Champions League-Rückspiel: Barça und die doppelte Erinnerung an Rom

Champions League-Rückspiel : Barça und die doppelte Erinnerung an Rom

Die Katalanen träumen vom Triple und sind vor dem Viertelfinalrückspiel gegen United aus dem vergangenen Jahr gewarnt

Anfang des Jahres war die „10-year-challenge“ einer der vielen kurzfristigen Trends in den Sozialen Netzwerken. Menschen teilten im Internet unter diesem Hashtag Bilder aus 2009 und 2019 – einer Zeitspanne von zehn Jahren. Nicht selten gaben die Fotos von 2009 Grund zum Schmunzeln; der Geschmack, was Frisuren und Outfits angeht, kann im jugendlicheren Alter bekanntlich schon mal fragwürdig sein.

Wer Bilder des FC Barcelona aus dem Jahr 2009 betrachtet, sieht vor allem eins: jubelnde Spieler, die sechs Trophäen hochhalten: Meisterschaft, Pokal, Champions League, nationaler und europäischer Supercup sowie der Weltpokal. Ein bis zum heutigen Tage einmaliger Erfolg, den die vom damaligen Trainernovizen Pep Guardiola angeführten Katalanen schafften.

Zehn Jahre später träumen sie rund um das Camp Nou von einer Wiederholung. Wenn schon nicht vom historischen Sextuple, dann zumindest vom Triple. Die spanische Zeitung„Sport“ rechnete auf der Titelseite vergangene Woche bereits vor: „9 partidos para el triplete“ – neun Spiele für das Triple. Die Chancen dafür stehen gut. Die Meisterschaft ist bei neun Punkten Vorsprung auf Atlético Madrid sechs Spieltage vor Schluss zum Greifen nahe. Im Pokalfinale Ende Mai wartet mit dem FC Valencia ein traditionell unangenehmer, aber nicht angsteinflößender Kontrahent. Bleibt die Königsklasse. Wo am heutigen Dienstag (21 Uhr) im Viertelfinalrückspiel mit Manchester United der Endspielgegner aus dem Jahr 2009 wartet, der damals in Rom beim 2:0 spielerisch regelrecht auseinandergenommen wurde.

Die Erinnerung an die Gala in Italiens Hauptstadt ist in Katalonien allgegenwärtig. Ein bisschen Sehnsucht schwingt dabei bei Teilen von Barças Anhängerschaft mit. Denn anders als beim zähen 1:0-Sieg im Hinspiel vor einer Woche brillierte 2009 das Mittelfeld um die drei Mittelfeldgenies Busquets, Xavi und Iniesta – das Zentrum der von Johan Cruyff eingeführten und von Pep Guardiola weiterentwickelten Spielidee des Ballbesitzfußballs. Im Old Trafford waren am Mittwoch jedoch die Innenverteidiger Gerard Piqué und Clément Lenglet die auffälligsten Spieler der Katalanen – wie so oft in den vergangenen Monaten. Das wie im dritten Frühling spielende Barça-Urgestein und der französische Neuzugang bilden ein kaum überwindbares Abwehrduo; die Katalanen kassierten in dieser Champions-League-Saison erst sechs Gegentreffer – Bestwert.

Ergebnisorientiert und erfolgreich

Pragmatismus, Stabilität und Effizienz, gepaart mit individuellen Glanzleistungen des Ex-Gladbacher Torhüters Marc-André ter Stegen und der beiden Superstars Luis Suárez und Lionel Messi, sind das Merkmal des FC Barcelona, seit Ernesto Valverde im Juli 2017 das Traineramt übernahm. Der 55-Jährige hat den Katalanen eine häufig sehr kritisch betrachtete ergebnisorientierte, aber gleichzeitig auch sehr erfolgreiche Spielweise eingeimpft. „Valverdes Arbeit ist außergewöhnlich. Barça ist auf dem besten Weg zum Triple“, gestand der nicht weniger pragmatisch denkende Trainerkollege Diego Simeone nach Atléticos 0:2-Niederlage vor anderthalb Wochen ein. „Wir spielen gegen den Favoriten des Wettbewerbs“, sagte United-Coach Ole Gunnar
Solskjaer anerkennend vor dem heutigen Rückspiel.

Barça also unaufhaltsam? Das dachten viele Experten bereits 2018. Doch dann kam die „Schmach von Rom“, als die Blaugrana nach einem 4:1-Sieg im Viertelfinal-Hinspiel in der Ewigen Stadt mit 0:3 baden ging und gegen Außenseiter AS Rom noch ausschied. Trainer Valverde musste sich damals die Frage gefallen lassen, warum er unmittelbar vor dem Rückspiel, angesichts eines komfortablen Vorsprungs in der Liga, seinen Stars keine Pause in der Partie gegen CD Leganés gönnte. Barça wirkte damals in Rom körperlich und geistig müde. Selbst Mentalitätsmonster Suárez gestand später ein, dass er es „bereut, gegen Leganés 90 Minuten gespielt zu haben“ und gab deutlich zu verstehen, dass Mannschaft und Trainer daraus lernen sollten.

Valverde scheint sich die Worte des Uruguayers gemerkt zu haben. Am vergangenen Samstag rotierte der auch in diesem Punkt sehr konservativ agierende Trainer so stark, dass „Mundo Deportivo“ angesichts der Aufstellung mit einem Durchschnittsalter von knapp über 24 Jahren „Baby Barça“ titelte. So durfte unter anderem der aus Eupen verpflichtete Senegalese Moussa Wagué (20) gemeinsam mit dem katalanischen Nachwuchstalent Riqui Puig (19) beim 0:0 in Huesca in einem Ligaspiel debütieren. Mittelfeld-Abräumer Arturo Vidal gestand nach dem torlosen Remis beim Tabellenletzten ein: „Wir haben an Manchester gedacht. Alle, die heute gespielt haben, und auch alle, die zu Hause geblieben sind.“ Valverde selbst sagte nach der Partie über die Rotationen: „Es war eine schwierige Situation, doch ich habe verstanden, was zu tun war.“

Auch Superstar Messi, der sich beim Hinspiel bei einem Zweikampf mit Chris Smalling eine blutige Nase geholt hatte, bekam eine Pause. Der Kapitän hatte bei der Saisoneröffnung 2018/19 deutlicher als seine Amtsvorgänger angekündigt, was in diesem Jahr das Hauptziel sei: der Gewinn der Königsklasse. Wie zuletzt 2015. Und wie 2009 in Rom. Mit einer anschließenden Siegesfeier im Camp Nou, bei der der damals noch wie ein Teenager wirkende Argentinier für einige Lacher sorgte, weil er mehr als offensichtlich betrunken war. Zumindest Messi würde als einer der wenigen Barça-Spieler also nicht ganz ohne Scham an der 10-year-challenge teilnehmen – und bei einer möglichen Feier 2019 auch seine Lehren aus der Erinnerung an Rom ziehen.

Mehr von Aachener Nachrichten