Aachen: Sergio Pinto: Ein „Bad Boy” auf Schmusekurs

Aachen: Sergio Pinto: Ein „Bad Boy” auf Schmusekurs

Es war eine heikle Mission, die sich Dieter Hecking auf die Fahne geschrieben hatte. Nein, nicht die Rückkehr an den Tivoli bereitete dem ehemaligen Trainer von Alemannia Aachen Bauchschmerzen. Heckings moralisches Dilemma lag vielmehr darin, dass er, als Übungsleiter von Hannover 96, intensiv um Sergio Pinto buhlte, der mit den Schwarz-Gelben tief im Abstiegskampf steckte.

Der Deutsch-Portugiese zählte nach dem lang ersehnten Aufstieg in die Erste Liga zu den Korsettstangen im Aachener Gebilde. Davon gab es nicht viele, nachdem Erik Meijer und Willi Landgraf ihre Karriere beendet hatten und Alemannia-Kapitän Reiner Plaßhenrich sich erneut einer Knie-Operation unterziehen musste. Im Zeichen des Abstiegskampfes wurde deshalb ein neuer Kämpfer gesucht - Sergio Pinto nahm die Herausforderung an.

Alptraum zahlreicher Gegenspieler

Mit seiner kompromisslosen Spielweise hatte er Aufstiegstrainer Hecking schon zu Zweitliga-Zeiten beeindruckt. Pintos Kredit war sogar so groß, dass er Publikumsliebling Landgraf regelmäßig aus der Startelf verdrängte. Denn ähnlich wie sein Vorgänger ging er keinem Zweikampf aus dem Weg, was ihn zum Alptraum zahlreicher Gegenspieler machte. Nicht nur in Aachen, auch bei Hannover 96. Heckings Mission war erfolgreich.

Ein prominenter Gegenspieler bekam den Kampfgeist des 29-Jährigen zuletzt schmerzhaft zu spüren: Michael Ballack. Der Neu-Leverkusener zog sich bei einem Zusammenprall mit Pinto eine feine Fraktur im Scheinbeinkopf zu - die nächste schwere Verletzung des DFB-Kapitäns, der zuvor schon die WM 2010 auf Grund eines gerissenen Syndesmosebandes verpasst hatte. „Ich kann ja nicht zurückziehen, nur weil es Ballack ist”, urteilte Pinto, der sich dabei eine schwere Wadenprellung inklusive Bluterguss zuzog, vor laufenden TV-Kameras.

Da die Wellen nach diesem Statement hochschlugen, ging der „Bad Boy” auf Schmusekurs. Er griff zum Telefonhörer und entschuldigte sich bei Bayer-Sportchef Rudi Völler. „Es ist traurig und schade für Michael, dass er bei dem Zusammenprall wieder solch eine Blessur erlitt”, sagte Pinto, stellte aber im gleichen Atemzug klar: „Es war einfach eine unglückliche Situation. Ich habe noch nie jemanden böswillig verletzt.”



Kesse Sprüche

Der Lautsprecher gab klein bei - obwohl er schon in Aachen berühmt war für seine kessen Sprüche. „Sergio Pinto? Der macht nur Blödsinn, nicht nur mit uns. Der hat immer einen Spruch drauf”, erklärten Mannschaftsbetreuer Herbert Becker und Zeugwart Michael Förster schmunzelnd.

Das ist aber nur eine Seite des Deutsch-Portugiesen, der mit zwölf Jahren vom renommierten FC Porto zum Dorf-Klub TuS Haltern wechselte. Ein Rückschritt? Nicht für Sergio Pinto. „Ich wollte nicht jeden Tag 35 Kilometer fahren, ohne die Sprache zu kennen”, lautete „Pintes” Begründung, warum er sich beispielsweise nicht dem weiter entfernten FC Schalke 04 anschloss.

Sein Talent führte ihn aber schließlich doch zu den Blau-Weißen - als Flügelstürmer. Denn neben seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten in der Balleroberung verfügt der Heißsporn auch über eine beachtliche Technik. Die zeigt sich vor allem bei Freistößen und Fernschüssen, die Pinto regelmäßig abfeuert.

„Tor des Monats”

Einer dieser Kunstschüsse brachte ihm das „Tor des Monats” ein, im November 2005 im Alemannia Trikot. Drei Jahre später schoss Pinto erneut scharf: Er traf aus rund 30 Metern und das ausgerechnet gegen seinen Ex-Verein Schalke 04. „Tor des Monats” reloaded. Ein Titel, auf den Hannover 96 lange warten musste: Siggi Reich gelang im März 1988 der letzte preisgekrönte Treffer.

Auch deshalb dürfte sich Mirko Slomka, der Nach-Nachfolger von Dieter Hecking bei den 96ern, darüber gefreut haben, dass Pinto im Mai diesen Jahres seine Arbeitspapiere um drei Jahre verlängerte. Zumal Hannover mit dem 29-Jährigen auf der Zielgeraden der Saison 2009/2010 der Klassenerhalt gelang, was viele Experten nicht mehr für möglich gehalten hatten.

Als Abstiegskandidat Nummer 1 gingen die Niedersachsen auch in die laufende Spielzeit - doch erneut machten die 96er alle Prognosen zunichte: Sie legten den besten Saisonstart seit mehr als 40 Jahren hin - mit Sergio Pinto in der Startformation, in allen sechs Spielen. Denn auch in Hannover ist Pinto zur tragenden Stütze geworden. Dieter Hecking hatte schon damals den richtigen Riecher.

Steckbrief (Quelle: http://www.transfermarkt.de)

Geburtsdatum: 16.10.1980
Geburtsort: Mafamude
Alter: 29
Größe: 1,75
Nationalität: Portugal/Deutschland
Position: Mittelfeld
Debüt 1. Bundesliga: 25.09.1999 für Schalke 04

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