Thuram

Und es gab noch eine vierte Geschichte, die rein statistisch den Vornamen Rand- tragen könnte. Sie erzählt von einem jungen Mann mit dem Körper eines Athleten, dem Herzen eines Kindes und der Mentalität eines Vollprofis. Er erzielte – diesmal – kein Tor. Aber Marcus Thuram erinnerte die Zuschauer immer wieder daran, worauf der momentane Erfolg zuvorderst beruht und dass er eigentlich auch ein kollektiver ist: Noch in den 80er Minuten spurtete der Franzose nach hinten, um in der Abwehr auszuhelfen, betrieb trotz des großen Substanzverlusts durch die englischen Wochen einen Riesen-Aufwand mit dem permanenten Anlaufen der ballbesitzenden Bremer. „Damit stachelt er alle anderen an“, analysierte Sportdirektor Max Eberl. Der Mitmach-Effekt. „Kollektives Toreschießen, aber auch kollektives Verteidigen“, skizziert der Manager die neue Qualität, die Rose aus seiner Mannschaft herauskitzelt. Tabellenführer wie bereits vor der letzten Länderspielpause. Nun die nächste – und Gladbach hat sich einen Vorsprung von vier Punkten vor Leipzig und Bayern München erspielt. „Wir bekommen nichts geschenkt, es ist alles hart erarbeitet“, sagte Eberl. Die erfolgreiche Synthese von Spiel und Arbeit kommt an. Und Marco Rose gesteht den Anhängern Titelträume zu: „Die Fans sind happy, dafür gehen sie ins Stadion, dafür sind sie treu – auch in schwierigen Zeiten.“ Gladbachs Trainer selbst denkt lieber kurzfristiger: „Am nächsten Spieltag bei Union Berlin!“ Von Spiel zu Spiel denken – was einem besonders leicht fällt, wenn es zugleich von Sieg zu Sieg ist.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Borussia besiegt Werder Bremen 3:1