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Borussia Mönchengladbach: Trainer Adi Hütter wird infrage gestellt

Borussia Mönchengladbach : Die nächste Eskalationsstufe ist erreicht

Nach der Blamage im DFB-Pokal beim 0:3 gegen Hannover 96 von Borussia Mönchengladbach wird auch Trainer Adi Hütter infrage gestellt. Die sportliche Krise wird immer unfassbarer.

Liebe Leserinnen und Leser! Falls Sie es noch nicht gehört haben: Der Kader von Borussia Mönchengladbach besitzt viel Qualität. Es gab (zu) viele Anlässe für Trainer Adi Hütter, darauf hinzuweisen. Immer dann, wenn der Fußball-Bundesligist eine schlechte Leistung gezeigt hat. Damit wollte der 51-Jährige Hoffnung verbreiten für diejenigen, die sich Sorgen machten.

Nach der 0:3-Niederlage und dem damit verbundenen Aus im DFB-Pokal beim Zweitligisten (!) Hannover 96 sagte der Österreicher das nicht mehr. Einmal, weil in dieser vermeintlichen Qualität eben keine Hoffnung mehr besteht. Noch eher aber, weil er verstärkt der Unfähigkeit angeklagt werden würde, diese Stärken nicht auf Dauer auf den Platz zu bringen.

Damit hat die Krise des Traditionsclubs eine neue Dimension erreicht. Die „traditionell“ nächste Eskalationsstufe ist erreicht: Für immer mehr Beobachter und Medien wird aus dem Problemlöser Adi Hütter ein Teil oder sogar der Hauptteil des Problems. Das ist griffiger und damit einfacher, um einen schier unfassbaren sportlichen Niedergang zu erklären.

Ungewollt trägt auch Lars Stindl dazu bei. Ausführlich schilderte Gladbachs Kapitän, die Ausgangslage vor dem Spiel. „Wir haben die Spiele von gestern angesehen und sind mit Euphorie hierhergefahren“, schilderte der Ex-Hannoveraner den gemeinsamen TV-Abend vom Dienstag. Der Hamburger SV und vor allem der FC St. Pauli hatten dabei demonstriert, wozu Zweitligisten gegen Erstligisten fähig sind. Und besonders das verdiente Pokal-Aus von Borussia Dortmund mit ihrem ehemaligen Trainer Marco Rose in St. Pauli war eine Warnung, wie man eine derartige Partie nicht angehen sollte.

Sogar, was den Spielverlauf anging. Aber wie die BVB-Profis ließen sich Stindl & Co. vom Blitzstart der 96er überraschen. Ein Unterschied war in der Folge allerdings, dass die Leistung der Hütter-Elf noch erbärmlicher als die der Dortmunder war. Und dass die Hannoveraner dem 4:0 näher waren als der Gast einem eigenen Treffer.

Man kann im Pokal durchaus – knapp – gegen einen sich in einen Rausch spielenden Außenseiter verlieren. Alltag im Fußball. Aber nicht so, dass selbst ein Trainer, der immer auf seine Wortwahl achten muss, nicht umhinkommt, von „blamabel“ zu sprechen. Auch Stindl wirkte fassungs- und ratlos. Selbst die Möglichkeit, dass die Gladbacher nicht gewollt hätten, wäre ein Ansatz gewesen, die Misere zu erklären und mit entsprechenden Maßnahmen zu beheben. Doch die Erstliga-Profis, die mit der unglaublichen Qualität, versuchten es sogar. „Ich verstehe es nicht, wenn man eine große Chance hat, etwas Großes zu schaffen. Wir haben es vorher angesprochen, auch in der Halbzeit. Ich verstehe es einfach nicht“, sagte Stindl hilflos trotz aller Erfahrung. „Wir bekommen keine Energie und Intensität auf den Platz, wir kommen gar nicht an den Gegner hin, laufen nur vereinzelt an, kommen gar nicht in die Zweikämpfe, wir laufen hinterher, treffen bei den Toren persönlich falsche Entscheidungen.“

Eine anschauliche Beschreibung, keineswegs aber neu. Ebensowenig wie die Schlussfolgerung: „Man muss nicht nur reden, sondern es auch umsetzen“, sagte am Mittwoch Lars Stindl über die guten Worte innerhalb des Teams zuvor. Es gab vor kurzem eine wortgleiche Aufforderung von Christoph Kramer, ebenfalls nach einer sportlichen Offenbarung – man weiß schon gar nicht mehr nach welcher: Es werden zu viele.

Max Eberl liebt es, bei seiner Kadergestaltung von einem Puzzle zu sprechen. Seit dem Mittwochabend ist der Begriff Scherbenhaufen eher angebracht. Den zu kitten, wird schwer werden, nicht nur für die bereits am Samstag anstehende Liga-Aufgabe im Borussia-Park gegen Union Berlin (15.30 Uhr). Die allgemein anerkannte und goutierte Qualität des Kaders hatte nach Rose auch Hütter an den Niederrhein gelockt – sogar ohne internationalen Wettbewerb. Doch wie sein Vorgänger muss der einstige Frankfurter Erfolgscoach die Erfahrung machen, dass in Schlechtwetterlagen die Zusammensetzung der Spielerschar eine leistungsfeindliche ist. Aktuell wird sie gefördert durch Verletzungen und Corona-Einflüssen bei der Transferpolitik, unter Rose von der frühzeitigen Bekanntwerdung seines Abgangs Richtung BVB.

„Nein“, Angst um seinen Job habe er nicht, sagte Hütter. Ich mache mir heute mehr Gedanken, wie wir gespielt haben.“ Schlecht, simpel gesagt. Kollektiv schlecht: „Wir haben falsche Entscheidungen getroffen, die wichtigen Zweikämpfe verloren und in Umschaltsituationen, in denen wir in Überzahl waren, zu langsam gespielt. Ich bin sauer, dass wir ausgeschieden sind“, analysierte Hütter.

Der 51-Jährige hat aktuell wenig Glück mit seinen Entscheidungen. Nach der Verbannung auf die Ersatzbank gegen Bayer Leverkusen durfte Matthias Ginter diesmal gemeinsam mit Neuzugang Marvin Friedrich auflaufen. Ginter, Nico Elvedi, Friedrich, eine durchaus beeindruckende Abwehrreihe – allerdings ohne jeden Effekt: drei Gegentore widersprechen jeglichem Ansatz von defensiver Stabilität.

Und auch in der Offensive mag Hütters Ansatz nachvollziehbar sein. Doch Marcus Thuram und Alassane Pléa enttäuschten erneut. Dass es daran lag, dass beide sich zu sehr mit neuen Arbeitgebern beschäftigen ist eine beliebte Erklärung. Doch genausowenig wie eine mögliche miese Stimmung, ausgelöst durch das Ginter-Theater, taugt dies als Alibi. Die Probleme stecken tiefer und sind struktureller Art. Der angestrebte und alternativlose Einbau von Jungspielern kann nur funktionieren, wenn eine gesunde Basis existiert. Doch die ist – sportlich – ernsthaft krank.