Mönchengladbach: Eberl und der geplatzte „Kaisertransfer“

Mönchengladbach : Eberl und der geplatzte „Kaisertransfer“

In einer Tabelle der Bundesliga-Manager in der Disziplin Transfers würde Max Eberl sicherlich einen Champions-League-Platz einnehmen. Der Erfolg seiner Mönchengladbacher speist sich auch aus den Transfergewinnen, die der Sportdirektor mit seiner Ein- und Verkaufspolitik generiert.

In seiner fast zehnjährigen Schaffenszeit sammelte er Millionen und Erfahrungen. Seine Aufgabe für die kommende Spielzeit dürfte aber die größte Herausforderung als Kaderplaner sein.

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Nicht sonderlich verwunderlich betrifft das vor allem den so genannten Königstransfer. Von dem, was Borussia dieses Jahr dafür bereit war auszugeben, hätte man eher von einem „Kaisertransfer“ sprechen können. Niclas Füllkrug, 25-jähriger Torjäger von Hannover 96, wurde innerhalb weniger Wochen auf einen Ablösewert von 17 Millionen Euro hochgepokert. Zu viel für Eberl. Seit Freitag ist klar: Der Deal ist geplatzt.

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Borussia war nicht mehr bereit, das von Hannovers Präsidenten Martin Kind öffentlich betriebene Feilschen mitzugehen. Eifrig bemüht sich Füllkrug, die Wogen, die seine Wechselbereitschaft bei Hannovers Fans ausgelöst hat, zu glätten. „Die Reise hier ist noch nicht zu Ende — sowohl für mich als auch für den Verein“, wird der Stürmer in einer 96-Mitteilung zitiert. „Ich fühle mich sehr wohl im Club, identifiziere mich sehr mit 96, und jeder, der mich kennt, weiß, dass er keine Bedenken haben muss, dass sich künftig daran etwas ändert.“

Der Millionenrausch hat viel mit der Position des gebürtigen Hannoveraners zu tun. Einen Vollstrecker suchen nach dem abgeebbten Hype um stürmische Zwitterwesen und Neuneinhalber zahlreiche Klubs. Von dieser Spezies gibt es weltweit nicht viele. Erst recht nicht solche mit deutschem Pass, Bundesligaerfahrung und im „Mittel-Alter“. Denn das ermöglicht einserseits, ihn bei Bedarf möglichst mit Gewinn auch noch weiterverkaufen zu können. Andererseits übertreibt man es nicht mit der Anhäufung von jungen Spielern, die vordergründig erst mal Erfahrung sammeln müssen.

All das minimiert das Risiko, das jedem Transfer innewohnt. Und Gladbach und damit auch Eberl ist ein gebranntes Kind (und dies bezieht sich erst mal nicht auf den 96er-Präsidenten). Der Königstransfer der vergangenen Saison geriet zur Komplett-Enttäuschung. Und zum nicht unbedingt abschreckenden aber mahnenden Beispiel, dass selbst ein akribisch rauf- und runterüberlegter und in sich stimmiger Transfer zum Fehlgriff werden kann.

Vincenzo Grifo also, der der Gladbacher Idee entsprang, die Mannschaft durch einen technisch guten Linksfuß für die Seite mit Standard- und Abschlussqualitäten zu verstärken. Der damalige Freiburger erfüllte die Auschreibung ideal und war dank einer Ausstiegsklausel recht günstig (5 Mio. Euro). Doch den erhofften Mehrwert eines Juan Arango, der etliche Spiele im Alleingang entschied, erreichte der Deutsch-Italiener nie. Grifo scheiterte an mangelndem Durchsetzungvermögen, der Unfähigkeit und womöglich auch dem Willen, sich „gegen Widerstände zu behaupten“, wie es Trainer Dieter Hecking forderte.

Mehr als eine Saison Geduld zu haben, ist mittlerweile unüblich in der Bundesliga geworden. Nicht nur das Spiel ist schneller gewworden. Spieler wie Martin Dahlin können froh sein über die Gnade der frühen Geburt. Gladbachs schwedischer Torjäger verbrachte fast eine komplette Saison auf der Ersatzbank bzw. Tribüne (1991/1992) bis er erfolgreich durchstartete. Bei Grifo förderte das keine „Jetzt-zeige-ich-es-denen-mal“-Mentalität, er suchte die Gründe weniger bei sich selbst, lieber beim Trainer und flüchtete gen Hofffenheim.

Mangelnde Zweikampfqualität

Erschwerend kam für den Offensivspieler hinzu, dass er die mangelnde Zweikampfqualität und den fehlenden Grell nicht exklusiv hatte. Und mit der Beseitigung dieses Mankos hatte eben auch die Wahl Füllkrug viel zu tun. Neben seinen 14 Toren für die 96er in der vergangenen Spielzeit überzeugte der Hannoveraner Publikumsliebling besonders auch mit seiner Körperlichkeit (1,88 - 78 Kg) und seinem Einsatzwillen. Attribute, die für Eberl besonders wichtig sind. Fraglich, ob auch ein Alassane Pléa, Stürmer des ehemaligen Favre-Klubs OGC Nizza, diesem Anspruch genügt. Der Franzose mit malischen Wurzeln besitzt neben dem höheren Preis wahrscheinlich auch das größere Talent, aber Borussia braucht nicht nur einen Stoßstürmer, sondern auch einen Typen.

Diesen Filter hat Eberl auch auf einen Transfer aufgesetzt, der aktuell finalisiert wurde: Michael Lang, 27-jährige Rechtsverteidiger vom FC Basel und derzeit für die Schweiz bei der WM aktiv. „Michael Lang ist ein Außenverteidiger mit viel Offensivdrang und internationaler Erfahrung“, beschreibt Eberl. Der Spieler des Jahres 2017 der Schweizer Super League bringt nicht nur viel Erfahrung und Torgefahr mit, sondern noch viel mehr Herz. Hinter dem Primat dieser Qualität steckt letztendlich auch die Erkenntnis, dass die Tiki-Taka-Zeit für Arme unter Lucien Favre endgültig abgelaufen ist. Im Pass- und Positionsspiel des zukünftigen Dortmunder Trainers waren Zweikampffähigkeiten wenig gefragt und wurden auch nicht trainiert.

Hecking benötigt sie verstärkt für seinen Wunsch, seine Mannschaft für ein besseres Umkehrspiel und aggressiveren Ballgewinn fit zu machen. Max Eberl bemüht sich, seinem Trainer dafür das entsprechende Spielermaterial zu liefern. Aber liefern muss Hecking dann auch.

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