Netzschau zum Spiel Alemannia Aachen gegen den Wuppertaler SV

Netzschau zum Spiel der Alemannia gegen Wuppertal: And the Oscar goes to ...

Am Samstag sollte eigentlich ein Spiel zwischen Alemannia Aachen und dem Wuppertaler SV im Rahmen der Regionalliga West stattfinden. Stattdessen fanden sich die Zuschauer auf dem Tivoli aber im Open Air Kino wieder. Leider waren die schauspielerischen Leistungen miserabel und der Film hatte kein Happy End. Musste sich den ganzen Streifen ohne Popcorn reinziehen: unsere Netzschau.

„Und wieder liegt der Gegner hinten, vielen Dank ...“ ist einer der schönen Reime von Alemannias Stadionsprecher Robert Moonen, wenn die Schwarz-Gelben in Führung gehen. Das gilt aber nur für Tore, nicht für die Anzahl der Spieler auf dem Platz. Ansonsten hätten die über 5.000 Zuschauer auf den Rängen am Samstag den Zweizeiler bereits in der 15. Minute gehört. Da verabschiedete sich nämlich der Wuppertaler Peter Schmetz nach einer Notbremse gegen Stipe Batarilo bereits mit dem roten Karton wieder. Und sorgte damit dafür, dass die Gastgeber 75 Minuten plus X in Überzahl agieren konnten.

Das X wurde am Ende sehr groß, das Spiel wurde zwischenzeitlich unterbrochen und die Überzahl halfen der Alemannia auch nicht. Im Gegenteil. Nach dem Abpfiff stand ein ziemlich frustrierendes 0:1 auf der Anzeigetafel. Aber spulen wir an den Anfang dieses schlechten Films zurück.

Fuat Kilic wollte den positiven Lauf der vergangenen Wochen fortsetzen und den Schwung mitnehmen. In der Liga hatte seine Mannschaft in diesem Kalenderjahr noch keinen Gegentreffer kassiert und im FVM-Pokal steht die Tivoli-Truppe nach dem 3:1-Sieg vor einer Woche in Freialdenhoven im Halbfinale.

Nun kam der Wuppertaler SV im Ligaalltag in die Kaiserstadt. Der Verein aus dem Bergischen Land hat seit der Winterpause mit finanziellen Problemen zu kämpfen - alle Schwarz-Gelben kennen das, daher sparen wir uns hier weitere Ausführungen. Sportlich geht so etwas natürlich nicht an der Mannschaft vorbei, der Kader wurde zwischen den Jahren deutlich umstrukturiert, sodass man sich am Tivoli berechtigte Hoffnungen machte, die drei Punkte Zuhause zu behalten.

Das sahen Fans wie Spieler nicht anders.

Um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, schickte Fuat Kilic nahezu die gleiche Elf ins Rennen, die im Pokal siegreich unterwegs waren. Lediglich der gesperrte Matti Fiedler fehlte. Für ihn rückte Aachens Mr. Cool und Abgeklärt Alexander Heinze ins Team.

Der und seine Mannschaftskollegen machten dann auch von Beginn an Druck und zwangen die Gäste in die eigene Hälfte. Nach einer Viertelstunde drückte Batarilo dann aufs Gaspedal, Schmetz stoppte ihn regelwidrig und konnte dann duschen gehen. Spätestens ab da hatte die Alemannia gefühlt 100 Prozent Ballbesitz, nur das Tor fehlte.

Und dann kam es, wie es kommen muss: Der Gegner ging in Führung. Nach einem Freistoß von Ex-Alemanne Maik Kühnel köpfte Torben Uphoff das 1:0 aus Sicht der Wuppertaler, die sich von da an erst recht auf das Verteidigen des eigenen Strafraums konzentrierten - und auf das Austesten der Liegeeigenschaften des Rasens.

Das Zeitspiel ist keine Erfindung der Wuppertaler, die ihnen am Samstag eingefallen ist. Das gehört zum Fußball dazu, ob es gefällt oder nicht. Nutzt es die eigene Mannschaft, ist das clever und abgezockt, nutzt es der Gegner nervt es. Es gibt aber immer eine Grenze, die darüber entscheidet, ob das Zeitspiel noch den Rahmen von Fair Play einhält oder nicht. Auch oder gerade wenn es um die Verteidigung einer Führung in Unterzahl über einen langen Zeitraum geht: hier ein paar Sekunden beim Abstoß, da ein paar beim Abwurf und zu guter Letzt ein bisschen Theatralik bei einem vermeintlichen Foul. Alles in Ordnung. Muss niemand mögen, aber es gehört zum Fußball (leider) dazu.

Was die Wuppertaler allerdings in der zweiten Hälfte dargeboten haben, das lief bei den Academy-Awards-Nominierungen eher unter „Sportlich fair? Fragwürdig“ ein als unter „Wow! Clever, abgezockt und kalt wie Hundeschnauze!“

Aber um in der Chronologie des Spiels zu bleiben, gab es vor der Halbzeit erst noch einen Rückschlag für die Alemannia. Keeper Daniel Zeaiter verließ für eine Rettungsaktion nach rund einer halben Stunde seinen Strafraum, klärte den Ball, musste sich dann an den Oberschenkel greifen und gab direkt das Zeichen für eine Auswechslung. Sein Verletzungspech war aber immerhin Ausgangspunkt für die schönste Nachricht des Tages: Niklas Jakusch gab sein Comeback zwischen den Pfosten!

