Ein Kullertor und zwei „Böcke“: Borussia nur effizient bei den „Eigentoren“

Ein Kullertor und zwei „Böcke“ : Borussia nur effizient bei den „Eigentoren“

Das Regelwerk des Fußballs besitzt Lücken. Diese schmerzhafte Erfahrung musste Borussia Mönchengladbach am Samstagnachmittag machen. Berechtigterweise erhielt der Tabellendritte nach dem 0:3 gegen den VfL Wolfsburg keine Punkte.

Das ist hart genug angesichts der süßen Aussicht, einen weiteren Schritt Richtung Champions-League-Teilnahme verpasst zu haben. Noch schlimmer aber wird dieser Rückschlag durch das Wissen, dass der VW-Klub diesen überraschend hohen Sieg nicht aktiv verdient hat. Etliche Großchancen auf Borussia-Seite stehen ein Kullertor durch Yannik Gerhardt, der sich bei der ersten Torannäherung in der 38. (!) Minute selbst anschoss und damit Yann Sommer überwand, und „zwei Böcke“, wie Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl formulierte, gegenüber.

Die zwei „Eigentore“ durch Nico Elvedi (68.) und Oscar Wendt (83.), ausgenutzt jeweils durch den eingewechselten Admir Mehmedi, taten auch deshalb besonders weh, weil beide Spieler bis dahin eine grandiose Saison hingelegt haben. Und sie versetzten Bruno Labbadia in den Stand, die Leistung seiner Wolfsburger als „wahnsinnig effizient“ schönzumalen. Der Begriff aber setzt eigentlich eine aktive Aktion voraus, die ominösen Treffer aber waren weit davon entfernt. Sie waren einfach wahnsinnig dämlich aus Gladbacher Sicht.

All das wird Eberl mächtig aufgewühlt haben. Explosionsartig entlud sich der Frust des Managers, als in der Mixedzone die erste Frage so weit danebenlag wie die meisten Schüsse seiner Profis. „Fragt mal sportlich“, herrschte Eberl die Journalisten an. Und erntete erst einmal erschrockenes Schweigen. Abseits allen verständlichen Frustes hatte die Fragerichtung aber auch mit einem Phänomen zu tun, das der temperamentvolle Bajuware selbst später etwas versöhnlich benannte: „Alles kann man nicht erklären.“

Dem stimmte auch sein Trainer zu. Doch Dieter Hecking wird noch mehr als der Sportdirektor dafür bezahlt und auch benötigt, selbst Unerklärliches fass- und korrigierbar zu machen. Der Westfale machte dies in seiner unnachahmlich ruhigen Art. „Fehlende Konsequenz“ hatte er in den 94 Minuten bei seinen Profis entdeckt. Und damit deckte er gleich beide Seiten der Niederlagen-Medaille ab: die defensive, aber auch die offensive. Denn allein Florian Neuhaus hätte in der ersten Hälfte drei Tore erzielen können (22., 26., 27.), eins bis zwei müssen. Und auch Thorgan Hazards Möglichkeit nach der Pause gehörte zur Kategorie 99,9 prozentig. Doch der Belgier, der derzeit ebenso wie der spät eingewechselte Alassane Pléa seiner Bestform hinterherläuft, zielte auf die kurze statt die lange Ecke und schenkte damit Wolfsburg-Keeper Koen Casteels eine spektakuläre Rettungstat.

„Einmal steht Knoche im Weg, einmal Casteels“ schilderte Chris Kramer die dicksten Chancen, bei denen das Tor eigentlich leichter zu treffen war als ein Wolfsburger. „Zu sagen, Mensch, konzentriere Dich mehr vor dem Tor, ist Quatsch. Dafür geht das viel zu schnell“, sagte der Mittelfeldspieler, der mit einer sehr engagierten Leistung auffiel.

0:3 gegen Wolfsburg, 0:3 zwei Wochen zuvor ebenfalls im Heimspiel gegen Hertha – doch den Filmtitel „Und täglich grüßt das Murmeltier“ mochte Lars Stindl nicht zu hundert Prozent übernehmen. „Wir hatten mehr klare Torchancen als gegen Berlin“, befand der Kapitän. Den Vorwurf, selbst zu zögerlich gewesen zu sein und die Verantwortung zum Abschluss mit einem weiteren Pass auf den Nebenmann (Neuhaus) weitergeschoben zu haben, mochte der Routinier aber nicht auf sich sitzen lassen. „Im Nachhinein kann man das vielleicht sagen. In meinen Augen aber war das die richtige Entscheidung: Die Wahrscheinlichkeit war etwas höher.“

Im generellen Nachhinein der vergangenen Spiele aber schimmert doch recht deutlich eine überwunden geglaubte Zaghaftigkeit durch die Gladbacher Offensivrüstung. „Ich mache mir keine Sorgen, weil wir uns viele Torchancen kreieren, was echt gut ist. Wir müssen den Ball einfach nur hinter die Linie bringen“, schlug Kramer vor. „Aber man sollte das nicht großartig thematisieren, weil sonst fängt irgendwann der Kopf an zu arbeiten, wenn man aufs Tor schießen will.“

Eine fehlende Lockerheit hatte auch Max Eberl entdeckt. Die aber ist für Hecking im Training nur schwer zu erarbeiten. Und der sieht auch nur wenig Sinn darin, die „Eigentore“ von Elvedi und Wendt zum Unterrichtsstoff in der Trainingswoche zu machen. „Beide wissen sehr gut, was sie gemacht haben.“ Helfen könnte eher der Gegner im erneuten Heimspiel am kommenden Samstag. „Jetzt kommen die Bayern, da machen wir es besser“, sagte Eberl. Die Gefahr, gegen das Münchner Starensemble erneut ausschließlich selbst für das dritte Heim-0:3 in Folge verantwortlich zu sein, dürfte auf jeden Fall geringer sein.

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