Mönchengladbach: Borussia findet das Limit nicht

Mönchengladbach: Borussia findet das Limit nicht

Ungewollt versinnbildlichte Granit Xhaka das Außergewöhnliche an diesem Nachmittag: Drei Sorgenfalten zeigten sich auf dem sonst so glatten Gesicht des Schweizers beim Gespräch in der Mixed-Zone. Seine Mimik zumindest hat Mönchengladbachs Mittelfeldspieler im Griff.

Schließlich hatte seine Mannschaft gerade zum ersten Mal in dieser Saison drei Gegentore kassiert, mit dem 1:3 gegen Eintracht Frankfurt die zweite Niederlage in Folge und die erste Heimpleite der Spielzeit hinnehmen müssen.

Nur wenige Minuten vor dem anders als sonst recht gedämpften Auftritt des 23-Jährigen hatte er nicht nur seine Gesichtszüge nicht unter Kontrolle. In der Nachspielzeit ballerte Xhaka den Ball in den Mönchengladbacher Himmel, nachdem sein Tor zu unrecht wegen Abseitsstellung annulliert worden war (gleiche Höhe), und sah Gelb. Eine Minute später bahnte sich sein Frust erneut Bahn, diesmal nicht auf Kosten des Balles, sondern des eingewechselten Sonny Kittel, den er auf Höhe der Mittellinie abgrätschte — zweite Verwarnung, Gelb-Rot.

Mit dem Spiel hatte dies nur noch wenig zu tun. Aber es passte zu einem verkorksten Nachmittag, der sich so begeisternd anließ. Nach 15 Minuten hatten wohl alle 54.010 Zuschauer im ausverkauften Borussia-Park das Gefühl, die Partie hätte schon längst entschieden sein können. Zu groß war die Spielfreude der Gladbacher und zu groß die Schwierigkeiten der Frankfurter, deren Abwehrreihen ein ums andere Mal auseinandergerissen wurden. Der Schuss von Havardt Nordtveit, der seinen abgefälschten Weg ins Eintracht-Tor fand, war viel zu wenig (5.). „Wenn wir früh 1:0 führen und gut spielen, heißt das noch lange nicht, dass wir das Spiel gewonnen haben“, analysierte Gladbachs Sportdirektor Max Eberl. Das stimmt einerseits, andererseits hieß es bis dahin noch nie in dieser Saison, dass seine Borussia verloren hat, nachdem sie 1:0 geführt und gut gespielt hat. Und dann gleich 1:3.

Was also war geschehen gegen Frankfurt? „Nein mit dem Fehlen von Stranzl hatte das nichts zu tun“, urteilte der Manager und entzog seinen Spielern damit ein billiges Alibi. Der Abwehrchef musste wegen seiner Oberschenkelprobleme passen. Alvaro Dominguez rückte in die Innenverteidigung, Oscar Wendt übernahm dessen Position links in der Viererkette. Doch die Stoßrichtung der Warum-Frage war richtig: Das verblüffenste an dieser Niederlage war die Abwehrschwäche der Favre-Elf. So viele Chancen wie gegen die Hessen hatte sie bis zur Niederlage in Dortmund noch nicht mal in allen zehn Ligaspielen zusammen zugelassen. „Es waren nicht die Abwehrspieler“, stellte sich Borussias Coach vor die Viererkette.

Dabei war es verlockend, etwa Wendt, der allzu häufig in Probleme kam, zum individuellen Täter zu stempeln. „Die Lücke zwischen Mittelfeld und Viererkette war viel zu groß“, entlastete Favre auch den Schweden. Hatte man bis vor Kurzem noch gedacht, an schlechten Tagen, wenn die Kombinationsmaschinerie nicht in Schwung käme, könnte sich Gladbach immer noch auf seine defensive Stabilität zurückfallen lassen, lieferten Xhaka & Co. spätestens gegen Frankfurt den Gegenbeweis. Zu weit weg von den Gegenspielern, nach den ersten 20 Minuten zu häufig nur zweiter Sieger in den Zweikämpfen: das Abwehrproblem war und ist ein kollektives.

Marc Stendera (54.) und Alex Meier (57.) nutzten diese Räume zur Gästeführung. Und ausgerechnet Gladbachs Bester, Yann Sommer, leitete die endgültige Entscheidung mit einem überhasteten Zuspiel ein, das Takashi Inui zum 3:1 nutzte (73.). „Das war mein Fehler“, zeigte sich dieser Schweizer sehr reuig. Sein Landsmann beschrieb nur versehentlich seine Fehler. „Wir haben in der zweiten Halbzeit sehr dumm gespielt“, sagte Xhaka. Kopf und Füße des Sechsers waren nach seiner Verletzungspause für die Anforderungen eines „engen“ Fußballspiels noch nicht gerüstet.

Und sein Trainer enttarnte obendrein eine fast kollektive Vergiftung seiner Spieler. „Wir haben zu viele Komplimente bekommen. Das war nicht die Wahrheit und nicht optimal. Ich habe versucht zu bremsen.“ Beim Dauerbremsen aber nimmt der Wirkungsgrad ab. Und das führt zu einer schmerzhaften Lektion, die aber auch heilsam sein kann: So gut, wie die Gladbacher es mittlerweile selbst glauben, sind sie nicht. „Wir müssen jedes Spiel ans Limit gehen“, konstatiert Favre. Am Samstag haben seine Schüler diese Grenze nicht erreicht und deshalb grenzenlos enttäuscht.