Walchsee: Sicherheitsnetz für Alemannias Trapezkünstler

Walchsee: Sicherheitsnetz für Alemannias Trapezkünstler

Nach dem Training wartet Erik Meijer auf Thomas Zdebel. Der Sportdirektor legt ihm den Arm um die Schultern, die Männer tauschen sich aus. Zdebel ist ein wichtiger Gesprächspartner, denn er hat etwas der Mannschaft voraus: Erfahrung. Die Karriere begann vor 20 (!) Jahren bei Rot-Weiß Essen.

Mehr als 400 Pflichtspiele, 14 Länderspiele für Polen.

Im Winter 2009 heuerte Zdebel bei Bayer Leverkusen an. Als „Sechser mit Zusatzzahl” hat er das Angebot vor anderthalb Jahren bezeichnet. Das Urteil hält er auch heute noch aufrecht, obwohl nur noch ein Dutzend Spiele beim Bundesligisten dazugekommen sind.

„Ich habe dort viel Zustimmung und Anerkennung erfahren, die nicht sportlich definiert war”, sagt Zdebel. Das könnte ein schöner Schlusssatz für eine schöne Karriere sein. Zdebel hatte die Option, noch ein Jahr die Jugend bei Bayer anzuleiten, das war lukrativ, Sympathie garantiert.

Man könnte sich zurücklehnen, nach fast 20 Profijahren muss man nichts mehr beweisen. Aber als hoch gelobter Pädagoge wollte der 37-Jährige nicht aus dem Profileben scheiden. Er will es immer noch beweisen. „Ich habe einfach die Erkenntnis, dass ich einer anderen Mannschaft mehr helfen kann als Bayer.”

Diese andere Mannschaft heißt Alemannia. Nachdem Meijer ihm seine Pläne erörtert hatte, musste Zdebel nicht einmal eine Halbzeit lang überlegen. Er will seine Karriere als geschätzter Spieler ausklingen lassen. Die Qualität bringe er mit, versichert Aachens erster Neuzugang.

Da schimmert immer sein für Fußballer biblisches Alter durch. Zdebel schneidet das Thema selbst an, als müsse er sich ungefragt verteidigen. „Alter und Name spielen keine Rolle. Es gibt nur gut oder schlecht. Und die Betonung beim Trainer und bei mir liegt auf ,gut´.”

Der älteste Feldspieler der Liga muss den jüngsten Profitrainer der Liga natürlich dennoch siezen. Mit 37 Jahren sind Zdebels Ex-Kollegen längst im Reich der Anekdoten untergetaucht oder basteln am zweiten Karriereweg. Der Mittelfeldspieler dagegen sucht die nächste Herausforderung.

Und so taucht er auf in dieser jungen Mannschaft. Kein Lausbub mehr, ohne jeden Übermut. Zdebel ist einer der ruhigen Vertreter, der beobachtet. Er verschafft sich den Überblick, wägt ab, bleibt gelassen. Vielleicht ist Zdebel das Sicherheitsnetz für die Trapezkünstler rechts und links neben ihm im Mittelfeld. Einer, der Gefahren rechtzeitig erkennt und rechtzeitig den Alarmknopf drücken kann. Vielleicht spielt die Mannschaft gerade so wie ein Kind Fahrrad fährt, wenn zum ersten Mal die Stützräder abmontiert werden. Es fehlte an Sicherheit, am Gleichgewicht und in allen Bewegungen an der Stabilität. Da kann ein erfahrener „Vater” durchaus helfen.

Drei Kinder - die Zwillinge werden im Sommer noch eingeschult - hat er schon. Kommen jetzt noch ein paar Racker dazu? Nein, grinst er, er sei nicht als Kindergärtner nach Aachen gekommen. „Den Spielern muss man nichts beibringen, die kommen alle aus gutem Hause.”

Sein Wort hat schnell Gewicht bekommen, „das Team ist sehr lernwillig”. Die ersten Eindrücke? „Die Gruppe sehnt sich nach Disziplin und Struktur.” Die letzte Saison hat Alemannia nicht weitergebracht, die Mannschaft hat sich durchgewurstelt, sie hat sich nicht entwickelt. „Das Team will an die besseren Zeiten anknüpfen.” Der Nachlass aus der letzten Spielzeit ist überschaubar, viel Selbstvertrauen gab die verkorkste Saison nicht her. „Ich habe die Euphorie in Aachen als Spieler oft gespürt. Sie ist ein bisschen verloren gegangen. Wir möchten sie zurückholen. Das wird nicht einfach, weil das Publikum zu Recht skeptisch ist. Wir müssen die Fans überzeugen, dafür müssen sie uns etwas Zeit geben.”

In Würselen hat er gewohnt, als er drei Jahre bei Lierse SK unterwegs war. Seine Frau hat in Aachen ihre Ausbildung gemacht. Sie kennen die Region, auch wenn die Familie nun in Bergisch Gladbach lebt und dort auch bleibt.

„Er macht das im Moment richtig gut. Er klinkt sich auf seine Art sehr gut in die Gruppe ein”, sagt Trainer Peter Hyballa.

Ein naheliegender Gedanke könnte es sein, den ausgemachten Leitwolf zum Kapitän zu machen. Zdebel hat das Amt in Lier, Bochum oder Ankara bekleidet. Er fordert es in Aachen nicht ein. „Es geht doch darum, Verantwortung auch ohne Binde zu übernehmen.”

Ob er gerade in Tirol sein vorletztes Trainingslager erlebt? Der Vertrag des Seniors läuft ein Jahr, eine Fortsetzung ist nicht ausgeschlossen. „Ich will mich nicht festlegen, ich genieße die Zeit.”