Es folgte der Halbzeitpfiff. Die Aachener mussten mit dem 0:1 in die Kabine.

Es sollte eine zweite Halbzeit folgen, die es so wohl auch noch nirgends gegeben hat.

Im Normalfall wäre der zweite Durchgang schnell erzählt: Der Gast führt in Unterzahl und igelt sich hinten ein. Die Gastgeber rennen an und versuchen zumindest den Ausgleich zu erzielen, und bestenfalls das Spiel zu drehen. Aber auf dem Tivoli ist selten etwas normal.

Denn neben den Versuchen der Alemannia das Spiel zu drehen - an der Stelle sei aber ehrlicherweise auch geschrieben, dass die Hausherren zwar mehr vom Spiel hatten, die richtig zwingenden Chancen fehlten aber, von wenigen Ausnahmen abgesehen - bemühten sich die Spieler vom WSV um eine Oscar-Nominierung. Gereicht hätte es allerdings nur für goldene Himbeeren.

Da fielen fast alle Spieler nach jedem Körperkontakt wie vom Blitz getroffen zu Boden, krümmten sich, rollten von links nach rechts, zuckten wie Fische an Land und robbten sich in bester „Saving Private Ryan“-Eröffnungssequenz über das Grün. Es wirkte fast als hätten viele Spieler der Gäste ihren Abschluss an der Neymar-Schauspiel-Schule gemacht. Viele Einlagen machten den Eindruck als würde im Training vor allem Wert auf Zeitspiel gelegt. Oder viele Spieler sind nebenbei noch bei der Stiftung Warentest angestellt und hatten den Auftrag den Rasen zu testen: Liegeeigenschaft, Rolleigenschaft, Bequemlichkeit bei Nässe und so weiter.

Bei den meisten der 5.200 Zuschauer im Stadion kam dieses Verhalten überraschenderweise nicht gut an. Und auch die Bank der Wuppertaler wollte zeigen, dass sie die Rolle des „Bad Guy“ beherrscht und warf zwischenzeitlich einen zweiten Ball aufs Spielfeld. Die typischen "Das ist nur aus Versehen passiert"-Gesten nahm dann aber auch Aachens Trainer Kilic nicht mehr für voll und richtete verbale Grüße in Richtung seines Trainerkollegen.

Der Höhepunkt des Films, der definitiv gute Chancen für das schlechteste Drehbuch hat, folgte dann kurz nach Beginn der eigentlich letzten zehn Minuten.

Dieses Mal verließ WSV-Keeper Sebastian Wickl seinen Strafraum, klärte aber nicht den Ball. Er räumte einfach Aachens Stürmer Dimitry Imbongo ab. Konsequenz seitens des Schiedsrichtergespanns: keine. Dafür gab es aber direkt Karma-Punkte für ihn, die sofort in eine Verletzung und damit einhergehende Auswechslung eingetauscht wurden.

Bedauerlich aus Aachener Sicht: Vereinzelte Zuschauer warfen Gegenstände aufs Spielfeld. Der Schiedsrichter unterbrach die Partie für zwei Minuten und drohte mit Spielabbruch.

Sicher gab es schon extremere Ausschreitungen auf dem Tivoli, ein Nachspiel beim Sportgericht wird es aber sicher geben. Denn die Alemannia gilt als Wiederholungstäter und steht unter besonderer Beobachtung. Da ist jeder noch so kleine Vermerk eines Schiedsrichters im Spielbericht einer zu viel.

Direkt nach der Wiederaufnahme der Partie hatte Aachens Robin Garnier dann die größte Chance auf den Ausgleich. Nach feiner Kofballvorlage von Imbongo köpfte der Rotschopf den Ball aus kürzester Distanz nur Millimeter eben das Gästegehäuse.

Es war wie so häufig in der gesamten Saison: Aufgrund der Überlegenheit, des Ballbesitzes, der Ecken und teilweise gut herausgespielten Chance wäre ein deutlicher Sieg, vor allem gegen einen Gegner in Unterzahl, drin gewesen. Allein die Konsequenz und manchmal auch das Glück beim Abschluss fehlten wieder.

Und so blieb es beim 0:1. Mit Nachspielzeit und Unterbrechung war nach etwas mehr als 105 Minuten Schluss.

Bei den Kaiserstädtern herrschte Frust ...

… die Wuppertaler feierten ihren „dreckigen“ Sieg.

Fazit aus Sicht der Fans: Die Art und Weise der Wuppertaler war nicht schön, aber erfolgreich.

Und trotz der Niederlage wird der nächste Besuch auf dem Tivoli nicht in Frage gestellt.

Zunächst einmal müssen die Alemannen aber in der kommenden Woche zum Aufsteiger Kaan-Marienborn. Da gibt es aus dem Hinspiel noch etwas gut zu machen. Da holten die Schwarz-Gelben nach einem 0:2-Rückstand mit Ach und Krach noch einen Punkt.

Noch ein kleiner Nachtrag fürs Protokoll: Ob der Sand im Fünfmeterraum vor dem Kaiserstädter Wall zu den ersten behobenen Mängeln durch die Baufirma Hellmich (nicht verwandt oder verschwägert mit dem Autor dieser Zeilen!) gehört, darf übrigens bezweifelt werden.

Legt jetzt einen schönen Film ein und ist auch nächste Woche wieder dabei: die Netzschau.

Mehr von Aachener Nachrichten