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Borussia Mönchengladbach: Das Kollektiv sorgt für den großen Erfolg

Borussia Mönchengladbach : Das Kollektiv sorgt für den großen Erfolg

Borussia Mönchengladbach zieht in die Champions League ein – weil beim Club ein Rädchen ins andere greift. Ab jetzt geht es „Unzähmbar durch Europa“.

Dem Mann, der den 2:1-Sieg von Borussia Mönchengladbach hinein ins Champions-League-Glück mit dem ersten Treffer einleitete, gebührt das erste Wort: „Alle Analysen sind jetzt egal“, sagte Jonas Hofmann direkt nach dem Abpfiff. Wohl an denn, kein Wort mehr über die fast groteske Fülle an hochkarätigen Chancen, die seine Mannschaft gegen Hertha BSC nach Hofmanns frühem 1:0 (7. Minute) liegenließ – 13:0 Torschüsse bis zur Pause, 23:5 insgesamt.

Reden wir lieber über Design: Am Ende der Saison ist es branchenüblich, dass Mannschaften in der Fußball-Bundesliga und auch in anderen Ligen dass Erreichte plakativ kommentieren. Zum Beispiel auf extra für diese Momente produzierten Trikots. Das war im zuschauerleeren Borussia-Park am Samstagnachmittag nicht anders. Um 17.17 Uhr streiften die Spieler die vorbereiteten Symbole ihres Triumphs über.

„Unzähmbar durch Europa“

Nun lohnt es sich eigentlich kaum, hierüber mehr als zwei, drei Worte zu verlieren. Anders bei den schwarzen Jerseys der Gladbacher: „Unzähmbar durch Europa“ lautete die aufgedruckte Parole. Eine leicht modifizierte Ausgabe der Sonder-Edition („Unzähmbar seit 1900“), die Borussia zuvor bereits entworfen, im Fanshop online angeboten hatte und deren Erlös größtenteils dazu diente, der Stadt Mönchengladbach eine große Stückzahl an Atemschutzmasken zur Verfügung zu stellen. Jetzt schwarz statt mint, Europa statt 1900. Was aber noch wichtiger war, stand nicht drauf: keine (textile) Spur von Champions League.

Die T-Shirts hätten auch bei Platz fünf und der Europa League getaugt. Waren die Gladbacher Verantwortlichen zu misstrauisch oder abergläubig, diesen Coup vorzeitig zu fixieren? Oder ist diese geographische Edition Ausdruck des Sparzwangs, der sich durch die Corona-Krise ergibt und für den Club durch eine Teilnahme „nur“ an der Europa League noch stärker ausgewirkt hätte? Wie auch immer, das Trikot ist polyvalent. Und das passt zu Gladbachs Spielern. Aber auch zu ihrem Trainer. „Es ist wichtig, die nötige Demut an den Tag zu legen“, sagte Marco Rose. Durchdrehen, abheben – für den Erfolgscoach kein Thema, auch wenn er nachsetzte: „Wir wollen es auch nicht kleinreden: Platz vier ist verdient.“

Der 43-Jährige wirkte in sich gekehrt, ruhig, offenbar ermattet von der finalen Anspannung, aber wie immer auch authentisch. Und dazu gehört auch ein wesentliches Manko, dass Rose selbst im Erfolgsfall nicht unerwähnt lassen wollte. „Nach dem Abpfiff habe ich sofort bemerkt: Da fehlt was!“ Das Publikum, die Gladbach-Fans, die überbordene Freude, die diese ins Stadion und womöglich auf den Platz gebracht hätten. Die 92 Minuten lieferten dennoch auch phonetisch ein Höhepünktchen – zwei Minuten vor dem Abpfiff. Jubel brandete auf, Reservisten, ausgewechselte Spieler, Betreuer und die Vereinsgranden wuchsen über sich hinaus und verliehen lautstark einer Einwechslung den würdigen Rahmen: die Abschiedsminuten von Raffael. Und die hätten fast zu einem drehbuchreifen Höhepunkt gesorgt. Doch der Ausnahmespieler scheiterte knapp daran, sein Abschiedsspielchen nach sieben erfolgreichen Jahren für den Club mit einem Tor zu krönen. „Dann wären 50 Mann auf den Platz gestürmt“, glaubt Rose. „Ich habe Riesen-Respekt vor Raffa, vor dem, was er für Borussia geleistet hat, und davor, dass er ein so toller Mensch ist.“

Lars Stindl hatte dem Brasilianer beim Wechsel die Kapitänsbinde übergeben. Eine Geste, die die Wertigkeit des Edeltechnikers auch für seine Teamkollegen ausdrückt. Und so war es wenig verwunderlich, dass fast alle nach dem Schlusspfiff von Schiedsrichter Deniz Aytekin auf Raffael zustürmten: Raffael Caetano de Araújo geht („als Freund“, wie Rose betonte) – die Champions League kommt (ab 21. Oktober). Was bleibt, ist eine Mannschaft mit Spitzenspielern und Teamplayern. Auch das demonstrierte ungewollt eine „Geste“ von Marcus Thuram, eines der neuen Gesichter Borussias. Mit einem Klaus-Schlappner-Gedächtnishut auf dem frisch grüngefärbten Haupthaar war der französische Torjäger auf Krücken von der Tribüne rechtzeitig zum Jubeln hinuntergehumpelt. Der Gips am linken Fuß hinderte ihn nicht am kollektiven Tanz teilzunehmen, zwang ihm obendrein noch eine Haltung ab, die wie ein Kniefall vor jedem einzelnen seiner Kollegen wirkte.

Und Hoffmann mag es entschuldigen, wenn wir deshalb noch mal zum Spiel zurückkehren. In Person von Breel Embolo. Der Ex-Schalker wurde besonders wichtig, als Thuram und Alassane Pléa ausfielen. Das bringt einen Fußballlehrer wie Rose nicht zum Schwärmen. Aber zum Loben: „Wir wissen, was er kann. Ich könnte aber auch sagen, dass da noch mehr geht.“ Die Vorbereitung zum 1:0 und sein Treffer zum vorentscheidenden 2:0 (78.) waren aber eindrucksvoll genug. Vor allem, weil er nach seiner Verletzungspause noch nicht ganz fit war. „Hut ab! Er hat die Schmerzen in den vergangenen drei Wochen hingenommen und sich reingeschmissen.“

In der Post-Thuram/Pléa Ära im allgemeinen, aber besonders eben auch in der Vorbereitung zu Hofmanns Baldrian-Tor gegen Hertha. Und das ließ Rose das Hohelied des Kollektivs singen. Ein Jammern über Verletzungspech war vom Gladbach-Trainer nie zu hören. „Wir haben uns darauf konzentriert, was da ist.“ Ein Lob für den Kader und damit auch für Sportdirektor Max Eberl. „Alle Jungs waren klasse, ob Fabian Johnson oder Tobias Strobl – jeder hat in einer bestimmten Phase zum Erfolg beigetragen. Das spricht fürs Team.“ Auch für die kommende Saison. Aber Platz vier mit 65 Punkten, zehn mehr, als eine Spielzeit zuvor, sind keine Garantie. „Nie zufrieden sein“, fordert Rose. „Wir fangen wieder bei Null an.“